Winnenden

Warum die Müllgebühren steigen

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AWG-Chef Gerald Balthasar mit Landrat Richard Sigel und Eckhard Haubrich von der Ingenieurgruppe RUK auf der Steinbacher Deponie-Baustelle. © Büttner / ZVW
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Deponie
Ingenieur Eckhard Haubrich erklärt die Funktionsweise eines Gasbrunnens, der Deponiegase aus dem Inneren des Deponieberges hochpumpt. © Büttner / ZVW

Backnang. Wir Menschen haben einst einfach unseren ganzen Müll auf einen großen Haufen geschmissen – dafür zahlen wir heute einen hohen Preis. Die Deponien im Rems-Murr-Kreis abzudichten, wird für die Abfallwirtschaft in den kommenden Jahren zur Millionen-Aufgabe. Deshalb steigt die Müllgebühr.

Um uns klarzumachen, welch ein Müllberg – von Zigarettenschachteln bis zu Blechbüchsen, von Aluminium bis zu Kunststoffen – wild durcheinander auf dem alten Teil der Deponie Backnang-Steinbach lagert, stellen wir uns ein olympisches Großschwimmbecken vor: 50 Meter lang, 20 Meter breit, sechs Meter tief. Fassungsvermögen: 6000 Kubikmeter. Um den Steinbacher Unrat zu verstauen, bräuchten wir 300 solcher Bassins – denn wir reden hier von 1,8 Millionen Kubikmetern Wegwerfware.

All das wurde angehäuft in nur 16 Jahren, von der Inbetriebnahme 1978 bis zur Stilllegung dieses Deponie-Abschnitts 1994. Um im Bild zu bleiben: Etwa alle 20 Tage war ein neues Schwimmbecken zugemüllt.

Sickerwasser-Reinigungsanlage installiert

Heute läuft das anders: Nur mineralische Stoffe landen noch auf der Deponie, anderes wird verbrannt. Damals aber kam alles auf einen Haufen – und 1994 Erdreich drüber. Oberflächlich betrachtet war alles gut. Büsche sind dort seither gediehen, Bäumchen, Gräser. Nur: Darunter rumort es.

Problem eins: Wenn es regnet, sickert das Wasser in den Berg und schwemmt umweltbelastende Stoffe aus – die Brühe kann ins Grundwasser gelangen. Um das zu verhindern, haben die Abfallwirtschaftler in Steinbach eine Sickerwasser-Reinigungsanlage installiert.

Gasbrunnen pumpt Methan empor

Problem zwei: Der ganze Kram morchelt vor sich hin und setzt Gase frei, unter anderem Methan, dreißigmal klimaschädlicher als CO2. Dieses böse Lüftchen wird über Gasbrunnen emporgepumpt und einem Motor zugeleitet, der daraus pro Monat 30 00 Kilowatt Strom produziert.

So kann es nicht bleiben

Die beiden Probleme sind damit fürs Erste eingehegt. Doch auf Dauer kann es so nicht bleiben. Das Gesetz schreibt vor, Alt-Deponien abzudichten. Konkret heißt das in Steinbach: Ein 11,5 Hektar großes Areal – eine Fläche von 17 Fußballfeldern – erhält einen drei Meter dicken Überzug, der aus verschiedenen Lagen besteht, von der zweieinhalb Millimeter dünnen Kunststoffbahn über einige Zentimeter starke Spezialmatten bis zur zwei Meter dicken Rekultivierungsschicht, die der Vegetation Wurzelgrund bietet. 280 000 Tonnen Bodenmaterial werden dafür angekarrt; macht rund 1200 Lastwagen-Touren.

Der doppelte Effekt: Regenwasser kann nun erst gar nicht mehr bis zum Müll vordringen, sondern wird zur Seite abgeleitet und bleibt sauber. Und die Deponiegase, die sich noch jahrzehntelang bilden werden, lassen sich gründlicher abgreifen.

