Winnenden

Winnender Paulinenpflege: Traumakonzept gegen Flashbacks in der Schule

Traumapädagogik
Unterricht in einem der zwei Vabo-Klassenzimmer. © Paulinenpflege

„Ich spüre bei vielen Schülern Trauer, und sie sind sprachlos über das, was sie erlebt haben. Eine Schülerin hat zum Beispiel oft mitten im Unterricht laut geschrien. In einer Schule würde man normalerweise sagen: Das geht gar nicht! Wir haben herausgefunden, dass diese Schreie ihre Verteidigung gegen Vergewaltigungsversuche auf der Flucht waren. Zu solchen Flashbacks kommt es häufiger“, berichtet Ingrid Wartha-Vassiliadis. Sie ist Lehrerin an der Sonderberufsschule der Paulinenpflege und unterrichtet geflüchtete Menschen im sogenannten Vorqualifizierungsjahr für Arbeit/Beruf, wobei der Schwerpunkt auf dem Erwerb von Deutschkenntnissen liegt (kurz: Vabo). Matthias Knödler von der Paulinenpflege berichtet.

„Guter Grund für jedes Verhalten“

Das Besondere beim Vabo in der Berufsschule der Paulinenpflege Winnenden: Hier gibt es ein traumapädagogisches Konzept, das den Geflüchteten helfe, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen. Gleichzeitig ermögliche es den Lehrkräften einen anderen Blick auf ihre Schüler. „Unsere Haltung zu unseren Schülerinnen und Schülern ändert sich durch dieses Konzept grundlegend. Wir wissen, dass es für jede Verhaltensweise einen guten Grund gibt“, erklärt Ingrid Wartha-Vassiliadis. „Dieses Verhalten drückt sich oft in Unruhe aus, viele Schüler können sich nicht konzentrieren.“

Zwei Klassenzimmer hat das sogenannte „Vabo“, das zur Sonderberufsschule der Paulinenpflege gehört. Hier sitzen 13 Schülerinnen und Schüler, die mit oder ohne Eltern zum Beispiel aus Afghanistan, Syrien, dem Irak oder Somalia geflüchtet sind. „Unser Schwerpunkt in dieser einjährigen Vollzeitschule ist der Erwerb von Deutschkenntnissen. Denn das ist die Grundvoraussetzung für eine gute Integration von Geflüchteten in Deutschland“, sagt Lehrerin Ingrid Wartha-Vassiliadis. „Ich möchte nach dem Vabo einen Hauptschulabschluss machen und dann einen Pflegeberuf erlernen“, sagt die 21-jährige Schülerin Efra. Sie ist aus Afghanistan geflüchtet.

Dagegen möchte Yusuf aus dem Irak lieber was Technisches machen: „Vielleicht werde ich Zugmechaniker. Dazu brauche ich das Sprachniveau B 1.“ Dieser Abschluss kann am Ende des schulischen Bildungsgangs in der Paulinenpflege stehen.

Neben Deutsch als Fremdsprache stehen auch Mathematik, Berufsorientierung, IT und Kunsttherapie auf dem Lehrplan.

Ziel aller Unterstützungsmaßnahmen sei die Stabilisierung und eine Selbstbemächtigung der Geflüchteten. Der Leitsatz des Vabos lautet: „Wir wollen ein Ort für die äußere und innere Sicherheit der Geflüchteten sein.“ Wenn dies von den Geflüchteten so erlebt werden kann, seien Kopf und Herz empfänglich für wichtige Lerninhalte.

Schon an Roma-Schule unterrichtet

Für Gymnasiallehrerin Ingrid Wartha-Vassiliadis sind die außergewöhnlichen pädagogischen Herausforderungen nicht neu, denn sie hat auch schon in einer Roma-Schule in Griechenland unterrichtet.

Dass die Lehrtätigkeit im Vabo der Paulinenpflege für sie mehr als ein Job ist, zeige die Tatsache, dass sie eigentlich schon berentet ist und trotzdem noch weiter unterrichtet. „Mir liegt dieses Projekt sehr am Herzen. Da schiebe ich meinen Ruhestand gerne noch auf“, sagt sie. Eine Bestätigung und Belohnung der Arbeit des Vabo-Teams sei auch die Förderung des Vabo-Projekts „Amal - Hoffnung, Integration geflüchteter Jugendlicher in Schule und Ausbildung“ durch den EU-Sozialfonds. Seit Oktober stehe fest, dass die Schule aus diesem Topf eine finanzielle Förderung erhält.

Ruheraum

Zum traumapädagogischen Konzept gehört ein Ruheraum, in dem sich die Geflüchteten in angespannten Situationen zurückziehen können. Für Yusuf ist dieser Raum auch aus einem anderen Grund noch wichtig: „Wir wohnen als Familie in unserer Unterkunft zu viert in einem Zimmer. Wie kann man da vernünftig lernen und mal zur Ruhe kommen?“ Efra schätzt an der Vollzeitschule auch den Austausch in der Pause: „Da haben wir viel Spaß und können uns erholen“.