Winterbach

Ein Berg von Problemen: Warum die „Sandwegklause“ in Engelberg schließt

Sandwegklause
Michael und Angelika Oehmig: Mutter und Sohn sehen das Ende mit dem berühmten „weinenden und lachenden Auge“. © ALEXANDRA PALMIZI

Es ist ein harter, ungeschminkter Einblick in eine Branche, in der er nicht der Einzige ist, der gerade aufgibt: Zehn Gründe listet Michael Oehmig auf, um zu erklären, warum die „Sandwegklause“, die seine Eltern vor 35 Jahren eröffnet haben, schließen muss. Zehn Probleme, die sich in der Summe zu einem derart hohen Berg aufgetürmt haben, dass nur der Rückzug blieb. Es ist ein Entschluss, den der 29-Jährige nicht allein getroffen hat: „Wir haben das als Familie einstimmig beschlossen.“ Was aus der „Sandwegklause“ nun wird, ist noch offen.

Die Entscheidung der Oehmigs ist freilich ein herber Schlag für Engelberg, schließt hier doch eine echte Institution und die einzige Gastwirtschaft im Winterbacher Ortsteil. Viele könnten die Entscheidung nicht verstehen, sagt Michael Oehmig. Es sei doch gut gelaufen, so der Eindruck der Gäste. Aber wer die Gründe für den Schlussstrich hört, der dürfte ihn mehr als nachvollziehen können.

„Zu wenig Geld, um irgendwann eine Familie zu ernähren“

Der letzte Stein, der das Ende besiegelte und nun zu der sehr kurzfristigen Schließung führt, sind nicht zu kompensierende Personalausfälle. Doch schon vorher war für Michael Oehmig klar, dass die „Sandwegklause“ keine wirkliche Zukunft hat: „Es gab keine Perspektive. Es kommt zu wenig Geld raus, um irgendwann eine Familie ernähren zu können.“ Er hatte den Betrieb 2016 nach der Ausbildung zum Koch übernommen. Mit dem Ziel, seine Mutter Angelika noch „ins Rentenalter zu führen“, sagt er. „Dann lief es drei Jahre sehr gut.“

Der Höhepunkt war das Jahr 2019 mit der Remstal-Gartenschau. Aber es war dieses brummende Jahr, in dem Michael Oehmig merkte, dass die Arbeit und der Stress ihm zu schaffen machen. Er bekam gesundheitliche Probleme. Ärztliche Untersuchungen ergaben: Ihm fehlt körperlich nichts. Der einzige Rat des Arztes: Stress reduzieren.

Den Gästen sei gar nicht bewusst, was für ein Aufwand hinter so einem Lokal stecke. „Man kann das, glaube ich, nur nachvollziehen, wenn man selber in der Gastronomie gearbeitet hat.“ Michael Oehmig hat 16-Stunden-Arbeitstage in der „Sandwegklause“. Habe er während des Lockdowns noch Zeit gehabt, alte Freundschaften wieder aufleben zu lassen, hätten die Freunde danach gesagt: „Du bist nur noch gestresst, eigentlich ein anderer Mensch.“ Dafür bleibe finanziell kaum etwas hängen. Was im Sommer mit der Terrasse draußen erwirtschaftet werde, fresse der Winter wieder auf, weil der Raum innen viel zu klein sei.

"Eigentlich sehe ich mich hier in zehn Jahren nicht mehr"

Während der Corona-Zeit habe er viel Zeit gehabt, nachzudenken, sagt der 29-Jährige. Da habe er gemerkt: „Eigentlich sehe ich mich hier in zehn Jahren nicht mehr.“

Die Pandemie ist auch ein wesentlicher Faktor hinter dem Ende der „Sandwegklause“. Jetzt, wo alle Auflagen weg sind und die Gastronomie wieder durchstarten könnte, steht die ganze Branche vor dem großen Problem, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen. Viele haben sich umorientiert und arbeiten jetzt in Jobs, in denen sie vielleicht nicht mehr verdienen, in denen sie aber geregelte und menschenfreundlichere Arbeitszeiten haben.

Und in der „Sandwegklause“ kam eben noch ganz akut hinzu, dass zwei Kräfte aus der Stammbelegschaft wegen Schwangerschaft und Krankheit langfristig weggefallen sind. Ersatz sei ganz einfach nicht zu bekommen, sagt Michael Oehmig, schon gar nicht so kurzfristig.

Inflation: Der Rostbraten müsste eigentlich 30 Euro kosten

Und dann auch noch das: steigende Energiekosten, die Inflation. Die Fleischpreise seien explodiert, sagt Michael Oehmig. Den Preis für den Rostbraten mit Beilagen und Salat mussten sie deswegen jetzt von 20 auf 25 Euro erhöhen. Aber die wahre Preissteigerung wird davon gar nicht abgebildet: „Eigentlich müsste das Gericht 30 Euro kosten, aber dann kann ich es eigentlich gleich von der Karte streichen“, sagt er. Schon mit 25 Euro werde der Rostbraten deutlich weniger bestellt als vorher.

Den Berg der Sorgen und Probleme komplett macht dann noch das angespannte Verhältnis zu einigen der Nachbarn. Es ist viel los im Sandweg, es sind mehrere neue Wohnhäuser im Entstehen, Baufahrzeuge stehen auf der Straße, ein Neubaugebiet mit sieben Bauplätzen füllt sich. Vor 35 Jahren sah es anders aus, erinnert sich Angelika Oehmig: „Da war das hier wirklich ein Sandweg.“ Die „Sandwegklause“, das Haus, in dem die Oehmigs auch wohnten und in dem heute noch Michael Oehmig lebt, war das erste in der Straße.

Nachbarschaftskonflikt flammte 2021 wieder auf

Doch lange blieb das Haus nicht alleine – und die Probleme mit den Nachbarn begannen. Das schwele seit 30 Jahren, sagt Michael Oehmig. Doch 2021 sei der Konflikt neu aufgeflammt. Der Grund: Die Oehmigs lagerten auf die Wiese nebenan, auf das Grundstück, das ihnen auch gehört, einige der Tische von der Terrasse aus, weil sie dort wegen der corona-regelkonformen Abstände nicht mehr hinpassten, und sie stellten ein paar Liegestühle dazu. Mehr nicht, es war keine Vergrößerung der Kapazitäten, sondern ein Ausweichen in der Not.

Was Michael Oehmig aber nicht auf dem Schirm hatte: Er hätte sich das genehmigen lassen müssen. Prompt erstatteten Nachbarn Anzeige. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, „wenn man so wenig Verständnis hat, dass wir während Corona ums Überleben kämpfen“. Das Landratsamt habe ihm im Nachhinein gesagt, dass die Ausweitung genehmigt worden wäre.

„Hier weiterzumachen, das wäre einfach ein riesengroßer Kampf“

Für Michael Oehmig war insgesamt klar: „Hier weiterzumachen, das wäre einfach ein riesengroßer Kampf.“ Ein Kampf, das sei es schon immer gewesen, sagt Mutter Angelika Oehmig. Sie hat ihn weitergekämpft, solange es ging. Erst mit ihrem Mann, später mit ihrem Lebensgefährten Hans Ziegler, der aber aus gesundheitlichen Gründen seit einigen Jahren nicht mehr helfen kann.

Was jetzt aus der „Sandwegklause“ wird, steht noch nicht fest. