Winterbach

94-jährige KZ-Überlebende rappt in Winterbach

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Ein tolles Team: Esther Bejarano, flankiert von Rapper Kutlu Yurtseven und ihrem Sohn, dem Gitarristen Joram Bejarano. © Laura Edenberger

Winterbach. 200 Zuschauer, eine Bühne in einer Turnhalle: Was verbindet Rap und die Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden? Die Botschaft, nicht zuzusehen, sondern aufzustehen.

„Wir müssen das Schweigen brechen, sonst erschlägt es uns“, sagt Kutlu Yurtseven auf der Bühne in der Winterbacher Lehenbachhalle. „Denn das Schweigen beherrscht uns immer noch.“ Er ist ein Teil der Band Microphone Mafia. Ein weiterer Teil steht auf der anderen Seite – der Gitarrist Joram Bejarano. Zwischen ihnen: die 94-jährige Esther Bejarano. Dass die beiden sich den Nachnamen teilen, ist kein Zufall. Joram ist Esthers Sohn. Und Kutlu bezeichnet sich selber als „eingeenkelt“.

KZ-Überlebende erzählt ein Stück Geschichte

Sie sind ein außergewöhnliches Trio – die beiden Männer rappen, und Esther erzählt ein Stück Geschichte, das ihres ist und doch zur deutschen Vergangenheit gehört wie kein anderes Ereignis. Sie ist Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz.

An diesem Abend geht es um die Lehren der Vergangenheit, die zum Kampf in der Gegenwart führen. Und dieser Kampf wird heute dringend benötigt. Im Bundestag sitzen Geschichtsrelativierer, rassistische Angriffe erobern die Überschriften von Zeitungen, und Antisemitismus wird offen ausgesprochen. 2018 sagte der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, dass „Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher Geschichte“ seien. Björn Höcke, ebenfalls der AfD angehörend, bezeichnete 2017 das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ und beklagt, dass Hitler als „absolut böse“ dargestellt werde. Seit 2010 wurden 12 000 antisemitische Straftaten erfasst, die Dunkelziffer solcher Straftaten ist bekannterweise hoch. Anfang des Jahres wurden zwei Mädchen aus Syrien in Berlin von einem Mann attackiert, der sie rassistisch beleidigte und ins Gesicht schlug.

Die Deutschen wussten nichts von Auschwitz? Unglaubwürdig

Was Rassismus und Antisemitismus der schlimmsten Art bedeutet, musste Esther Bejarano am eigenen Körper ertragen. Im Jahre 1943 wird sie ins KZ Auschwitz gebracht. Sie spielt im berühmten Mädchenorchester und steht mit dem Akkordeon an den Toren, durch die die deportierten Menschen kommen. Als sie in das KZ Ravensbrück verlegt wird, arbeitet sie für Siemens. Ihre Vorsteherinnen sind Zivilistinnen aus Berlin. Dass die Menschen in Deutschland nicht wussten, was in den Lagern passierte, kann ihr niemand erzählen.

Auf dem Todesmarsch der Nazis flieht sie mit sechs weiteren Mädchen in die Wälder. Irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern gelangen sie in ein Dorf, den US-Amerikanern in die Arme. Sie wissen, der Krieg ist vorbei. „Es war nicht nur meine Befreiung, es war meine zweite Geburt“, sagt Esther Bejarano.

Eine Botschaft für heute

Kutlu Yurtseven ist Kölner, seine Eltern sind Gastarbeiter aus der Türkei. Er hat die rechtsextremistischen Anschläge in den 90ern erlebt. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen – das Schweigen der Gesellschaft war dröhnend, auch das der Familien der Gastarbeiter. Ihnen wurde gesagt „es geht nicht um euch, es geht um die kriminellen Asylbewerber“, sagt Yurtseven. „Eigentlich hätten wir auf uns selber wütend sein müssen, weil auch wir geschwiegen haben.“ Auch Yurtsevens Heimatstadt wurde zum Schauplatz eines rassistischen Exzesses: Der Nationalsozialistische Untergrund ließ in der Keupstraße, einem Zentrum des türkischen Geschäftslebens in Köln, 2004 eine Nagelbombe detonieren, 22 Menschen wurden verletzt.

Diese Geschichten vom Wüten des Rassismus verbindet das Trio an diesem Abend zu einer Botschaft für heute: Dass eine Gesellschaft ihren Entwicklungen nicht stumm zusehen darf, dass der Platz nicht den Lautesten gebühren darf und dass Schweigen durch Aufstehen und Positionieren eines jeden ersetzt werden muss. Kutlu Yurtsevens Rezept dafür: „Widerstand braucht keinen erhobenen Zeigefinger, aber ein Lachen aus tiefstem Herzen.“

Bejarano seit zehn Jahren mit der Microphone Mafia auf der Bühne

Esther Bejarano zuzuhören, ist besonders wichtig. Sie gehört einer Generation an, die von der Zeit des Holocaust noch aus eigenen Erfahrungen erzählen kann. Seit zehn Jahren steht sie schon zusammen mit der Microphone Mafia auf der Bühne, um gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung zu musizieren. Irgendwann werden die Stimmen ihrer Generation verstummt sein, übrig bleibt die mahnende Erinnerung. Sie muss laut sein.


Zur Person: Esther Bejarano

Esther Bejarano wurde 1924 als Esther Loewy geboren. Die Tochter eines jüdischen Kantors wuchs in Saarbrücken und Ulm auf, 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern und ihre Schwester wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sie überlebte, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon, Blockflöte und Gitarre spielte. Dann wurde sie ins KZ Ravensbrück verlegt und arbeitete zwei Jahre für die Firma Siemens. Auf dem Todesmarsch der Nazis 1945 gelang es ihr, mit sechs anderen Frauen zu fliehen.

Am 3. Mai 1945 erlebte sie die Befreiung durch die Alliierten. Im August 1945 reiste sie nach Israel aus und heiratete 1950 Nissim Bejarano. Sie bekam zwei Kinder. Die Familie ließ sich 1960 in Hamburg nieder. Esther Bejarano gründete das Auschwitz-Komitee für die Bundesrepublik Deutschland, das Bildungsreisen in KZs und Zeitzeugengespräche organisiert. Seit 2009 steht sie mit der Band Microphone Mafia auf der Bühne, sie haben mehrere Alben aufgenommen. 2013 erschien ihre Biografie „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“.