Winnenden

Winnenden: Im Reisebüro Reuter haben die Frauen das Sagen

Reuter
Reisebüro Reuter: Elsbeth Reuter (v. l.), Stefani Reuter-Kraus und Elisa-Marie Kraus. © Benjamin Büttner

Es gibt Dinge, die einem in die Wiege gelegt werden. Was aber, wenn die „Wiege“ regelmäßig in ein Taxi gelegt wird? Stefani Reuter-Kraus wuchs größtenteils in den Fahrzeugen ihrer Eltern Elsbeth und Wilhelm auf, die als Taxiunternehmen anfingen. Das erklärt gewiss die generationenübergreifende Reiselust der Juniorchefin wie auch ihre spezielle „Beziehung“ zu allem, das sich dreht und fährt.

Die Tochter ist die Chefin

Stefani Reuter-Kraus leitet das elterliche Reisebüro Reuter in Winnenden in zweiter Generation und sei wie ihre Mutter Elsbeth Reuter,„wohl lebenslang mit dem Reisevirus infiziert“. Sie verstehen sich ohne Worte: „Wir praktizieren eine inspirierende Co-Existenz“, sagt Stefani. Ihre Mutter führt den Satz fort: „Im Team verstehen wir uns blind, weil wir unsere Stärken und Schwächen ausgleichen können.“ Das mit der „Co-Existenz“ musste wachsen, meint Stefani: „Es ist schwierig, die Firma zu leiten und seinen Eltern zu sagen: So wird’s gemacht, weil ich bin jetzt der Chef. Alle haben dazu einige Jahre gebraucht. Viele Dinge kann nur ich entscheiden und bei allem anderen hat meine Mutter ihren Freiraum.“

Dass ihre Tochter heute ihre Chefin ist, sei für sie selbstverständlich. „Sie hängt es ja auch nicht raus“, frotzelt die Seniorchefin. Was verbindet sie? „Es ist die absolute Leidenschaft, Reisen zu verkaufen, für die schönsten Tage des Jahres unserer Kunden zuständig zu sein.“ Im Alltag zeigt sich eine der wichtigsten Parallelen, auf die sie ihren Teamerfolg zurückführen: „Wir reden miteinander und lieben den Kompromiss, auch wenn wir nur ungern von unseren Meinungen abrücken.“

"Völlig unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub"

Inzwischen haben beide in ihre Rollen reingefunden und meistern die Zusammenarbeit mit viel Humor: Sie können sich über „total verschiedene“ Dinge aufregen, aber über dasselbe lachen. Beide sind schon ihr Leben lang „Reisetanten“, könnten heute aber nicht mehr gemeinsam verreisen. „Wir haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub“, sagt Stefani. Die Mutter schätzt an ihrer Tochter die „frische Sichtweise, die sie ins Unternehmen bringt“. Sie hingegen sei sehr gern „der Puls und der gute Geist, der alles am Leben hält“, meint die Seniorchefin. Ihrer Tochter bescheinigt sie liebevoll ein „Taxisyndrom“. Tochter Stefani rühmt an ihrer Mutter das „latente Helfersyndrom“.

1969 ein Taxiunternehmen gegründet

Wegen ihrer „sehr sozialen Ader“ wollte Elsbeth Reuter immer Arzthelferin werden, hat aber ihren Traumberuf nach dem Umzug nach Winnenden an den Nagel gehängt. Die 72-Jährige hat zusammen mit ihrem Mann 1969 ein Taxiunternehmen gegründet. „Wenn man einen Mann kennenlernt, der in einem Taxi geboren wurde, lag es für mich nahe, dies als Berufung zu sehen und dem zu folgen“, blickt sie schmunzelnd zurück.

Es fuhr noch keine S-Bahn und so hat sich das Taxigeschäft schnell entwickelt. Die junge Mutter war als Taxikurier zuständig für Kranken- und Arztfahrten. Tochter Stefani ging schon als Kleinkind, sicher auf den Kindersitz auf der Rückbank gepackt, mit auf große Fahrt. Das Ruckeln und Schaukeln sind ihr vertraut. „Stefani ist im Taxi groß geworden“, sagt Elsbeth Reuter.

„Ich war das perfekte Reisekind. Spätestens nach fünf Minuten Autofahren habe ich geschlafen“, meint die Tochter. Die Leidenschaft fürs Reisen und Unterwegssein wurde damit offenbar früh geweckt. „Man könnte auch sagen, es gab kein Entrinnen“, fügt die heute 48-jährige Tochter humorvoll hinzu. „Die Legende erzählt, dass ich mit drei Jahren bereits Telefongespräche entgegengenommen und die entsprechende Taxifahrt per Funk an die Fahrer weitergegeben habe.“ Dabei ließ sie wohl gelegentlich ihrer kindlichen Kreativität freien Lauf. „Aus dieser Zeit stammen Aufzeichnungen von Telefonnummern, bei denen die Zahlen von mir sehr frei interpretiert worden sind“, sagt sie grinsend.

