Winterbach

39 Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht an der Waldorfschule - wann halten Ärzte eine Befreiung aus gesundheitlichen Gründen für gerechtfertigt?

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Corona Engelberg
Die Waldorfschule Engelberg: „Wir halten uns streng an die Vorgaben.“ © Gabriel Habermann
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Young students with face masks at desks at college or university, coronavirus concept.
Das Tragen einer Mund-Nasen-Maske ist an weiterführenden Schulen Pflicht. © Adobestock/Halfpoint

Die Maskenpflicht an den weiterführenden Schulen ist mittlerweile etabliert, große Diskussionen gibt es keine mehr. In den vergangenen Wochen wurden diese an den Waldorfschulen besonders heftig geführt. An der Engelberger Waldorfschule sind vergleichsweise viele Schüler durch ärztliche Atteste davon befreit, eine Maske zu tragen. Insgesamt sind es derzeit 33 der insgesamt 700 Schüler, in einer Klasse sitzen geballt sieben. Außerdem haben sechs von 80 Lehrern ein Attest fürs Masketragen.* Wie geht die Schule damit um? Und sind Befreiungen aus gesundheitlichen Gründen überhaupt gerechtfertigt?

„Querdenker“ an Waldorfschulen? - Engelberger Schule distanziert sich

An vielen Waldorfschulen gingen die Wogen hoch, nachdem für die weiterführenden Schulen eine strikte Maskenpflicht angeordnet wurde. Manches Mal eskalierte der Streit, wie in Faurndau im Filstal. Eltern legten dort bei einer Protestaktion Kuscheltiere ab, wie an einem Kindergrab, und gingen auf Plakaten die Schule hart an: „Lehrer und Schulleitung haften persönlich für jedes im Unterricht umgefallene Kind“, war dort etwa zu lesen. Die Aktion griff damit die Erzählung aus der „Querdenken“-Bewegung und ihrem Umfeld auf, die Masken seien gesundheitsgefährdend.

Sind die Waldorfschulen und die Anthroposophie also Horte der Verschwörungs-Gläubigen, die das Coronavirus für eine Erfindung dunkler Mächte halten? Die Verwaltung und die Vertreter der Lehrerschaft der Engelberger Waldorfschule distanzieren sich im Gespräch mit unserer Zeitung davon. Das, was auf den „Querdenken“-Demos passiere, passe nicht zur Anthroposophie, sagt Frank Hussung. Der Lehrer ist Teil der Kollegialen Leitung, die auf dem Engelberg unter anderem für die Umsetzung der Corona-Verordnungen zuständig ist. Wenn er mitbekomme, dass die Waldorfschul-Bewegung mit rechtsextremen Umtrieben in Verbindung gebracht werde, tue ihm das „in der Seele weh“.

Die Vorgaben der Landesregierung würden an der Waldorfschule Engelberg strikt umgesetzt, betont Geschäftsführer Felix Maier. Er offenbart aber auch, dass die Aufregung bei manchen Eltern groß war, als die Maskenpflicht umgesetzt werden sollte – in beide Richtungen. Es habe Eltern gegeben, die die Masken sehr kritisch gesehen oder sogar abgelehnt hätten, aber auch welche, die sich lautstark mehr Schutz für ihre Kinder wünschten und wegen der Haltung der anderen besorgt gewesen seien.

In vielen Klassen, vor allem in den unteren, tauchten Schüler mit ärztlichen Attesten auf, mit denen sie eine Befreiung von der Maskenpflicht aus gesundheitlichen Gründen in Anspruch nahmen. „Das sind keine Maskenverweigerer“, sagt Florence Schneider, die als Lehrerin ebenfalls Teil des Leitungsgremiums der Schule ist. Wenn ein Schüler ein Attest eines qualifizierten Arztes vorlege, dann sei das von der Schule nicht zu hinterfragen. „Ob es uns gefällt, ist eine andere Frage.“ Ihr Kollege Frank Hussung meint: Um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen, wäre es natürlich besser, wenn alle Masken tragen würden. Da es aber die Möglichkeit der Befreiung per Attest gebe, müsse man damit umgehen. „Wir halten uns streng an die Vorgaben des Kultusministeriums.“  Waldorfschul-Geschäftsführer Felix Maier sagt: "Bei den Lehrern führen wir Gespräche mit dem Ziel, die Maske trotz Attest dann zu tragen, wenn sie besondere Vorbildfunktion haben."  Das bedeute: "Auf den Gängen, bei der Pausenaufsicht, In Gesprächen bei denen der Abstand nicht gewahrt werden kann)".*

„Medizinisch kein Grund“ - Die Regeln, und was Ärzte sagen

Das Kultusministerium sagt, unter Berufung auf die geltende Corona-Verordnung, zum Thema Maske: Die Verpflichtung bestehe nicht für Personen, „die glaubhaft machen können, dass ihnen das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung aus gesundheitlichen oder sonstigen zwingenden Gründen nicht möglich oder nicht zumutbar ist“. Dafür kann die Schule ein ärztliches Attest verlangen, in dem das „nachvollziehbar medizinisch begründet“ sei. „Sonstige zwingende Gründe“ können zudem beispielsweise sein: eine Behinderung, die das Aufsetzen der Maske unmöglich macht, oder wenn jemand wegen einer psychischen Beeinträchtigung wie etwa einer Angststörung die Maske „nicht toleriert“.