Zwei teure Bauabschnitte

Wer sich die Dimensionen dieser Baustelle vor Augen führt, gewinnt eine Ahnung davon, warum die Müllgebühren steigen. Das Projekt Steinbach besteht aus zwei Bauabschnitten – allein der erste, der im April begonnen wurde und Anfang 2019 fertig sein soll, kostet fünf Millionen Euro. Und damit ist es ja nicht getan. Zwar hat die Deponie Kaisersbach-Lichte ihren Überzieher schon verpasst bekommen, aber danach brauchen auch die Altlasten in Schorndorf und Winnenden einen Pariser.

„Nichts verschlafen“, oder: Warum erst jetzt?

Das hätte die AWG schon viel früher anpacken müssen, vor zehn Jahren wäre all das viel billiger zu haben gewesen, die Baupreise sind seither explodiert, und die Sickerwasserreinigung hätte man sich auch gespart: So grummelt es derzeit hinter den Kulissen; auch in unserer Zeitungsredaktion ist das anonyme Geraune angekommen. Ist da was dran? Wer so etwas behauptet, antwortet AWG-Chef Gerald Balthasar, habe von der Materie nicht viel Ahnung und sei obendrein „nicht gut in Mathe“.

Zehn bis fünfzehn Jahre Ruhe

Erstens: Bevor so ein Drecksgebirge eingekapselt werden kann, muss es ruhen. Das Material braucht Zeit, um sich zu setzen. Zöge man die Dichtungsbahnen zu früh drüber, würden sie reißen, sobald Hohlräume in sich zusammenfallen. Ruhezeiten von zehn, fünfzehn Jahren sind branchenüblich.

Mehr als 200 000 Transportkosten im Jahr

Zweitens: Die AWG kann nicht alle Deponien gleichzeitig sanieren, mehrere Riesenbaustellen parallel würden die organisatorischen Kräfte übersteigen. Es galt also, eine Reihenfolge festzulegen – und da fiel die Wahl auf Kaisersbach-Lichte als Nummer eins, denn hier waren die Probleme am drängendsten: Es gab dort keine Anlage zur Reinigung des Sickerwassers. Die Schmutzbrühe – 20 000 Kubikmeter pro Jahr – musste gesammelt und nach Steinbach zur Säuberung gefahren werden; jährliche Transportkosten: mehr als 200 000 Euro.

„Auf gut Deutsch“, sagt Landrat Richard Sigel: „Hier wurde nichts verschlafen.“

Die Zauneidechse, oder: Tücken des Naturschutzes

Wirtschaftlich optimal wäre es, Steinbach in einem Rutsch zu überziehen. Aber das ist verboten. Denn auf dem Gelände hat sich schutzwürdiges Getier angesiedelt: Haselmaus und Zauneidechse huschen durchs Gebüsch, drüber in den Zweigen säuselt der Fitislaubsänger, tschilpt die Goldammer, schwatzt die Klappergrasmücke. Deshalb wurde das Gelände in zwei Abschnitte unterteilt. Zunächst wird Abschnitt 1 abgedichtet und ruht danach zwei Jahre, bis frisches Grün nachgewachsen ist. Nun können die Tiere von Abschnitt 2 dorthin umziehen. Erst dann, also etwa 2020, geht’s weiter. Die Verfugung der beiden Abdichtungszonen aber ist komplex und verteuert das Projekt um eine Million Euro.

Tieren wird der Lebensraum genommen

Na gut, ließe sich sagen, das sind uns die Tierlein wert – aber nun beginnt der Irrsinn: Wenn 2022 alles fertig ist, muss das Areal aufgeforstet, in einen Hochwald verwandelt, in den Urzustand der 70er Jahre vor dem Deponiebau zurückversetzt werden; so wollen es die für den Bereich Forst zuständigen Landesbehörden. Ein Hochwald aber ist weder für die Zauneidechse noch für die Klappergrasmücke ein geeignetes Revier, sie brauchen eine lichtere Vegetation. Mit anderen Worten: Die Abfallwirtschaftler müssen mächtig Aufwand für Tiere treiben, denen am Ende doch der Lebensraum genommen wird. Dass da der Gebührenzahler grummelt, darf niemanden verwundern.