Winterbach

Ausgzeichnete Frau in einer Männer-Domäne

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Luana-Magdalena Schmid an ihrem Arbeitsplatz bei der Firma Schaal CNC Fertigungstechnik in Winterbach. © Gaby Schneider

Winterbach/Schorndorf. Jochen Schaal hat gerade Glück mit seinen Auszubildenden. Nachdem 2016 Matthias Hujicek im Leistungswettbewerb des Zentralverbands des Deutschen Handwerks Erster wurde, ist 2017 Luana-Magdalena Schmid ganz vorne dabei. Aber Glück ist es nicht nur. Schaal behandelt die Azubis in seinem CNC-Fertigungstechnik-Betrieb in Winterbach nicht wie billige Hilfskräfte, sondern gibt ihnen fordernde Aufgaben, an denen sie wachsen können.

Ob das was wird mit einem Anwärter oder einer Anwärterin auf eine Azubi-Stelle, das weiß Jochen Schaal nach einer Woche. Alle, die sich für einen Job bei ihm interessieren, lässt er nämlich so lange in einem Praktikum probearbeiten. „Da sehe ich, ob es einen Wert hat“, sagt der Firmenchef. Das heißt: Diese eine Woche zählt. Dagegen interessiert es Jochen Schaal wenig, ob jemand nur einen Hauptschulabschluss hat oder mit welchen Noten er kommt. Wichtig ist ihm, dass jemand mitzieht, wissbegierig ist, bereit, Verantwortung zu übernehmen und sich zu entwickeln. Wer diese Voraussetzungen nicht mitbringe, der sage bereits während des Praktikums von sich aus: Oje, bei dem will ich lieber nicht arbeiten.

Der Chef fordert viel von seinen Azubis

Jochen Schaal macht ziemlich unverstellt klar, dass er in mancher Hinsicht kein einfacher Chef ist. Er fordert viel. Die Leute, die zu ihm kämen, wüssten, was sie erwarte, sagt er. Luana Magdalena Schmid hat das vor zwei Jahren nicht gehindert, bei ihm eine Ausbildung zu beginnen. Im Gegenteil. Sie war bereits in einer Ausbildung zur Industriemechanikerin in einem kleinen Betrieb in Welzheim. Dort, erzählt die Schorndorferin, sei sie nicht glücklich gewesen. „Ich stand nur an der Säge und habe Rohmaterial gesägt. Ich habe mich als billige Arbeitskraft gefühlt.“

Der beste Abschluss in ganz Baden-Württemberg

Weil sie merkte, dass das so nichts wird, schaute sie sich nach dem ersten Lehrjahr nach Alternativen um und kam auf Jochen Schaal. Und zwei Jahre später schloss sie die Ausbildung zur Feinwerkmechanikerin mit Fachrichtung Zerspanungstechnik mit der Note 2,1 ab. Das war der beste Abschluss in ihrem Fach in ganz Baden-Württemberg, wodurch sie zum Bundeswettbewerb des Zentralverbands des Deutschen Handwerks fahren durfte.

Bei Jochen Schaal sei alles anders gewesen als bei ihrer vorherigen Ausbildungsstelle. Bereits in der Ausbildung durfte die 20-Jährige mit den Fünf-Achs-Maschinen arbeiten, die Schaal den „Mercedes unter den Werkzeugmaschinen“ nennt. In ihrer vorigen Firma, erzählt sie, habe da nur der Meister rangedurft. Der Chef meint dazu: „Man wächst hier mit den Aufgaben und die werden täglich höher gesteckt.“ Weil bekannt sei, dass es bei ihm anders zugehe als in vielen anderen Firmen, dass er zwar viel fordert, aber auch viel bietet, sei er auch in Zeiten des Fachkräftemangels in der glücklichen Lage, dass er sich seine Nachwuchskräfte aussuchen könne.

Handwerk verknüpft mit Informatik

Drehen und Fräsen, das ist das, was die CNC-Maschinen bei Schaal machen und das ist die Tätigkeitsbeschreibung einer Feinwerkmechanikerin mit Fachrichtung Zerspanungstechnik wie Luana-Magdalena Schmid. CNC steht für „Computerized Numerical Control“, zu Deutsch: „Rechnergestützte numerische Steuerung“. Das heißt: Die Maschinen werden nicht konventionell per Hand bedient. Luana-Magdalena Schmid legt vorher über ein Programm am PC fest, was die Maschine machen soll, setzt die Koordinaten für die Form und wählt die zu benutzenden Werkzeuge aus.

Der Beruf ist also Handwerk, aber er besteht auch zu einem großen Teil aus Informatik. Logisches Verständnis und räumliches Vorstellungsvermögen sind wichtig und man sollte nicht mit Mathe auf Kriegsfuß stehen. Im Mathe-Unterricht war sie eigentlich kein Ass, meint Luana-Magdalena Schmid. Sie hat auf der Karl-Friedrich-Reinhardt-Schule in Schorndorf den Werkrealschulabschluss gemacht. Aber sobald das Fach in der Berufsschule praktischen Bezug gehabt habe, sei mehr Motivation und Freude daran bei ihr aufgekommen. „Man entwickelt sich“, meint ihr Chef Jochen Schaal dazu. Er selbst habe einst auch nur den Hauptschulabschluss gehabt. Er ist sicher: In einem bestimmten Alter könnten sich die Begabungen, die da seien, noch gar nicht so herauskristallisiert haben.

Dass sie etwas Handwerkliches machen will, das war für Luana-Magdalena Schmid klar. Ihr Hobby ist ihr Motorrad, an dem sie gerne herumbastelt. In ihrem Berufsfeld ist sie eine der wenigen Frauen. In der Region Stuttgart gibt es derzeit 279 Auszubildende im Bereich Feinwerkmechanik, elf davon, also knapp vier Prozent, sind weiblich.

Frauen werden als Fachkräfte in Industrie und Handwerk gebraucht

Die wenigsten jungen Frauen kämen von sich aus darauf, Feinwerkmechanikerin zu werden, sagt Jochen Schaal. „Dabei ist es eine filigrane Tätigkeit“, meint er. „Der Job ist körperlich nicht schwer.“ Dagegen sei zum Beispiel die Krankenpflege, ein Berufsfeld, in dem viele Frauen arbeiten, ein „Knochenjob“. Der Anteil der Facharbeiterinnen in Industrie und Handwerk steige jedoch stetig. Und das müsse er auch, sagt Jochen Schaal. Ähnlich wie bei der Freiwilligen Feuerwehr, die ohne Frauen bald gar nicht funktionieren würde.

Luana-Magdalena Schmid fühlt sich in der männerdominierten Arbeitswelt bei Jochen Schaal gut integriert. Klar, es herrsche mitunter ein rauer Ton, da brauche man schon Selbstbewusstsein, um sich zu behaupten. Dass sie was kann, das muss sie aber hier niemandem mehr beweisen.


Der Wettbewerb

Zum Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks auf Bundesebene fahren die besten Auszubildenden in den verschiedenen Berufen aus den jeweiligen Bundesländern. Sie müssen dort noch einmal eine Art komprimierte Abschlussprüfung absolvieren, im praktischen Teil zum Beispiel ein Werkstück fertigen. Besser als Luana-Magdalena Schmid war in ihrer Fachrichtung in ganz Deutschland nur ein einziger Konkurrent. Sie darf sich zweite Bundessiegerin nennen.