Winnenden

Weichen Parkplätze für Radwege? Winnender Handelsvertreter fordern Parkhaus

1/2
wegfallenden Parkplätze
Vorstandsmitglieder vom Verband der Selbstständigen und vom Verein Attraktives Winnenden (von links): Jürgen Jehle, Michael Rieger, Hermann Giesser, Catharina Class, Timm Hettich. © Alexandra Palmizi
2/2
Parkplätze weg
Von 29 Kurzzeitparkplätzen an der Paulinenstraße könnten zugunsten von Radschutzstreifen nur noch neun übrig bleiben. © Gabriel Habermann

Die Stadt plant sichere Radwege und hat kurz vor Weihnachten informiert, dass dafür bis zu 56 Parkplätze zwischen Markthalle und oberer Paulinenstraße wegfallen könnten. Die Zahl schwankt, je nachdem, für welche Variante sich der Gemeinderat dereinst entscheiden wird (wir haben am 17.12. und 7.1. berichtet).

Bisher hat sich unsere Redaktion gewundert, dass kein Aufschrei der Geschäftswelt an der oberen Paulinenstraße zu hören ist. Timm Hettich, Geschäftsführer vom Stadtmarketingverein Attraktives Winnenden (VAW), lacht bitter: „Die Gebäudeeigentümer haben sich alle bei VAW und Verband der Selbstständigen gemeldet, der Aufschrei ist sehr wohl erfolgt.“

„Die Kunden werden mit dem Gaspedal entscheiden, wo sie einkaufen“

In Vertretung der Händler und anderer Gewerbetreibender in der Innenstadt zeigen sich die Vorstandsmitglieder enttäuscht und verärgert über den Vorstoß der Stadt. „Aber nicht, weil wir gegen Radfahrer sind“, betonen sie. „Es kann aber nicht sein, dass die Verbesserungen zulasten von Händlern geht“, sagt der 1. Vorsitzende des VAW, Michael Rieger.

Für ihn ist ganz klar, dass ein Großteil der Kunden sich woandershin orientiert, wenn sie nicht mehr bequem einen Parkplatz finden. „Dann wird mit dem Gaspedal entschieden.“

Inzwischen war die Gruppe im Rathaus und hat sich mit der Führungsspitze ausgetauscht. „Wir haben uns ernst genommen gefühlt. Aber wir haben auch den Eindruck bekommen, dass das Konzept schon in Stein gemeißelt ist“, sagt Jürgen Jehle, Kassier beim VAW und Vorstandsmitglied im VdS. Die Gruppe sieht sich daher genötigt, im Pressegespräch den verbalen Bohrhammer auszupacken, um ihrerseits ein paar wirkungsvolle Pflöcke einzuschlagen.

Handelsvertreter wollen ihre Idee besprechen und bei der Umsetzung helfen

„Wir wollen darüber reden, wie man weitere Parkplätze schaffen kann, und dass das auch in die Wege geleitet wird, bevor die Radwege gebaut werden“, sagt Michael Rieger. Zum Beispiel könnte die Stadt ein brachliegendes Grundstück kaufen. „Dafür kann sie sich das Vorkaufsrecht einräumen“, schildert Michael Rieger eine erste Idee. „Wir als Bauträger würden gerne ein Angebot abgeben, um ein Hoch-Parkhaus zu bauen“, so Catharina Class. Egal, wer es letztlich erstellt: „Viele Selbstständige würden sich gerne an den Baukosten beteiligen“, ergänzt Jürgen Jehle.

Ein Parkdeck oder Parkhaus ist wesentlich günstiger als eine Tiefgarage

Vorbild ist für Michael Rieger das „dezente private Parkhaus in Backnang bei Windmüller“. Es wirke klein, überhaupt nicht schmuddelig, auch Frauen fühlten sich dort sicher. In Schorndorf findet er „das Leitsystem zu den Parkhäusern super, auch wenn man dann zum Einkaufen ein paar Schritte laufen muss“. Und schließlich baut der Kreis gerade beim Klinikum ein Parkdeck ... Rieger weiß als Geschäftsführer der Baugenossenschaft Winnenden, dass oberirdische Parkplätze wesentlich günstiger herzustellen sind als unterirdische in einer Tiefgarage. „Die Baukosten für einen Tiefgaragenplatz liegen mittlerweile bei 75 000 bis 80 000 Euro.“

Der Stadt hatte Rieger schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, die Parkdecks Wiesenstraße um zwei Stockwerke aufzustocken. Sie wurden bis vergangenes Jahr aufwendig saniert. Die Auskunft aus dem Bauamt lautete zu Riegers Leidwesen, dass die Statik zu schlecht sei und keine weiteren Stockwerke tragen könne.

Corona hat der Innenstadt Kunden genommen

Das Thema brennt den Selbstständigen schon lange unter den Nägeln, nicht erst, seit das Radkonzept wieder aus der Schublade geholt wurde. An der Robert-Boehringer-Straße sind Innenstadtparkplätze weggefallen, und wenn der Kronenplatz mal bebaut wird, fehlen auf einen Schlag viele Parkplätze, bis das Projekt fertig ist.

„Das Konzept ruhender Verkehr ruht“, sagt Hermann Giesser angesäuert. Schon Anfang 2020 wollten die Vorstände Druck machen, sind aber wegen Corona nicht zu Wort gekommen. „In der Zwischenzeit hat Corona der Innenstadt Kunden weggenommen, sie kaufen im Internet ein – auch wenn sie jüngere Radfahrer sind“, sagt Rieger mit Blick auf seinen Sohn.

Und für die verbliebene Kundschaft, die im Schnitt älter ist, wollen Händlervertreter wie Catharina Class eines: „Dass sie bequem einkaufen können.“

Rieger: „Man muss etwas für Radler und Autofahrer tun“

Natürlich vertritt die Gruppe wirtschaftliche Interessen. Aber dass die Radler die „besseren Kunden“ seien, die einen höheren Umsatz bringen, wie es der ADFC unter Verweis auf eine Studie aus London behauptet hat, können sie so nicht stehenlassen. „Auch in Stuttgart brauche ich kein Auto. Aber in unserer Kleinstadt ändert sich das in den nächsten 15 Jahren nicht“, glaubt Rieger. „Man muss etwas für Radler und Autofahrer tun“, findet er.

Rieger und seine Mitstreiter denken auch an Mitarbeiter der Geschäfte

Dabei geht es ihm und seinen Mitstreitern nicht nur um Kunden, sondern auch die Mitarbeiter der Geschäfte, Praxen, Banken und so weiter – und die Anwohner. Rieger glaubt, dass die drei Gruppen alle im Wechsel an einem Tag zum Beispiel entlang der Seegartenstraße parken.

Viele Anfragen für einen Stellplatz gehen ein

„Wir kriegen sehr viele Anfragen, ob wir einen Stellplatz zu vermieten oder zu verkaufen haben“, sagt Catharina Class über den spürbaren Bedarf.

Sie ist froh, dass die Stadt vor dem Holzmarkt-Carré wieder für Stellplätze gesorgt hat. „Die waren alternativlos“, sagt Timm Hettich.

Jehle hat beobachtet, dass die Schüler eine ganz andere Route nehmen

Wie bewertet die Gruppe den Ansatz, dass bessere Bedingungen für Radfahrer Anreize schaffen, auf abgaslose Fortbewegung umzusteigen und damit auch den Klimawandel aufzuhalten? Dabei geht es nicht nur um sichere, sondern auch direkte, umwegfreie Verbindungen. Michael Rieger betont, dass „Winnenden Tempo 30 und Einbahnstraßen mit markierten Radwegen hat“.

Auch die Busverbindungen seien gut. Es enttäuscht ihn, dass der Verkehrsplaner weder mit der Erfassung von Radfahrerströmen beauftragt war, noch damit, Routen-Alternativen aufzuzeigen.

Jürgen Jehle hat sich zwei Stunden morgens an die Paulinenstraße gestellt und beobachtet, dass die Masse der radelnden Schüler über die Mühltorstraße, Schlossstraße und die Robert-Boehringer-Straße fährt und eben nicht auf der beschriebenen Strecke.

Warum werde diese Trasse nicht verbessert, fragt sich die Gruppe.

Giesser will keinen der Kurzzeitparkplätze aufgeben

„Ich bezweifle, dass die neue Tangente genutzt wird. Ich bin überzeugt, dass die Schüler nach wie vor so fahren, wie sie es jetzt tun“, so Rieger. Das Gefühl zu haben, Parkplätze werden unnötig geopfert, lässt die Vorstände köcheln.

Und dass neun Parkplätze an der oberen Paulinenstraße erhalten werden könnten, reicht auch nicht. „Wir brauchen an der oberen Paulinenstraße alle 29 vorhandenen Kurzzeitparkplätze“, sagt Hermann Giesser.

Die Stadt plant sichere Radwege und hat kurz vor Weihnachten informiert, dass dafür bis zu 56 Parkplätze zwischen Markthalle und oberer Paulinenstraße wegfallen könnten. Die Zahl schwankt, je nachdem, für welche Variante sich der Gemeinderat dereinst entscheiden wird (wir haben am 17.12. und 7.1. berichtet).

Bisher hat sich unsere Redaktion gewundert, dass kein Aufschrei der Geschäftswelt an der oberen Paulinenstraße zu hören ist. Timm Hettich,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper