Winnenden

Winnenden, sieben Jahre nach dem Amoklauf

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Gisela Mayer hat alle wichtigen Werke zur Gewaltprävention um sich im Büro. © Jamuna Siehler
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Das Leid, das vom Amoklauf ausgeht, und viel neues Leid steckt in dieser Klagemauer in der katholischen Kirche. © Jamuna Siehler

Winnenden. Noch im letzten Jahr war der 11. März ein wichtiges Datum für alle Offiziellen in Winnenden. In diesem Jahr beobachtet Gisela Mayer, dass selbst manche Schulen nicht dran denken – und sie erzählt das nachsichtig lächelnd.

Schulen haben Klassenarbeiten für diesen Tag angesetzt – aber dann doch wieder abgesetzt, hat Gisela Mayer erfahren. Ist es gut oder schlecht, dass die Leute vergessen? Gisela Mayer will das nicht entscheiden. Ihr ist etwas anderes wichtig: „Ich erlebe auch, wie viele Menschen nicht vergessen, wie viele sich jedes Jahr dem Gedenken angeschlossen haben und bestimmt auch in diesem Jahr anschließen werden.“ Das zählt für jemand wie Gisela Mayer, die durch den Amoklauf ihre Tochter verloren hat und seither daran arbeitet, die Wahrscheinlichkeit solcher Gewalttaten zu mindern, indem sie die Geschäfte der Stiftung gegen Gewalt an Schulen führt und indem sie das ganze Jahr über Ansprechpartnerin für Medien und für Fachleute der Gewaltprävention ist.

Sieben Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden ist Gisela Mayer stolz auf Winnenden: „Diese Stadt hat es geschafft, die Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist, nicht zu verdrängen, sondern sie zu integrieren in die Geschichte der Stadt, in ihre Identität. Winnenden ist nicht nur ein Synonym für den Anschlag, sondern dafür, wie man mit einer solchen Katastrophe fertig wird.“

Angehörige spüren Empathie

Mayer ist dieser Stadt, dem früheren Oberbürgermeister Fritz und dem heutigen Oberbürgermeister Holzwarth und vielen weiteren Verantwortlichen sehr dankbar dafür, wie sie mit der Katastrophe, mit dem Leid und mit der Erinnerung daran umgehen. Sie hat Kontakt mit den Hinterbliebenen der getöteten Kinder und Erwachsenen vom 11. März 2009 – am 11. März werden sich alle wieder zu einem gemeinsamen Frühstück treffen – und sie kann in einem Punkt für die anderen auch sprechen: „Wir Angehörigen spüren Empathie in der Winnender Bevölkerung, und wir sind sehr dankbar dafür.“

Für die Stiftung gegen Gewalt an Schulen ist sie froh, dass Rektor Kubick von der Albertville-Schule, OB Holzwarth und der Grünen-Landtags-Abgeordnete Willi Halder im Kuratorium mitarbeiten. „Dadurch ist die Stiftung gut in der Stadt verankert.

Zentrum der Gewaltprävention

In den Geschäftsräumen der Stiftung sammeln sich die ganzen Informationen, praktisch alle Forschungsergebnisse und alle Berichte zur Gewaltprävention aus dem deutschsprachigen Raum an. Und andererseits ist die Stiftung in Verbindung mit allen Fachleuten der Gewaltprävention, bekommt die neuesten Fachbücher unaufgefordert zugeschickt, erst jüngst das neueste Werk von Manfred Spitzer. Gisela Mayer, studierte Philosophin, schreibt selbst Texte für Fachbücher.

Das Leben geht weiter, sieben Jahre nach dem Amoklauf. Gisela Mayer verändert sich noch einmal beruflich. Sie unterrichtet an Schulen, hat viele Pfleger und Krankenschwestern Medizin-Ethik gelehrt. Jetzt, mit 58 Jahren, fängt sie noch einmal etwas Neues an: Sie eröffnet eine Praxis für philosophische Beratung. „Wenn man Philosoph ist, gehört man mit 50 noch knapp zum Nachwuchs“, sagt sie. Beraten möchte sie Menschen, die in einer Krise stecken, ohne dass sie psychisch krank sind.


Für etliche in Winnenden ist der 11. März 2009 ein festes Datum – aber viele vergessen den Tag und erst recht das Jahr

Winnenden. Sieben Jahre nach dem Amoklauf bröckelt auch die Erinnerung in Winnenden. Das Datum 11. März hat nicht mehr jeder parat. Und auch die, die daran denken, spüren, dass seit sieben Jahren viele Bluttaten auf der Welt geschehen sind, die die Erinnerung überlagern. An den Symbolen der Klagemauer in der katholischen Kirche kann man einiges davon ablesen.