Wie lässt sich ein Attest aber tatsächlich medizinisch begründen? Hier fängt es an, schwierig zu werden, weil Ärzte diese Frage sehr unterschiedlich beantworten. Till Reckert, Sprecher des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sagte zum Beispiel im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten: „Es gibt quasi keine Erkrankung, bei der das Tragen einer leichten Maske aus medizinischen Gründen nicht möglich oder gefährlich ist.“ Schwindel, Übelkeit, Kopfweh oder Atemnot: „Das sind diffuse Symptome, die man nicht überprüfen kann, auch nicht, ob sie in einem Zusammenhang mit der Maske stehen.“

An diese Linie hält sich auch der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel. „Medizinisch gibt es definitiv keinen Grund für eine komplette Maskenbefreiung.“ Deswegen könne und dürfe eigentlich kein Arzt ein Attest dafür ausstellen. Er selbst hat das bisher nur einmal getan: für ein Mädchen, das durch die Maske an ernsthaften Panikattacken litt und bei dem die Gefahr bestand, dass sie dadurch ein entscheidendes Schuljahr mit Prüfungen verpasst. Er hat auch erlebt, wie man als Mediziner unter Druck gerät, wenn Eltern in der Praxis sitzen und eine Befreiung wünschen. Brügel sagt aber: „Es gibt viele Kollegen, die eine härtere Linie fahren als ich und sagen: Da diskutiere ich gar nicht drüber.“

Brügel ist einen anderen Weg gegangen und hat im Dialog mit Schulen versucht, gangbare Lösungen zu finden. Er vertrat in der Öffentlichkeit offensiv seine Haltung: Stundenlanges Masketragen ohne Pause an einem langen Schultag – das ist unzumutbar. Die Kinder und Jugendlichen, so Brügel, bräuchten über die große Pause hinaus, in der sie draußen keine Maske tragen müssen, ein paar Mal am Tag die Chance, „dieses Ding abzunehmen“ und durchzuatmen. Die Schorndorfer Schulen konnte er überzeugen: Dort können die Schüler jederzeit das Bedürfnis für eine Pause anmelden, damit sie allein an die frische Luft können. Eine pragmatische Lösung. So sieht es Ralf Brügel sichergestellt, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgeschlossen sind.

Wer stellt die Atteste aus? - Anruf bei einem Winterbacher Arzt

Sie sind deutlich in der Minderheit, es gibt aber auch Ärzte, die die Sache mit der Maske anders beurteilen. Klar, irgendwo müssen ja die Atteste herkommen, die kursieren. Die Waldorfschule Engelberg stellt nach eigener Aussage eine Häufung der Atteste von bestimmten Arztpraxen fest, Namen nennt die Schule jedoch keine.

Es gibt aber Ärzte, denen ihr Ruf vorauseilt. So heißt es zum Beispiel vom Winterbacher Allgemein-Mediziner Andreas Hessenbruch, dass bei ihm leichter als anderswo eine Bescheinigung zur Befreiung zu bekommen ist. Stimmt das? Anruf in der Praxis. Tatsächlich zeigt sich Hessenbruch als offener Kritiker der Masken, er hält sie für unwirksam und vertritt sogar die Ansicht, dass sie gesundheitsschädlich sein könnten.

Der Arzt wehrt sich aber gegen den Vorwurf, er würde willkürlich oder sogar aus Gesinnungsgründen Atteste ausstellen. „Ich führe mehrmals täglich in meiner Praxis die Diskussion, dass ich Atteste ablehne“, sagt er. Wenn jemand über Kopfschmerzen wegen der Maske klage, könne er dafür kein Attest ausstellen. „Ich würde mich strafbar machen, wenn ich das täte.“

Nur bei einem „deutlichen medizinischen Problem“ stelle er eine Bescheinigung zur Befreiung aus. Als Beispiele nennt er Patienten mit „schweren Herzinsuffizienzen“ oder „schwerem Asthma“.

Hessenbruch sieht im Gegensatz zur Mehrheit seiner Kollegen, der Berufsverbände und der Wissenschaftler durch die Maske durchaus eine generelle Gesundheitsgefährdung, und zwar durch eine Kohlendioxid-Belastung. Das ist unter Maskenverweigerern und in der Szene der „Querdenker“ eine verbreitete Erzählung. Unter Medizinern und fachlich qualifizierten Wissenschaftlern steht Andreas Hessenbruch damit aber relativ alleine da. Das Umweltbundesamt fasst zusammen: „Die Befürchtung, unter der Maske würde sich Kohlendioxid (CO²) ansammeln und zum Einatmen gesundheitlich bedenklicher Konzentrationen führen, ist unbegründet.“ Die Erklärung dazu ist auf der Internetseite des Amtes detailliert nachzulesen.

