Winnenden

Winnenden-Birkmannsweiler: Können Gewerbeflächen in Wohnraum umgewandelt werden?

Festplatz Birkmannsweiler
Die Festwiese in Birkmannsweiler wird Ende des Jahres einstöckig bebaut. © Gabriel Habermann

Auf die Festwiese in Birkmannsweiler am Ende des Salzbergwegs sollen Ende 2022 Wohnmodule gestellt werden, in denen bis zu 35 geflüchtete Menschen leben können. Für einige Leute aus der direkten Nachbarschaft an der Silcherstraße ist der Gedanke schwer zu akzeptieren. Obwohl eine Klage beim Verwaltungsgerichtshof gescheitert ist. Und nun behauptet ein Immobilienverwalter, leerstehende Büroräume im Industriegebiet Birkmannsweiler seien doch die bessere Lösung. Kann das wirklich sein?

„Gewerberäume sind derzeit schwer zu vermieten“

Klaus Faas vertritt den Eigentümer der Industriestraße 6, wo die Stadt vor einigen Jahren das Stadtarchiv in Miete unterbringen konnte. Inzwischen gehört Wohninvest der Gebäudekomplex. Und nebenan versucht Klaus Faas gerade als Ansprechpartner vor Ort im Auftrag der Thallos AG, die ehemaligen Sortimat-Gebäude neu zu vermieten. „Wir hatten Herrn Köder von der Stadt Winnenden Büroräume angeboten, die wir kurzfristig für Sozialwohnungen umbauen könnten und die auch später wieder zurückgebaut werden könnten für Gewerberäume“, schreibt Klaus Faas der Redaktion und spricht vom Einziehen von Leichtbauwänden. Im selben Atemzug räumt er ein, „dass Gewerberäume schwer zu vermieten sind“ zurzeit, „das ist kein Geheimnis“.

Zu groß, zu wenig Fenster, keine Freifläche: Das Objekt ist ungeeignet

Ralf Köder, Amtsleiter für Grundstücksverwaltung und Wirtschaftsförderung, bestätigt, dass er das Angebot erhalten, aber in Absprache mit Bürgermeister Jürgen Haas abgelehnt habe. Er kenne den Grundriss und die Lage des Objekts Industriestraße 6 ganz genau. „Die Bürofläche befindet sich im ersten Obergeschoss und ist 26 Meter breit, das ist zu groß und unhandlich.“ Die Belichtung sei enorm schwierig, geschickte Grundrisse für Küche, Bäder, Wohnräume kaum machbar, und die Bewohner hätten keinerlei Freifläche. Ohne weiteres ist in einem lärmintensiven Gewerbegebiet auch das Wohnen nicht umsetzbar. Kurzum, Köder hält das Ganze für „nicht geeignet“.

Richtig ist, dass die Stadt Wohnraum für Flüchtlinge sucht, aber nicht auf die von Faas beschriebene kurzfristige Weise. Dieser solle seinen Leerstand, wenn überhaupt, dem Landkreis zur Nutzung anbieten, falls dieser für die Erstunterbringung geflüchteter Menschen in einer Massenunterkunft etwas suche.

„Wir von der Stadt brauchen aber Anschlussunterkünfte, die dauerhaft sein sollen“, führt Köder aus. Die Menschen, um die es geht, haben eine Bleibeperspektive in Deutschland und sind schon entsprechend lange in Winnenden. Die einstöckige Wohnanlage auf der Festwiese solle jedem der künftigen Bewohner einen eigenen Rückzugsraum und einen eigenen Sanitärbereich bieten, den er selbst sauber hält. Jeweils zwei teilen sich eine Küche, so ist der Plan.

Wie schnell die Anlage wieder abgebaut werden kann, hängt davon ab, wann ausreichend Wohnraum oder ein anderes Grundstück für die Module zur Verfügung stehen. Aufgrund der mannigfachen Probleme, Wohnraum zu schaffen, kann es dauern.