2009 wurde sie von Ministranten zusammen mit der Künstlerin Brigitte Förschler-Eberhard errichtet. Besucher stecken Gedenk-, Gebets- und Wunschzettel in die Löcher der Ziegelsteine. Jedes Jahr an Ostern werden sie verbrannt und jedes Jahr stecken danach wieder neue Zettel darin. An die Terrorakte in Frankreich erinnert die blau-weiß-rote Fahne mit einem Herzen darin. Ein Flugzeug symbolisiert den Flug deutscher Schüler, der von einem Piloten in den Tod gesteuert wurde. Seit neuestem erinnert eine Kerze mit einem Stück Stacheldraht an das Schicksal viele Flüchtlinge, die ohnmächtig der Gewalt von Menschen gegen Menschen ausgesetzt sind.

Die großen grausamen Ereignisse überlagern die Erinnerung an 2009, aber auch ganz persönliche Verluste, Todesfälle in nächster Nähe belasten jeden Einzelnen für sich oder ganze Gruppen. Vor der Klagemauer liegen zum Beispiel zwei Ziegelsteine mit Namen drauf. Die Querköpf, Guggenmusiker, haben sie am Schmotzigen Donnerstag abgelegt. Es sind die Namen von verstorbenen Musikern.

Für die Kinder von heute ist der 11. März 2009 schon Geschichte

Pfarrer Gerald Warmuth möchte, dass diese Mauer eine Erinnerung bleibt an das Leid, das vom Amoklauf ausgeht, auch wenn immer neue Erinnerungen dazukommen. Auffällig ist fast schon, dass das Zugunglück von Bad Aibling nicht vertreten ist. Es wurde nicht durch den bösen Willen eines Menschen ausgelöst, wie der Amoklauf oder wie die Terrorakte oder der Flugzeugabsturz. Es ist ein Unglück.

Wenn Pfarrer Warmuth den neunjährigen Erstkommunionkindern die Borromäuskirche erklärt, zeigt er ihnen auch die Klagemauer. Ihnen muss er erzählen, was damals geschehen ist. Es interessiert sie, aber die wenigsten von ihnen wissen davon. Sie gehören schon einer anderen Generation von Kindern an.

Was der siebte Jahrestag lehren kann

OB Holzwarth sieht die Chance, sich noch einmal berühren zu lassen und eine Relation herzustellen zur heutigen Zeit

Wer die zweite Möglichkeit wählt, hat die Chance, sich noch einmal berühren zu lassen von dem, was in Winnenden passiert ist, und er hat die Chance, eine Relation herzustellen zur heutigen Zeit, sagt Holzwarth im Gespräch mit unserer Zeitung. Zur heutigen Zeit gehören die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, wo die Menschen in viel größerem Umfang Schreckliches erleben. Die Erinnerung an den 11. März 2009 versetzt uns vielleicht in die Lage, die Ereignisse einzuordnen, und andererseits ermöglicht sie, Empathie zu entwickeln für die Menschen in den Kriegsgebieten und für jene, die aus den Gebieten fliehen.

„Streben nach Menschlichkeit“

„Die Erinnerung lehrt uns, bewusstzuwerden, wie schnell Zivilisation verfallen kann“, sagt Holzwarth, „es macht keinen Unterschied, ob es ein Amoklauf ist, ein terroristischer Akt oder ein Bürgerkrieg.“ Immer sei es eine Verrohung, die einer Gefährdung der Zivilisation vorausgehe. „Dieser Entwicklung sollten wir entgegentreten mit dem Streben nach Menschlichkeit.“

Parallele zu Kriegsgräberfürsorge

Dieses Streben, so sagt Holzwarth, ist auch sein Impuls dafür, dass er sich in der Kriegsgräberfürsorge engagiert, die letztlich dafür arbeitet, dass das Leid des Krieges nicht vergessen wird. Holzwarth sieht noch andere Gefahren für die Zivilisation in der heutigen Zeit. „Dieses Streben ist für mich auch der Impuls dafür, jenen entgegenzutreten, die in der aktuellen Diskussion die Menschlichkeit unverhüllt fallenlassen in ihren Gedanken und Worten. Es ist die Lehre aus dem Amoklauf, dass wir die Menschlichkeit nicht verlieren dürfen.“

Genau diesen Impuls nimmt auch die Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen auf, die von Betroffenen nach dem Amoklauf gegründet wurde. „Die Stiftung macht vielen bewusst, dass Gewaltereignisse sein können, und dass man dem entgegenarbeiten muss“, sagt Holzwarth. Er arbeitet im Kuratorium der Stiftung mit und findet es beachtlich, dass sie ein großes Wissen über Gewaltprävention ansammelt.