Winterbach

Doro Pesch, die "Queen of Metal", vor ihrem Auftritt in Winterbach: „Corona hat viel kaputtgemacht“

Doro Pesch
Doro Pesch ist durch und durch Metallerin und Rockerin: Schwarze Lederkluft und schwarz umrandete Augen, das ist bei ihr keine Pose, sondern Ausdruck ihres Lebensgefühls – so geht sie in Düsseldorf auch zum Bäcker. © David Havlena

Doro Pesch legte in den 80er Jahren mit ihrer Band Warlock eine steile Karriere hin, sie  überlebte den Bedeutungsverlust des Heavy Metal in der Aufmerksamkeit der Massen in den 90ern und sie ist bis heute eine Künstlerin, die alle kennen, die harte Musik mögen – aber nicht nur die, trat sie doch auch schon im ZDF-Fernsehgarten auf. Jetzt ist die 57-Jährige mit ihrem Live-Album auf Platz 4 in den deutschen Albumcharts eingestiegen und macht auf Europatour in Winterbach Station. Mit uns hat sie davor gesprochen, unter anderem über die spaltende Kraft von Corona, die bis in ihre eigene Band hineinreicht, und darüber, wie sie als Jugendliche fast an Tuberkulose gestorben wäre.

Doro Pesch ist schon mehrmals um die ganze Welt getourt. In den 80er Jahren, als der Metal auf dem Höhepunkt seiner weltweiten Popularität war, trat sie vor 80 000 Menschen auf, zusammen mit Bands wie den Scorpions. Warlock-Hits wie „All we are“ sind heute Klassiker. Später sang sie Duette mit Lemmy Kilmister, dem 2015 verstorbenen Motörhead-Frontmann.

Einen großen Teil der vergangenen 30 Jahre hat Doro in New York gelebt. Wenn man mit der gebürtigen Düsseldorferin spricht, dann ist da jedoch keine Spur von Abgehobenheit, sondern pure Bodenständigkeit und ehrliche, rheinische Lebensfreude. Im Gespräch geht sie sofort zum Du über.

Doro, du spielst an diesem Freitag in Winterbach. Das Konzert wurde zuvor bereits verschoben, lange war unklar, ob die Tour, ob das Konzert stattfinden kann, ob die Corona-Lage das zulässt. Das muss als Künstlerin gerade ziemlich nervenaufreibend sein.

Die Planung war schon schwierig. Wir mussten die Konzerte in Schottland zum Beispiel komplett rausnehmen, weil da nur 200 Leute jeweils hätten kommen dürfen. Das ist zu wenig, wenn ursprünglich 1000 Tickets verkauft waren und das so kalkuliert war. Die deutschen Gigs finden größtenteils statt, aber auch da mussten wir manche absagen oder weiter verschieben, in Ingolstadt oder Dresden zum Beispiel. Es gelten einfach überall andere Regeln und es gibt andere Voraussetzungen. 2G, 3G – da müssen sich die Fans vorher gut informieren. Teilweise müssen die Leute auch Maske tragen.

Das ist tatsächlich auch in Winterbach Pflicht für das Publikum. Schwierig für ein Metal-Konzert, oder?

Ja, klar. Aber das Wichtigste ist, dass alle gesund bleiben. Und wir geben alles, wir werden so reinhauen, wie noch nie zuvor, so dass die Leute trotzdem sagen, das war die geilste Show, auch unter den Umständen. Wir werden alles spielen, alle Highlights von den 80ern bis zu neuen Sachen und ein paar Überraschungen. Und wir feiern natürlich das Live-Album „Triumph and Agony“.

Das Album kam jetzt im September raus, eine Live-Version der gleichnamigen Warlock-Platte von 1987. Mit Aufnahmen von Konzerten aus Schweden und Spanien aus den Jahren 2017 und 2019 – danach kam Corona und es ging gar nichts mehr. Wie sehr hast du gelitten?

Das war natürlich superhart für alle, Musiker, Techniker, Veranstalter, die Fans auch. Musik ist doch so wichtig für alle, um den Alltagsstress mal zu vergessen, wenn man richtig abrockt. Aber wir haben, sobald es wieder ging, verschiedene Sachen gemacht, Abenteuer wie Strandkorbkonzerte oder Autokonzerte. Das war auch total schön und hat Spaß gemacht – allerdings viel mehr Arbeit, wenn die Leute ganz weit weg sind und man sie gar nicht hört. Es war auf jeden Fall gut, überhaupt was zu machen. Als dann die normalen Festivals im Sommer wiederkamen, waren wir gut trainiert. Viele Bands haben jedoch ganz aufgegeben, viele aus der Branche haben den Job gewechselt. Ich habe die Zeit auch genutzt und im Studio das Best-of-Album „Magic Diamonds“ zusammengestellt und eben die Live-Platte.

Du bist in der Corona-Zeit auch wieder mehr in Deutschland gewesen. Es war zu lesen, du seist wegen des politischen Klimas aus den USA geflüchtet, wo du seit Jahrzehnten lebst, stimmt das?

