Winnenden

Warum attackierte der Greifvogel den Motorradfahrer?

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Im Juni kommt es hin und wieder zu Angriffen gegen Jogger, wenn die Jungvögel Fliegen üben. Aber jetzt? © pixabay.com (CC0 Creative Common

Backnang. Das ist mehr als ungewöhnlich: Ein Vogel greift einen Motorradfahrer an. Am Sonntag ist das in Backnang passiert. Die Brutzeit ist längst vorbei; mit der Verteidigung von Jungtieren kann der Vorfall also nichts zu tun haben. Der Alfdorfer Ornithologe Arnold Sombrutzki hält es für möglich, dass der Vogel gar niemanden angreifen wollte, sondern sich im Jagdflug befand und nicht mehr ausweichen konnte.

Immer mal wieder berichten Jogger, ein Mäusebussard habe sie angegriffen. Eine Winterbacherin meldete solch einen Vorfall zuletzt im Juni (wir haben berichtet). Um diese Zeit unternehmen die Jungen der Mäusebussarde erste Flugversuche. Sie scheitern noch recht häufig und sitzen dann frustriert im Gebüsch. Für ihre Eltern ist das eine nervenaufreibende Zeit. Der Nachwuchs muss raus aus dem Nest, um fliegen zu lernen – und befindet sich am Anfang als Bruchpilot in höchster Gefahr. Kein Wunder, dass Mäusebussarde dann einen Jogger als potenziellen Vogelmörder wahrnehmen können – und ihn vertreiben wollen.

Momentan kein Grund für Angriff

Im Juni macht das Sinn – aber nicht im September. Mittlerweile haben alle Jungvögel die Flugschule erfolgreich durchlaufen, und zurzeit befassen sich Bussarde mit ganz anderen Fragen: Wer reist gen Süden und wer nicht? Bussarde sind „Teilzieher“, erklärt Arnold Sombrutzki, das heißt: Ein Teil der Population macht im Herbst die Flatter Richtung Südfrankreich; einige Bussarde harren den Winter über in Deutschland aus. Kurzum: Ein Bussard hat momentan keinen Grund, weshalb er sich mit einem Menschen anlegen sollte, noch dazu mit einem Motorradfahrer.

Habicht oder Sperber auf Jagd?

Arnold Sombrutzkis Erfahrung nach sind zwar fast immer Mäusebussarde die Übeltäter, wenn Menschen von unliebsamen Begegnungen mit Greifvögeln berichten. In diesem Fall könnte es anders gewesen sein – das ist jetzt aber nur eine Mutmaßung: Ein Habicht oder ein Sperber könnte der Jagd nachgegangen sein – und just in diesem Moment kommt ihm der Motorradfahrer in die Quere. „Überraschungsjagd“ heißt das, womit sich diese Vögel auch sonntags gern die Zeit vertreiben. Sie sausen bodennah durch die Lande in der Hoffnung, ein kleineres Vögelchen aufscheuchen zu können – um sich gütlich zu tun am Federvieh.

Motorradfahrer könnte Jagdbahn gekreuzt haben

Es könnte nun sein, der Motorradfahrer kreuzte die Jagdbahn eines Sperbers oder Habichts, der Vogel konnte nicht mehr rechtzeitig abdrehen – und schon kam es zur Anscheinsattacke.

Tiere besetzen ab März ihr Revier

Mäusebussarde begeben sich jetzt erst mal in Urlaub. Zu Auseinandersetzungen mit Joggern könnte es dann nächstes Jahr wieder kommen. Etwa ab März besetzen die Tiere ihr Revier. Hauptlegezeit ist im April. Die Jungvögel sind dann wieder im Juni als Fluganfänger unterwegs – im Schlepptau Mama Bussard mit reichlich gereiztem Nervenkostüm.