Winnenden

Winnenden: Hausärztin Müveyla Yousefi über Praxis-Umbau und Arbeit im Gefängnis

Neue Praxis
Dr. Anne Lehmann-Hald, Dr. Müveyla Yousefi und Sabine Hannah (von links) in den runderneuerten Praxisräumen an der Torstraße. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Hausarztpraxis von Dr. med. Müveyla Yousefi in Winnenden präsentiert sich nach einem dreiwöchigen Ratzfatz-Umbau hell, luftig und mit gute Laune machenden Farbtupfern. Nicht nur die neonpinkfarbenen Sweatshirts des durch und durch weiblichen Praxisteams strahlen einen an, auch die geschmackvoll in bunten Farben gestalteten Frauenbilder an den Wänden sind Hingucker. „Es ist mir wichtig, dass alle gerne zur Arbeit gehen und Spaß dabei haben“, sagt Müveyla Yousefi.

Die 47-jährige Allgemeinmedizinerin hat die Praxis schon im Oktober 2021 übernommen, ihre Vorgängerin ist nach kurzer Zeit aus privaten Gründen wieder ausgestiegen, davor war lange Jahre Dr. Wolfgang Pielot hier im ersten Stock über „Ernstings Family“ an der Marktstraße 28 ansässig. „Bevor ich aber länger hier bin und mich an alles gewöhne, habe ich alles umbauen lassen.“ Früher stand man gleich nach dem Eintreten vor einer Wand und wusste nicht so recht, ob man nach links oder rechts muss. „Wer länger nicht da war, denkt, er hat sich im Stockwerk geirrt“, berichtet die medizinische Fachangestellte (Arzthelferin sagt man laut ihrer Chefin nicht mehr) Sabine Hannah von lustigen Eintritts-Dialogen mit den Patienten. Die Wand ist weg und hat Platz gemacht für die Empfangstheke.

Sie nimmt noch neue Patienten auf

„Ich bin von den Patienten und auch von den ansässigen Kollegen sehr nett empfangen worden“, sagt Müveyla Yousefi von Treffen bei gemeinsamen Schulungen. Zusammen mit Dr. Anne Lehmann-Hald, einer bei ihr angestellten Internistin, kann sie noch Patienten aufnehmen. „Es wäre mir aber wichtig, dass Leute nicht einfach nur aus Neugier auf mich ihren langjährigen Hausarzt verlassen. Sondern dass Patienten kommen, die neu in der Stadt sind oder länger nicht mehr beim Arzt waren und deshalb keinen Hausarzt haben.“ Den Hausarztmangel, vor allem in ländlicheren Regionen, kann auch sie hier mit Sitz in der Kleinstadt im Stuttgarter Speckgürtel natürlich nur bedingt dämpfen.

Stichwort Neugier, wozu hat man eine Zeitung? Für Auskünfte aller Art ist so ein Vorstellungs-Artikel hervorragend geeignet. Müveyla Yousefi erzählt gerne von ihren Lebens- und Berufsstationen. „Ich bin in der Türkei geboren.“ Der Vater fand in Deutschland Arbeit und holte Mutter und Kinder nach Deutschland nach, als sie drei Jahre alt war. „Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und habe nach dem Abitur in Frankfurt am Main Medizin studiert.“ An der Goethe-Universität lernte sie ihren Mann Navid Yousefi kennen, der mit 18 Jahren aus dem Iran emigriert war.

Sie heirateten und gründeten eine Familie, allerdings arbeitete er, inzwischen Doktor der Zahnmedizin, einige Jahre in England, „wir führten eine Fernbeziehung, ich pendelte mit den beiden Kindern“, schildert sie den ungewöhnlichen Familienalltag. „Ich hatte aber irgendwann regelrecht Heimweh nach Deutschland, und so beschloss mein Mann, sich etwas in Baden-Württemberg zu suchen.“ Die Praxis in Baltmannsweiler konnte er nach einem Jahr übernehmen, Müveyla Yousefi komplettierte ihre Ausbildung, die Familie baute ein Haus in Weinstadt und das dritte Kind kam zur Welt.

Die Arbeit im Frauengefängnis hat sie als bereichernd empfunden

Und dann? „Knapp drei Jahre war ich Ärztin im Frauengefängnis Schwäbisch Gmünd“, sagt die 47-Jährige. „Für Mediziner sollte das Pflicht sein, es ist ungemein bereichernd, in medizinischer wie auch psychologischer Hinsicht – für einen selbst.“ Die Vollzeitstelle hatte selbstredend auch emotionale Belastungen parat, die Taten der Häftlinge, ihre eigenen Schicksale – „das muss man auch erst mal aushalten“, sagt sie, ganz zu schweigen von stressigen Nacht- und Wochenenddiensten. „Für einen niedergelassenen Arzt fällt da vieles weg, das Pensum jetzt ist für mich angenehm.“

„Bei uns in der Praxis gibt es seit kurz vor Weihnachten etwas Besonderes“, erzählt Müveyla Yousefi dann noch. „Wir tragen mittwochs alle schwarze Armbinden und erklären den Patienten, dass wir für Freiheit und Menschenrechte im Iran eintreten.“ Der Mord an Masha Amini durch die Sittenpolizei des Irans und alle seine Folgen wühlt auch ihre Familie auf. „Mein Mann und ich sehen uns als Kosmopoliten, als Weltenbürger“, wirbt sie per Infoblatt für Petitionen von Amnesty International und ähnlichen Organisationen.

Landschaftsbilder und beruhigende Musik fürs Wartezimmer

Doch trotz der düsteren Lage dort: In der Praxis will sie glückliche Mitarbeiter haben, die sich umeinander kümmern und die Patienten mit Respekt behandeln, auch wenn man ihnen nicht alle Wünsche sofort erfüllen könne. „Der Ton macht die Musik.“ Und damit die Menschen sich trotz ihrer Krankheiten und eventuell entstehender Wartezeiten entspannen können, zeigt Müveyla Yousefi im Wartezimmer spektakuläre Landschaftsbilder von der ganzen Welt. „Das habe ich mir von der Zahnarztpraxis meines Mannes abgeguckt“, verrät sie lächelnd.

Die Hausarztpraxis von Dr. med. Müveyla Yousefi in Winnenden präsentiert sich nach einem dreiwöchigen Ratzfatz-Umbau hell, luftig und mit gute Laune machenden Farbtupfern. Nicht nur die neonpinkfarbenen Sweatshirts des durch und durch weiblichen Praxisteams strahlen einen an, auch die geschmackvoll in bunten Farben gestalteten Frauenbilder an den Wänden sind Hingucker. „Es ist mir wichtig, dass alle gerne zur Arbeit gehen und Spaß dabei haben“, sagt Müveyla Yousefi.

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