Während Andreas Hessenbruch davon ausgeht, dass sich das Gas Kohlendioxid in bedenklicher Konzentration unter der Maske staut, hält er sie jedoch für ungeeignet, um eine Ausbreitung von Coronaviren zu verhindern, weil diese zu klein seien und durch den Stoff schlüpften. Tatsächlich ist es weiterhin wissenschaftlich nicht einwandfrei nachweisbar, dass Mund-Nasen-Masken in signifikanter Weise dabei helfen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Es gibt aber einen breiten Konsens in der Fachwelt, dass sie das sehr wohl tun – wenn auch vor allem als kleiner Baustein im Verbund mit anderen weitaus wichtigeren Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Lüften und Abstandhalten.

Andreas Hessenbruch betont bei aller Kritik: In seiner Praxis gelte selbstverständlich Maskenpflicht, er halte sich an die Verordnungen. Allerdings gibt er ungefragt zu: Auch wenn er Atteste meist verweigere, berate er die Leute mit „Argumentationshilfen“, mit denen sie begründen könnten, keine Maske tragen zu können.

Gespräche und sozialer Druck - Erfahrungen an Schorndorfer Schulen

Dass die Waldorfschule wirklich eine Sonderrolle bei den Maskenbefreiungen einnimmt, zeigt die Nachfrage zur Situation an den beiden Schorndorfer Gymnasien. Derzeit gebe es noch zwei oder drei Schüler über alle Klassen hinweg, die, mit Attest begründet, ohne Maske unterwegs seien, sagt Markus Wasserfall, Rektor des Max-Planck-Gymnasiums. Bei diesen lägen tatsächlich „ernsthafte medizinische Gründe“ vor. Zu Beginn der Maskenpflicht habe es ein paar mehr Atteste gegeben, „aber im einstelligen Bereich“. Als es dann kälter geworden sei, habe man das Gespräch mit den Eltern gesucht und ihnen nahegelegt, „dass sie es sich ganz genau überlegen sollen, ob es wirklich nötig ist“. Das hätte einige zum Einlenken gebracht.

So hat es auch am Burg-Gymnasium funktioniert, berichtet Rektor Jürgen Hohloch. Derzeit gebe es einen Fall, in dem die Eltern das Kind zu Hause behielten. Davon abgesehen habe es vier oder fünf Schüler in einer Klasse gegeben, die keine Maske tragen wollten. „Da wurde durch Gespräche mit dem Klassenlehrer und der Eltern untereinander erreicht, dass sie die Maske jetzt aufhaben.“ Es gebe innerhalb der Klassengemeinschaft einen gewissen Druck, sagt Hohloch. Wenn da ein Schüler separiert mit großem Abstand ohne Maske sitze und die anderen müssten sich aus Platzmangel aneinanderdrängen: „Das gibt unter den Schülern und in der Elternschaft auch böses Blut.“

Meine Freiheit, deine Freiheit - Die Schule als Ort für Politik

An der Waldorfschule Engelberg gibt es nach Aussage der Lehrer der Kollegialen Leitung in vielen Klassen ein oder zwei Schüler, die mit Attest ohne Maske unterwegs sind. Eine Häufung gibt es in einer Klasse mit gleich sieben Schülern. Die Wogen, die hochgeschlagen seien, hätten sich inzwischen jedoch beruhigt, sagt Schul-Geschäftsführer Felix Maier: „Es ist eine gewisse Ruhe und Routine eingekehrt.“ Vieles habe sich normalisiert, er habe keine „bösen Kontakte“ mit Eltern mehr. Die Schüler ohne Maske setze man in den Klassen mit möglichst viel Abstand zu den anderen.

Lehrer Frank Hussung appelliert: Wenn Eltern gegen die Maskenpflicht seien, dann sollten sie die Diskussion nicht mit der Schule, sondern mit Politikern führen. Was nicht heißt, dass Hussung das Thema nicht im Unterricht ansprechen würde. Zum Beispiel die Frage: „Was ist das für ein Freiheitsbegriff, den die Querdenker haben?“ Da könne man mit den Schülern Kants kategorischen Imperativ durchnehmen. Oder die Frage: Wo hört meine Freiheit auf, wenn sie die Freiheit der Anderen bedroht?

* Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels waren diese Zahlen und Zitate nicht enthalten, die Waldorfschule hat erst spät auf die entsprechenden Fragen geantwortet. Da die nachgelieferten Informationen sehr relevant sind, haben wir sie noch in den ursprünglichen Artikel eingefügt.

Die Maskenpflicht an den weiterführenden Schulen ist mittlerweile etabliert, große Diskussionen gibt es keine mehr. In den vergangenen Wochen wurden diese an den Waldorfschulen besonders heftig geführt. An der Engelberger Waldorfschule sind vergleichsweise viele Schüler durch ärztliche Atteste davon befreit, eine Maske zu tragen. Insgesamt sind es derzeit 33 der insgesamt 700 Schüler, in einer Klasse sitzen geballt sieben. Außerdem haben sechs von 80 Lehrern ein Attest fürs Masketragen.* Wie

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