Erst Busunternehmen, jetzt Reisebüro

Als der Realschulabschluss näher rückte, brauchte sie keine Berufsberatung. „Ich hätte vermutlich alles lernen können. Aber es war unausgesprochen klar, ich mache meine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau.“ 1974, dem Geburtsjahr von Stefani, nahmen ihre Eltern VW-Busse und einen Doppelstockbus in die Flotte auf und gründeten das Busunternehmen Reuter, das seit 1986 als Reisebüro sämtliche Reisebereiche abdeckt.

Stefani hat bei ihren Eltern gelernt und wurde Anfang der 1990er Jahre Geschäftsführerin. Vom Azubi zur Chefin - in der Familie habe dies nie zu Diskussionen geführt. „Die einzige Bedingung war nur, dass ich als Seniorchefin weiterhin dabei bin“, wirft Mutter Elsbeth keck ein. „Die Best Ager sind nun mal ein wichtiger und beständiger Ansprechpartner für den gewachsenen Kundenstamm.“ Die Tochter witzelt: „Ihr wäre es ja todlangweilig, wenn sie nicht im Geschäft wäre.“ Sie weiß, was sie an ihrer Mutter hat. „Sie arbeitet ausdauernd und mag es, gründlich an etwas dranzubleiben und sich reinzubeißen.“

Stefani wiederum hat im Bereich der Social-Media-Kanäle Ausdauer bewiesen, sich reingekniet und neue Akzente gesetzt. Gegen „ein bissle old school“ hat die Tochter aber nichts einzuwenden. „Wir wissen heute, dass vieles, das im Internet gezeigt wird, nicht mit der Realität übereinstimmt.“

Elsbeth Reuter: Direktes Gespräch mit Kunden wichtiger denn je

Um ihren Kunden die böse Überraschung am Urlaubsort zu ersparen, gehen sie mit ihrer Professionalität den vielen „vermeintlich tollen Versprechen“ nach. Wichtiger denn je ist aus Sicht von Elsbeth Reuter: „Dass wir mit dem Kunden sprechen und er seine Bedürfnisse nicht nur klickend mitteilt, sondern einem Menschen gegenübersitzt, der sich kümmert und die Reisebranche kennt.“ Sie kennen viele Kunden persönlich und wissen, was ihnen gefallen hat.

„Darauf können wir weitere Angebote aufbauen und die Bedarfsanalyse abstimmen“, sagt Stefani. Obwohl sie schon zur Lehrzeit viel von ihren Eltern übernommen habe, arbeite sie komplett unterschiedlich. „Wir haben verschiedene Geschmäcker und Schwerpunkte beim Reisen und können Kunden flexibel beraten.“

Dritte Generation steht in den Startlöchern

Das Reisen hat sich sehr verändert: Die Generation der „Führerscheinlosen“ ist verschwunden, 15 oder 16 Stunden im Bus zu sitzen, ist nicht mehr in „Mode“, Busreisen sind nicht mehr die günstigste und häufig auch einzige Möglichkeit für die Menschen, auf große Reise zu gehen und etwas von der Welt zu sehen. So entschieden Reuters schon vor einigen Jahren, die Fahrzeuge abzuschaffen.

„Zumal wir auch diese große Verantwortung und Last der Tochter nicht auferlegen wollten“, erzählt Elsbeth Reuter. Das persönlich geführte Reisebüro hat dennoch Zukunft - davon ist auch die dritte Generation überzeugt. Elisa-Marie, die 15-jährige Tochter von Stefani, steht in den Startlöchern. Sie sei nicht mehr im Taxi, aber - wie man schon im Kindesalter gemerkt habe - im Reisebüro aufgewachsen.

Dieser Artikel ist zuerst am Donnerstag, 15. Dezember, in unserer Beilage "So stark ist der Rems-Murr-Kreis - die nächste Generation" erschienen.

Es gibt Dinge, die einem in die Wiege gelegt werden. Was aber, wenn die „Wiege“ regelmäßig in ein Taxi gelegt wird? Stefani Reuter-Kraus wuchs größtenteils in den Fahrzeugen ihrer Eltern Elsbeth und Wilhelm auf, die als Taxiunternehmen anfingen. Das erklärt gewiss die generationenübergreifende Reiselust der Juniorchefin wie auch ihre spezielle „Beziehung“ zu allem, das sich dreht und fährt.

Die Tochter ist die Chefin

Stefani Reuter-Kraus leitet das elterliche Reisebüro

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