Winnenden

Zu wenig Zeit zum Händewaschen in Krankenhäusern

00987d24-7e7b-4da0-bb6b-7dad2dd9fa54.jpg_0
Hygienische Händedesinfektion gilt weltweit als die wirksamste Einzelmaßnahme, um Infektionsketten zu unterbrechen. Nur ist es kaum möglich, alle Empfehlungen konsequent in der Praxis umzusetzen. © Büttner/ZVW

Winnenden/Schorndorf. Würden Pflegekräfte in den Krankenhäusern die Hygiene-Richtlinien en détail einhalten, bräche der Betrieb auf den Stationen schlicht zusammen. Dies war das Ergebnis eines Händedesinfektionstages, zu dem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Beschäftigte in Kliniken aufgefordert hat.

„Vor dem Essen, nach dem Essen, Hände waschen nicht vergessen!“ Dieser Sinnspruch wird Kindern zwar in jungen Jahren eingebläut, von den meisten Erwachsenen aber in den Wind geschrieben. Die Hygieneregeln in Krankenhäusern sind ungleich schärfer. Pflegekräfte sollten jedes Mal, wenn sie zu einem neuen Patienten wechseln, ihre Hände desinfizieren. Vor dem Hintergrund der Zunahme von multiresistenten Keimen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen, ist Hygiene in Krankenhäusern wie auch in anderen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen das A & O.

Verdi greift das Problem auf

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat das Thema Hygiene aufgegriffen und in Verbindung mit der viel beklagten Personalnot in Kliniken gebracht. Mit Beginn der Frühschicht haben am Dienstag Pflegekräfte auf 60 Stationen in 15 Kliniken in Baden-Württemberg die Vorschriften zum Desinfizieren der Hände exakt eingehalten: Vorgeschrieben sind 30 Sekunden vor und nach jedem Kontakt mit einem Patienten. Der Aktionstag, der bundesweit durchgeführt wurde, musste in den meisten baden-württembergischen Kliniken bereits nach wenigen Stunden abgebrochen werden, schreibt Verdi. Die an der Aktion beteiligten Pflegekräfte sagten dazu übereinstimmend: „Eine ordnungsgemäße Händedesinfektion ist mit der derzeitigen Personalmenge nicht durchführbar.“

Dem Vernehmen nach haben auch Beschäftigte der Rems-Murr-Klinken am Hände-Desinfektionstag teilgenommen. Dies wird von den Kliniken jedoch nicht bestätigt. „Wir konnten intern nicht verifizieren, dass ein inoffizieller Praxistest bei uns durchgeführt wurde“, lautet die Antwort auf unsere Anfrage. „Die Rems-Murr-Kliniken unternehmen grundsätzlich große Anstrengungen und zahlreiche Maßnahmen, um eine einwandfreie Hygiene in den Kliniken zu gewährleisten.“

„Ein Großteil der Teams hat entschieden, Aktion abzubrechen“

Irene Gölz, Verdi-Landesfachbereichsleiterin Gesundheit, stellt zum Ergebnis des Tages fest: „Innerhalb von wenigen Stunden war am Dienstag klar: Desinfizieren sich die Beschäftigten absolut korrekt die Hände, bleiben andere wichtige Aufgaben der Patientenversorgung liegen“, heißt es in der Pressemitteilung weiter: „Deshalb hat ein Großteil der Teams entschieden, die Aktion abzubrechen oder eine Gefährdung anzuzeigen.“

Richtig Händewaschen dauert bis zu zwei Stunden pro Schicht

Die Aktion hat laut Verdi ergeben, dass das korrekte Desinfizieren der Hände pro Person und Schicht bis zu zwei Stunden in Anspruch nimmt. Wie viel Zeit für die Händedesinfektion aufgewendet wird, sei abhängig von der Anzahl der zu betreuenden Patienten. Je mehr Patienten einer Pflegekraft zugeordnet sind, desto häufiger müssen die Hände desinfiziert werden. In Deutschland ist eine Pflegekraft in den Tagschichten im Durchschnitt für 9,9 Patienten zuständig. In der Schweiz sind dies nur 5,3 Patienten.

Wer hat den Schwarzen Peter?

„Bisher haben die Beschäftigten den Schwarzen Peter, müssen entscheiden, was wie gründlich erledigt werden muss und was liegenbleiben kann. Heute haben wir diesen Schwarzen Peter dahin zurückgegeben, wo er hingehört: An die Arbeitgeber, die für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten verantwortlich sind und an die Gesundheitspolitiker, die für die sichere Patientenversorgung verantwortlich sind,“ so Gölz weiter. „Ohne eine ausreichende und vor allem eine gesetzlich vorgeschriebene Personalbemessung droht der Kollaps, erst der Beschäftigten und dann der Kliniken und somit der Patientenversorgung.“

Die Beschäftigten halten seit Jahren mit hohem Berufsethos und auf Kosten ihrer Gesundheit den Krankenhausbetrieb aufrecht, so Verdi. „Sie verzichten auf Pausen, machen Überstunden, springen aus ihrem Frei ein und leiden unter hoher Arbeitshetze. Für die persönliche Ansprache der Patienten fehlt die Zeit schon lange, inzwischen aber auch für grundlegende pflegerische Tätigkeiten.“

Kliniken: „Alle gesetzlichen Vorgaben zur Hygiene erfüllt“

In ihrer Stellungnahme betonen die Rems-Murr-Kliniken, dass „selbstverständlich alle gesetzlichen Vorgaben zur Hygiene bei der Personalausstattung sowie bei weiteren Rahmenbedingungen erfüllt werden“. Dies werde jährlich in der Kontrolle durch das Gesundheitsamt überprüft und bestätigt. Die Kliniken seien außerdem Gründungsmitglied des MRE-Netzwerkes Rems-Murr, dem „Netzwerks gegen multiresistente Erreger“.

Alle sind gefragt

Hygiene sei aber nicht nur eine Angelegenheit des Personals, betonen die Rems-Murr-Kliniken und weisen auf Aktionen im eigenen Haus hin, die sich an Patienten und Besucher gerichtet haben. „Neben Hygiene-Konzepten, Wasserkontrollen, Abstrichproben, Validierung der Medizingeräte sowie Desinfektionsplänen oder Hygienebegehungen durch Hygienefachkräfte spielt somit auch das Hygienewissen von Patientinnen und Patienten sowie Besucherinnen und Besuchern eine zentrale Rolle, um das Infektionsrisiko im Krankenhausbereich so gering wie möglich zu halten.“

„Personell gut aufgestellt"

Die Kliniken-Geschäftsführung weist die Verdi-Forderung nach mehr Personal zurück. Das vorhandene Personal sei ausreichend, um die Hygienestandards zu erfüllen. „Im Pflegebereich sind wir derzeit außerdem personell sehr gut aufgestellt. Hier gibt es momentan keine offenen Stellen.“ Im ärztlichen Bereich seien die Krankenhäuser ebenfalls gut aufgestellt.

Verdi fordert Gesetz und Arbeitgeber-Verantwortung

Keine Stellung nehmen die Kliniken zur Verdi-Forderung nach verbindlichen Personalvorgaben per Gesetz, die für alle Krankenhausbereiche gelten sollen. Diese Forderung „muss von der Politik beziehungsweise dem Gesetzgeber beantwortet werden“. Verdi hält die von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Personaluntergrenze für sogenannte pflegesensitive Bereiche nicht für ausreichend. Aus Sicht der Gewerkschaft ist Pflege immer sensitiv, weshalb die noch zu erarbeitenden Vorschriften alle Pflegebereiche abdecken müssen. „Die Personalausstattung muss sich am konkreten Pflegebedarf der Patienten orientieren.“ Zugleich fordert Verdi eigenen Angaben zufolge die Klinikbetreiber auf, Verantwortung für die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu übernehmen und für Entlastung zu sorgen.

Gölz dazu: „Die Arbeitgeber sind verpflichtet, die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu schützen. Es muss genug Personal zur Verfügung stehen, damit Patienten gesund und Pflegekräfte nicht selbst krank werden.“

Hygiene-Empfehlungen

Die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes für die Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sind klar und eindeutig: „Die hygienische Händedesinfektion gilt weltweit als die wirksamste Einzelmaßnahme zur Unterbrechung von Infektionsketten in Gesundheitsrichtungen ebenso wie in Pflegeeinrichtungen und damit zur Prophylaxe von nosokomialen Infektionen.“

Es gibt allen Grund, diese nosokomialen Infektionen, also Krankheiten, die sich Patienten bei den Behandlungen in Krankenhäusern selbst einfangen, stärker zu bekämpfen. Laut dem Nationalen Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen wurden 2016 in den 522 beobachteten Krankenhäusern bei mehr als 76 000 Patienten multiresistente Keime festgestellt, also Erreger, gegen die keine Antibiotika helfen. Rund 70 000 Patienten hatten die MRSA-Erreger mitgebracht, gut 6000 Patienten sich im Krankenhaus angesteckt.

So soll eine Desinfektion der Hände laut Robert-Koch-Institut ablaufen:

„Hierzu wird ein Volumen von etwa drei bis fünf Milliliter beziehungsweise die Menge, die in eine Hohlhand passt, so in beide Hände eingerieben, dass die gesamte Oberfläche der Hand, das heißt Fingerspitzen, Nagelfalze, Daumen, Fingerzwischenräume, Innen- und Außenflächen, für die Dauer der vom Hersteller deklarierten Einwirkungszeit, üblicherweise 30 Sekunden, mit dem Desinfektionsmittel benetzt ist ... Das Desinfektionsmittel soll insbesondere an den Fingerspitzen, Nagelfalzen und Daumen eingerieben werden.“

Desinfiziert werden sollen Hände immer dann, wenn potenziell pathogene Erreger auf Patienten, Personal sowie Gegenstände und Oberflächen übertragen werden könnten. „Beobachtungsstudien zur Händehygiene-Compliance zeigen immer wieder, dass es für Mitarbeiter bei hoher Arbeitsbelastung mit häufigen Unterbrechungen von Arbeitsabläufen schwierig ist, eindeutig die Indikationen zur Händedesinfektion zu erkennen.“