Na ja, nicht so ganz, wie es geschrieben wurde. Ich bin immer hin und her gependelt, ich konnte das, weil ich eine Green Card habe. Mein Herz ist immer noch in New York, da bin ich viel, daneben auch in Florida – da kann ich mich gut erholen, wenn ich von einer Tour komme, da ist es nicht so kalt. Aber ich war zeitweise wieder mehr in Deutschland, das stimmt schon. Meine Mutter lebt ja noch in Düsseldorf. Und da habe ich mich um meine Mum gekümmert, damit da in der Corona-Zeit niemand anderes kommen muss und sie sich vielleicht ansteckt. Ich war tagsüber bei ihr und nachts im Studio. Das macht mir auch große Freude: Meine Mum und auch mein Papa, der schon seit 20 Jahren nicht mehr hier ist, die haben alles für mich getan und mich immer unterstützt. Jetzt bin ich an der Reihe, mich zu kümmern. Aber, was schon auch stimmt – die Politik, das war schwierig in Amerika, auch in der Musikszene.

Beim Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 war ja auch ein bekanntes Gesicht aus der Metal-Szene, Jon Schaffer, Gitarrist von „Iced Earth, dabei.

Da waren Leute dabei, die ich kenne, mit denen habe ich zum Beispiel schon in Wacken gespielt. Da hört es echt auf, das war keine Kleinigkeit mehr. Aber das war so. Solche politischen Differenzen waren eigentlich früher nie Thema im Studio oder unter Musikern. Aber auf einmal ging das richtig ab, das war heftig, das hat die Leute wirklich gespalten, sogar unter uns Musikern, das habe ich vorher noch nie so erlebt. Es hat sich aber inzwischen wieder normalisiert, muss man sagen.

Auch in Deutschland ist eine gewisse Spaltung spürbar, die durch die Corona-Krise offenbar geworden ist. Wie empfindest du das hier?

Leider gibt es die Spaltung sogar bei uns in der Band. Mein Lieblingsbandmitglied, der Nick Douglas, der ist seit 1990 in der Band – der lässt sich nicht impfen. Und deswegen kriegt er keine Arbeitsgenehmigung mehr, es ist unmöglich für einen ungeimpften Musiker, weltweit zu arbeiten. Wir haben da viel drüber gesprochen, aber er will sich nicht impfen lassen. Deswegen ist er im Moment nicht dabei. Das ist sehr traurig, wenn man sich 21 Jahre kennt und zusammen spielt, dann ist das wie der engste Familienkreis. Corona hat viel kaputtgemacht bei uns in der Musikwelt. Das ist ein menschliches Desaster.

In einer Rockpalast-Doku des WDR, die erst jetzt gelaufen ist (online noch in der ARD-Mediathek zu finden), erzählst du, wie deine Karriere als „Queen of Metal“ einst mit einer schweren Krankheit erst begonnen hat. Du warst als Jugendliche an Lungentuberkulose erkrankt.

Ich wäre damals fast gestorben. Ich war in der Klinik isoliert und eingesperrt, habe jeden Tag um mein Leben gekämpft. Dann kam ich raus und habe zwei Wochen später meine erste Band gegründet. So hat es angefangen. Wahrscheinlich hätte ich nie so eine Power gehabt, wenn ich das nicht erlebt hätte. Dann hätte ich heute vielleicht ein ganz normales Leben. Ich hatte damals eine Lehre angefangen als Typografin. Aber nach der Krankheit dachte ich: Ich möchte die Menschen glücklich machen und alles geben. Seitdem gab es nicht einen Tag, an dem ich keine Musik gemacht habe. Ich könnte ohne Musik nicht leben, ohne die Fans – das ist mein Lebenselixier.

Bist du aus der Erfahrung der Krankheit heraus heute auch besonders vorsichtig wegen Corona?

Auf jeden Fall. Ich habe jahrelang nicht mehr daran gedacht. Und jetzt kam das von damals alles wieder hoch. Ich bin extrem vorsichtig. Ich habe echt Todesangst manchmal, das ist wirklich wahr. Wir haben einen Techniker im Team, der hat fünf Familienmitglieder verloren durch Corona.

Und auf der Bühne spielt die Angst für dich jetzt keine Rolle mehr?

Wir achten alle immer extrem darauf, dass alles in Ordnung ist. Wir testen uns jeden Tag. Bestimmte Dinge gehen eben nicht. Die Fans müssen Abstand von der Bühne halten. Und ich kann halt nicht mehr das Mikro ins Publikum halten, was ich sonst echt gern gemacht habe.

Die Tour-Stationen sind ja durchaus sehr unterschiedlich, nicht nur, was die Corona-Regeln angeht. Du kommst jetzt aus England, wo du auch in London gespielt hast. Und jetzt starten in Winterbach, auf dem Dorf, die Deutschland-Konzerte.

Ich sag dir, so kleine Orte, das sind manchmal die allergeilsten Konzerte. Weil da oft die Leute noch besser drauf sind. In den Großstädten, wo man jeden Tag ein Konzert sehen kann, sind manche vielleicht nicht mehr so ganz heiß drauf. Egal wo, wir freuen uns einfach, dass die Leute kommen und dass Veranstalter es auch auf sich nehmen, unter schwierigen Bedingungen die Konzerte zu veranstalten.

Doro Pesch legte in den 80er Jahren mit ihrer Band Warlock eine steile Karriere hin, sie  überlebte den Bedeutungsverlust des Heavy Metal in der Aufmerksamkeit der Massen in den 90ern und sie ist bis heute eine Künstlerin, die alle kennen, die harte Musik mögen – aber nicht nur die, trat sie doch auch schon im ZDF-Fernsehgarten auf. Jetzt ist die 57-Jährige mit ihrem Live-Album auf Platz 4 in den deutschen Albumcharts eingestiegen und macht auf Europatour in Winterbach Station. Mit uns hat

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