Winnenden

Wenn psychisch Kranke straffällig werden

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Dr. Thomas Schlipf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie West am Klinikum Schloss Winnenden. © Habermann /ZVW
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Bernd Czerny, Kaufmännischer Direktor. © Habermann/ZVW
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Hans-Jürgen Kutterer, Pflegedirektor © Habermann/ZVW.

Winnenden. Der ist psychisch krank. Zack, der Stempel ist drauf. Eine Straftat, ein befremdliches Verhalten ist damit leicht erklärt. Vielleicht zu leicht und zu schnell. Wenn’s so einfach wäre, müssten doch Ärzte beurteilen können, ob ein psychisch kranker Mensch gefährlich werden könnte. Dr. Schlipf vom Klinikum Winnenden hält das für sehr schwierig bis unmöglich.

Gefühlt häufen sich in letzter Zeit die Fälle. Mitte August ging das los. Patienten randalierten im Klinikum Schloss Winnenden, es kam zu „tumultartigen Szenen“. Pflegepersonal und Ärzte wurden der Situation nicht mehr Herr, riefen die Polizei hinzu. Mehrere Beamte erlitten Verletzungen.

Mitte Oktober wurde ein 56-jähriger Mann in die Psychiatrie gebracht, nachdem er in einer Postfiliale in Winnenden einen Streit angezettelt und Polizisten angegangen hatte. Nur wenige Tage später schoss ein 45-jähriger, offenbar psychisch kranker Mann in Weissach mit einer Luftdruckwaffe um sich. Er wurde später in eine forensische Psychiatrie gebracht. Eine 46-jährige Frau wurde Ende Oktober auf Anordnung eines Haftrichters in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Sie soll in Berglen-Lehnenberg ihren Ehemann mit Salzsäure schwer verletzt haben.

Kein erhöhtes Risiko für kriminelles Verhalten

Aus diesen Vorkommnissen eine generelle Verknüpfung zwischen psychischer Krankheit und kriminellem Verhalten herzustellen, wäre fahrlässig. Psychisch kranke Menschen bilden keine Personengruppe, bei der ein erhöhtes Risiko für kriminelles Verhalten vorliegt, sagt Dr. Thomas Schlipf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie West am Klinikum Schloss Winnenden. Eine psychische Krankheit oder ein psychischer Ausnahmezustand hilft aber Außenstehenden als Begründung für ein Fehlverhalten ungemein, weil sie sich auf diese Weise distanzieren, das Böse sozusagen von sich fernhalten können.

Darunter leiden Patienten. Sie fühlen sich stigmatisiert und zu Unrecht in die Nähe von Verbrechern gerückt, beschreibt Pflegedirektor Hans-Jürgen Kutterer Gedanken der Menschen: „Ich würde mir mehr Sensibilität wünschen.“

Sehr fließende Grenzen

Die Grenze zwischen psychisch krank und nicht krank „ist sehr, sehr fließend“, sagt Dr. Schlipf und spricht von „vielen, vielen Graufällen“. Keine schwere Straftat wird heute mehr vor Gericht verhandelt, ohne dass ein Gutachter den psychischen Zustand eines Angeklagten beurteilen würde. Da heißt es dann oft, eine psychische Krankheit sei nicht auszuschließen – womit bereits indirekt ein Zusammenhang hergestellt ist zwischen einer möglichen psychischen Störung und der Straftat.

Natürlich gibt’s auch Fälle, in welchen dieser Zusammenhang durchaus existiert. Ein kranker Mensch, der völlig gefangen in einem Verfolgungswahn jemanden angreift, hätte das in gesunden Zeiten wohl niemals getan. Solche Fälle sind aber keine Rechtfertigung dafür, psychische Krankheit grundsätzlich als mögliche Ursache für Straftaten zu betrachten. Bis heute ist unklar, ob der Germanwings-Copilot Andreas Lubitz, der ein Flugzeug mit 149 Menschen an Bord absichtlich hat abstürzen lassen, auf der Grundlage einer psychischen Erkrankung diese todbringende Entscheidung getroffen hat. Er hatte mit Depressionen zu tun. Doch Mordgedanken gelten nicht als Symptom einer Depression.

Belastbare Gefährdunganalyse "mehr oder weniger unmöglich"

In Lubitz’ Fall und in ungezählten anderen, weniger spektakulären Fällen stellt sich hinterher die Frage, warum Fachärzte nicht vorher erkannt haben, welche Zeitbombe hier tickt. Der Amokläufer Tim K. war in fachärztlicher Behandlung. Es ist trotzdem zur Katastrophe gekommen.

Eine belastbare Gefährdungsanalyse hält Dr. Schlipf – ganz allgemein gesprochen und nicht auf den Amoklauf bezogen – „für mehr oder weniger unmöglich.“ – „Es ist ganz schwierig vorherzusagen, ob jemand gefährlich ist oder nicht.“ Der Facharzt geht noch einen Schritt weiter: Beispielsweise Beziehungskonflikte gewalttätig auszutragen, sei kein „Privileg psychisch Kranker“. Dazu ist letztlich jeder fähig.

Der alltägliche Fall in der Psychiatrie ist ohnehin ein anderer. Fachärzte müssen beurteilen, ob jemand ernsthaft selbstmordgefährdet ist. „Manchmal irren wir uns bei der Beurteilung. Wie alle Menschen. Das ist dann furchtbar,“ sagt Dr. Schlipf: „Auch wir sind nicht unfehlbar.“

In einer brenzligen Situation ist es schwer einzuschätzen, ob ein aggressiver Mensch sich wegen einer psychischen Erkrankung so verhält – oder es andere Gründe hat. Trotzdem wird sich jeder Bürger fragen, wie er angemessen reagieren soll, wenn jemand ausrastet wie jüngst in der Winnender Postfiliale.

Kein Rezept für richtiges Verhalten

Es gibt kein Rezept für richtiges Verhalten, sagt Hans-Jürgen Kutterer. Dr. Schlipf hält es letztlich für nicht entscheidend, ob jemand randaliert, weil er betrunken ist, Drogen genommen hat oder sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet. „Ich würde versuchen, mich einzumischen, im Rahmen meiner Möglichkeiten.“

Der Winnender Randalierer fand sich kurze Zeit nach dem Vorfall im psychiatrischen Krankenhaus wieder. Wie lange er dort geblieben ist, ist nicht bekannt. Pflegedirektor Hans-Jürgen Kutterer beschreibt ganz allgemein, wie das Fachpersonal in Winnenden mit Patienten umgeht. Es gehe – abgesehen von Medikamentengaben – darum, in Beziehung zu treten, mittels gruppentherapeutischer Aktivitäten Betroffene in die soziale Gemeinschaft „wieder zurückzuholen“. In der Klinik erwarte den Patienten „Entgegennahme von Andersartigkeit“ – draußen eher weniger. Die Erfolgschancen beschreibt Kutterer als „sehr hoch“. Und Dr. Schlipf ergänzt: „99,8 Prozent unserer Patienten sind nicht gewalttätig. Sie leiden bitter.“

Hoher Aufnahmedruck
Das Klinikum Schloss Winnenden hat für das Fachgebiet Erwachsenenpsychiatrie den Versorgungsauftrag für den Rems-Murr-Kreis, den Ostalbkreis und die Region Ludwigsburg Süd.
Das Klinikum ist nach eigenen Angaben „einem sehr hohen Aufnahmedruck ausgesetzt“.