Nachfrage sehr hoch, Preis für die Wohnmodule steigt

Der Plan, die Wohnmodule zu kaufen, wurde bereits Ende 2021 vom Gemeinderat abgesegnet. Nun, Ende Februar, kam das Thema erneut auf den Tisch, weil die Kosten absehbar steigen: „Die Nachfrage explodiert“, sagte Jürgen Haas, und dabei hatte Russland der Ukraine an dem Tag der Ratssitzung noch nicht den Krieg erklärt. Die Rede war von 850.000 Euro mehr, insgesamt steht man nun bei 2,6 Millionen Euro für die Anlage. „Ich brauche eine gesicherte Finanzierung, sonst darf ich nicht ausschreiben“, sagte Ralf Köder. Bezahlt werden müsse die Anlage dann wohl erst 2023, aber auch so seien die Mittel vorhanden, weil sich das Körnle-Projekt „etwas verzögert“. Die Zusage bekam er mehrheitlich bei einer Nein-Stimme und einer Enthaltung. Doch die Gemeinderäte hakten nach: „Geht das nicht schneller?“, wollte Stadtrat Andreas Herfurth (SPD) wissen. Nein, so Köder, auch wenn nach der Vergabe des Auftrags im April oder Mai die Produktion parallel zum Baugenehmigungsverfahren laufen könne. „Wir haben keinen Keller und keine Grundstückskosten. Da sind 5400 Euro pro Quadratmeter schon ein Wort“, sagte Stadtrat Thomas Traub (CDU). Jürgen Haas rechnet damit, dass am Ende 4000 Euro pro Quadratmeter herauskommen. Gleichwohl sagt auch er: „Ja, das schmerzt.“

Was tut sich an der Hofkammerstraße? Auch dort sind die Baupläne umstritten

Stadtrat Hanspeter Luckert (FWV) hakte nach, wie denn eigentlich der Plan gewesen sei? „Wäre es nicht besser, zügig mit dem Bau des Standorts Hofkammerstraße anzufangen?“ Hier sollen zwei zweistöckige Gebäude entstehen. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth sagte, dort seien zwar schon Fachingenieure befasst mit dem Baugesuch, aber derzeit stelle das Regierungspräsidium eine Art zeitlichen Flaschenhals bei der Bearbeitung dar. „Es stellt uns die Baugenehmigung aus, die darf sich die Stadt nicht selbst ausstellen.“ Dazu komme, dass der Standort von den Nachbarn mit Einwendungen bekämpft werde. „Sie kennen die Stellungnahmen dazu, aus den verschiedensten Richtungen kommt zur Hofkammerstraße derzeit der massivste Beschuss.“ Alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen sei das gute Recht der Bürger, so geschah es beim Wohnhaus der Stadtbau an der Gerberstraße, und so geschieht es auch beim Wohnheimplan der Stadt für die Ruitzenmühle. Auch dort sei das Regierungspräsidium mit Nachbareinwendungen befasst.

Wenn eine Sache vor Gericht geht, wie es auch bei der Festwiese der Fall war, verschaffen sich Nachbarn auf diese Weise „bis zu drei Jahre Zeit“. Sieben Anwohner hatten gegen den Bebauungsplan geklagt, den die Stadt 2017 aufgestellt und der Gemeinderat beschlossen hatte. Im Juli 2020 hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg die Klage abgewiesen. Die Verfahrenskosten für die Klageführer waren beträchtlich.

Auf die Festwiese in Birkmannsweiler am Ende des Salzbergwegs sollen Ende 2022 Wohnmodule gestellt werden, in denen bis zu 35 geflüchtete Menschen leben können. Für einige Leute aus der direkten Nachbarschaft an der Silcherstraße ist der Gedanke schwer zu akzeptieren. Obwohl eine Klage beim Verwaltungsgerichtshof gescheitert ist. Und nun behauptet ein Immobilienverwalter, leerstehende Büroräume im Industriegebiet Birkmannsweiler seien doch die bessere Lösung. Kann das wirklich

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper