Winnenden

Wie Carolina Fischer vom Paulinenhof ihre Freilandschweine gegen Schweinepest schützt

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Hofleiterin Carolina Fischer beim Schweinegehege: Drei Zaunreihen schützen die Tiere. © Benjamin Büttner

Arme Sau! Bis vor kurzem waren die Schweine im Paulinenhof genau dort untergebracht, wo sie auf fast jedem Bauernhof eingepfercht waren: im Saustall, einem flachen Betongebäude, das irgendwann mit Lüftungsturbinen aufgerüstet wurde. Manchmal durften sie raus auf eine winzige Terrasse mit Betoneinfassung – das war aber schon das Höchste der Gefühle. Diese jahrzehntelang gültige Schweinewelt hat sich grundlegend geändert. Im Paulinenhof können sich die Tiere jetzt quicklebendig austoben.

Ein Anblick wie aus dem Bilderbuch-Bauernhof

Es ist, als hätte die Hofleiterin das Rad der Zeit um 50 Jahre zurückgedreht, als hätte sie ein Bauernhof-Bilderbuch als Vorlage gehabt. 28 quietschfidele Schweinchen rennen jetzt im Gehege oben am Hang herum, graben ihre Nasen in die feuchte Erde, schaufeln den Dreck durch die Gegend und rupfen die ganzen Grasnarben ab. Eine Menge Arbeit leisteten sie auf ihrem Feld, das mal eine Wiese war und jetzt nur durchgewühlter Acker ist. Wurzeln finden sie, Insekten und Larven, die sie sich schmecken lassen. Jede Sau grunzt so halblaut vergnügt vor sich hin und rupft und schmatzt. Komischerweise hat man den Eindruck, sie sind den fröhlichen Bilderbuchschweinen vom Gesicht her viel ähnlicher als die Eingepferchten von frühen. Es könnte sein, dass sie lächeln. Ihr Tierpfleger ruft sie in den Stall: „Kommet, kommet doch, was isch denn?“ Die Erste trottet herbei. Es braucht noch ein paar Rufe, dann rennt eine ganze Rotte mit richtig Tempo los. Schweine können unerwartet schnell sein. Man vergisst das, wenn man viele unbewegliche Tiere in Schweineställen der alten Art gesehen hat. Sonderlich folgsam sind die Tiere nicht. Im Paulinenhof bleibt ein Teil der Schweine draußen im Dreck, wo es ihnen gefällt, da kann der Tierpfleger lange rufen.

Der Biolandverbund hat den alten Schweinestall abgelehnt

Die langen superheißen Sommer der letzten Jahre haben den Anstoß gegeben, den alten Stall zu verlassen und den Tieren eine naturnahe Umgebung zu verschaffen. Carolina Fischer, die Leiterin des Paulinenhofs, hat das neue Gelände ausgesucht. Mit dieser Freilandhaltung der Schweine erfüllt sie auch eine Bedingung des Biolandverbunds, der die alte Stallhaltung in niedrigen und im Sommer trotz der Lüftung sehr heißen Gebäuden nicht mehr duldet.

Die Schweine sind gesichert gegen Wildsau, Hund und Mensch

Jetzt sind die Grunzer vom Paulinenhof oft in ihrem Freigehege. Manchmal ziehen sie sich zurück in ihren auf zwei Seiten offenen Stall aus Holz, der von kleinen Bäumen beschattet wird und niemals so heiß wird wie der alte Stall. Klienten und Mitarbeiter der Paulinenpflege haben den ehemaligen Hühnerstall umgebaut und so gesichert, dass keine Wildschweine, keine Hunde und keine Menschen den Schweinchen zu nahe kommen. Vielleicht können sie damit verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest, die sich im Land ausbreitet, die 28 Mastschweine erreicht.

Der Paulinenhof hat die eigene Schweinezucht aufgegeben, hält keine Muttertiere mehr, sondern mästet nur; das heißt: Jungschweine, wenn sie 28 Kilogramm wiegen, kauft er und füttert sie weiter bis zur Schlachtreife. Denn bei aller Glücksschweinseligkeit gilt immer noch: Ein Bauernhof ist ein Ökonomiebetrieb, und er beliefert Verbraucher mit dem, was sie wünschen, also mit Fleisch, wenn er Schweinemäster ist.

Fragt sich der Mann am Grill, ob das Schwein glücklich war?

Die 35-jährige Carolina Fischer ist Agrarwirtin, leitet den Hof und denkt selbstverständlich in ökonomischen Kategorien, bringt ihren Helfern bei, dass sie das frische, gute Stroh im Stall belassen und nur das alte nach draußen in den Dreck rausgeben. Und sie hofft darauf, dass die Leute Fleisch von glücklichen Schweinen mögen, und dass sie auch bereit sind, dafür ein bisschen mehr zu bezahlen als für Massenfleisch vom Discounter. Immer wieder kommen Besucher am Paulinenhof vorbei, sehen die Enten und Gänse, die Ziegen, vielleicht auch die Rinder und zum Schluss noch den Schweineacker. Denkt der Verbraucher dann vom glücklich lächelnden süßen Schweinchen im Dreck bis zum köstlich zarten Schweinekotelett auf dem Grill? Wenn diese Denkverbindung klappt, dann haben der Paulinenhof und seine neue Freiland-Schweinehaltung gewonnen.

Die kleine Schweinekohorte ist zu schön, um profitabel zu sein

Wobei man sich nichts vormachen darf: Freilandhaltung in so geringer Zahl wird nie richtig wirtschaftlich. Sie ist zu schön, um profitabel zu sein. Aber sie hat im Gehöft der Paulineinpflege noch einen ganz anderen Zweck als den ökonomischen: Sie bietet den Klienten einen schönen, erfüllenden Arbeitsplatz mit Lebensqualität: Wer mit glücklich wirkenden Tieren arbeiten darf, fühlt sich als Mensch sauwohl.

Arme Sau! Bis vor kurzem waren die Schweine im Paulinenhof genau dort untergebracht, wo sie auf fast jedem Bauernhof eingepfercht waren: im Saustall, einem flachen Betongebäude, das irgendwann mit Lüftungsturbinen aufgerüstet wurde. Manchmal durften sie raus auf eine winzige Terrasse mit Betoneinfassung – das war aber schon das Höchste der Gefühle. Diese jahrzehntelang gültige Schweinewelt hat sich grundlegend geändert. Im Paulinenhof können sich die Tiere jetzt quicklebendig

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