Winnenden

Zwischen höchster Freude und tiefstem Leid

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Die Puppe ist bei ihr kein Spielzeug und was vor Gabriele Schebesta steht, ist kein Küchenutensil, sondern auch Arbeitsgerät, ein Hörrohr. © Speiser/ZVW

Schwaikheim/Korb. 47 Jahre ist Gabriele Schebesta Hebamme gewesen. Die Familie war 1984 nach Schwaikheim gezogen, wo Gabriele Schebesta sofort die Geburtsvorbereitung der werdenden Mütter aufgebaut und damit die „Lücke“ zwischen Althütte und Oeffingen geschlossen hat. „Es gab keine außer mir.“

Im Video: Gabriele Schebesta erzählt von ihren Erlebnissen als Hebamme.

Die 65-Jährige hat sich schon mehrmals verabschiedet. Den Umzug des Krankenhauses nach Winnenden hat sie noch mitgemacht, „die wollten mich nicht gehen lassen“. Im August hat sie aufgehört mit den Kursen, noch drei Wöchnerinnen hat sie derzeit, sie nimmt langsam Abschied, Ende des Jahres ist endgültig Schluss.

Ihre Praxis in Schwaikheim hatte sie im Haus am Sonnenhang. Rückbildung, Wochenbettbesuche kamen dazu. Angefangen hat sie mit drei, vier Frauen. Ihre Angebote sprachen sich aber schnell herum. Über ihre beiden Söhne und die Vereine bekam sie schnell weitere Kontakte. Der Ort sei immer eine „Hochburg“ für Kinder gewesen. Irgendwann kamen Frauen in ihre Geburtsvorbereitungskurse, die sie selbst einst auf dem Wickeltisch vor sich gehabt hatte.

„Als Hebamme weiß man nie, was kommt“

Warum ist sie Hebamme geworden? „Ich wollte immer was mit Kindern machen, aber nicht nur mit Kindern, Hebamme ist da ein guter Kompromiss.“ Sie war ehrenamtlich Jugendleiterin und als sie sich als junge Frau in der Stuttgarter Frauenklinik über den Beruf erkundigte, fand sie das spannend, abwechslungsreich.

Die Ausbildung sei sehr anspruchsvoll: „Man ist da irgendwann halber Arzt.“ Die Geburtshilfe sei aber zur Geburtsmedizin geworden. Ihre Erfahrung in all den Jahren: „Als Hebamme weiß man nie, was kommt.“ Anderen Frauen in deren schwerster Stunde zu helfen könne das Härteste sein, was es gibt. „Natürlich habe ich schöne Geburten erlebt, aber eben auch die andere Seite.“ Man müsse entscheiden können, schnell, unwiderruflich und die Folgen auch aushalten.

Der nahende Abschied fällt ihr leicht

Für die schwangeren Frauen sei es nicht unbedingt besser geworden: „Die müssen heute viel mehr vorbereitet werden, weil sie in den Krankenhäusern mehr alleine gelassen werden als früher.“ Sie sieht die Entwicklung zwiespältig, deshalb falle ihr der nahende Abschied auch leichter.

Auf der einen Seite wollten die Frauen heute, dass andere die Verantwortung tragen, auf der anderen recherchierten sie ständig im Internet, beanspruchten, viel mehr als früher zu „wissen“. „Früher haben wir den Frauen mit den Händen den Bauch abgetastet, mit dem Hörrohr gearbeitet, heute kommen Apparate zum Einsatz.“

Keine Zulassungsregelung wie bei Ärzten

Die „Lücke“ verringerte sich auf einen 14-Kilometer-Radius zwischen Berglen und Oeffingen, ihr Schwerpunkt verlagerte sich ins Untere Remstal, es kamen Kolleginnen dazu, sie war froh darüber, die Praxis in Winnenden kam dazu, das Geburtshaus in Backnang.

Es gibt keine Zulassungsregelung wie bei Ärzten. Jede Hebamme kann sich jederzeit niederlassen, wo sie will. Konkurrenz spiele keine Rolle, „weil die Nachfrage das Angebot eh bei weitem übersteigt“. Die Folge sei, dass betroffene Frauen zu Kinder- und Frauenärzten ausweichen, aber die seien auch total überlaufen.

Die Frauen sind immer dankbar, egal, wie die Geburt gelaufen ist

Weiß sie, wie viele Kinder sie auf die Welt gebracht hat? „Bei 3000 habe ich aufgehört zu zählen.“ Sie überschlägt, kommt auf 6000 bis 7000. Die Zahl sei eh nicht so wichtig. Die Begleitung der Frauen, die über ein halbes, Dreivierteljahr gehe, dagegen sehr. „Viele rufen mich nach Jahren noch an. Sogar wenn die Kinder schon in die Schule kommen, werde ich noch gefragt.“ Ja, das befriedige einen, die Frauen seien immer dankbar, egal, wie die Geburt gelaufen sei.

Die Begleitung höre auch nach einer Totgeburt nicht auf. Fehlgeburten würden von den Müttern ihr Leben lang nicht vergessen. „Ich habe mich nie aufgedrängt, die Frauen haben immer Vertrauen zu mir gehabt.“ Aber klar, man müsse einfühlsam sein, es müsse auch persönlich passen und man müsse mit den Ärzten gut zurechtkommen.

"Wahrscheinlich bin ich zur Hebamme geboren" 

Sie habe ihre eigenen Grenzen als Hebamme immer gekannt. „Wenn ich die Ärzte gerufen habe, dann haben sie immer gewusst, dass sie sofort kommen müssen.“ Sie lacht wieder: „Wahrscheinlich bin ich zur Hebamme geboren.“

Sie hat auch selbst Hebammen ausgebildet, darunter die Babysitterin der eigenen Kinder und Frauen aus ihren eigenen Geburtsvorbereitungskursen. 1995, am 2. Oktober, kam während eines Geburtsvorbereitungskurses, bei ihr daheim also, ein Kind auf die Welt. 2012 brachte sie als Hebamme ein eigenes Enkele mit auf die Welt. In der Wohnung hängt eine Babygalerie. Die Fotos hat ihr Mann geschossen, er hat geniale Momente festgehalten, die Glück erzählen.


Der Anreiz, den Beruf zu ergreifen, sei sicher nicht finanziell gewesen, so Gabriele Schebesta. Wenn man nur nach dem gehe, sehe es schlimm aus: Alle Versicherungen selber zahlen, viele Fortbildungen besuchen und selbst bezahlen, sie hat einen ganzen Ordner mit dem Nachweis der Kurse, die sie belegt hat.

Ihr Mann ergänzt: „Wenn man den Aufwand und Ertrag vergleicht, ist es genau genommen ein schönes Hobby.“ Aber seine Frau macht genau das nicht, auch wenn sie einräumt, dass „unterm Strich nicht viel bleibt“. Man dürfe aber eben nicht vom Umsatz ausgehen, und nur mit einem ordentlich verdienenden Gatten sei es gegangen. Sie schmunzelt: „Der hat übrigens alles mitgemacht, ist dabei selbst fast eine Hebamme geworden.“ Es gab für eine Stunde Geburtsvorbereitung oder Rückbildung 6,40 Mark. Heute sind es etwa sieben Euro. Die Krankenkassen wussten anfangs gar nicht, wie sie die Leistungen abrechnen sollen.

Als Hebamme finanziell auf einen grünen Zweig zu kommen sei schwer, „Masse“ als Ausweg gehe auf Kosten der Qualität. „Fließbandarbeit“ sei für sie aber nie infrage gekommen. Warum Hebammen so um ihr Auskommen kämpfen müssen, sei unverständlich: „Eigentlich müsste doch jedem klar sein, wie wichtig Geburten sind.“

Thema Hausgeburt: Dazu hat sie eine klare Meinung. „Nein. Dazu habe ich zu viel in der Klinik erlebt oder mit dem Notarzt vor der Tür.“ Das Risiko ist aus ihrer Sicht und langjährigen Erfahrung zu hoch.

Aber es sei gut, dass die Krankenhäuser sich, auch was die Atmosphäre angeht, mittlerweile in Richtung „Hausgeburt in der Klinik“ bewegen. Sie selbst habe dazu Ärzte „erzogen“. Zum Beispiel, dass die anklopfen, bevor sie zu den Müttern ins Zimmer kommen. Oder dass Väter heute selbstverständlich bei der Geburt dabei sind. Oder die Vorbereitung als Paar, damit die Männer mitbekommen, was ihre Frauen da leisten. Wieder lacht sie. Ihr Mann sei bei ihrem ersten Sohn ihre Hebamme gewesen. „Ich habe ihn eingespannt, so dass er dauernd was zu tun hatte.“


Infos zur Ausbildung

  • In Winnenden läuft derzeit eine Ausbildung zur Hebamme mit 25 Teilnehmerinnen. Das Einzugsgebiet ist die gesamte Bundesrepublik. Das Alter der Teilnehmerinnen liegt zwischen 18 und 38 Jahren.
  • Voraussetzung für die Zulassung zur Ausbildung ist mindestens Mittlere Reife. Um Hebammenwissenschaft studieren zu können, ist Fachhochschulreife bzw. Abitur Voraussetzung.
  • Die Ausbildung besteht aus einem Theorieteil mit 1600, einem Praxisteil mit 3000 Stunden, der Studiengang wird derzeit geplant.
  • Es gibt ein Ausbildungsgehalt, das in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes tarifgebunden ist, im ersten Jahr 980 Euro brutto, im zweiten 1040 Euro, im dritten 1140 Euro.
  • Die Ausbildungsinhalte sehen vor, dass nach bestandener Abschlussprüfung die Absolventinnen als Hebamme freiberuflich oder angestellt in einem Krankenhaus arbeiten können.
  • Bei einem tarifgebundenen Arbeitgeber beträgt das Einstiegsgehalt 2000 bis 2300 Euro brutto.
  • Die Versorgung im Raum Winnenden (also mit den Gemeinden Schwaikheim, Berglen und Leutenbach) durch Hebammen, die freiberuflich tätig sind, ist „ausbaufähig“.
  • Kontakt: Astrid Polentz, Fachbereichsleitung Hebammenausbildung, ) 0 71 95/9 06 77 14, www.bzg-rm.de.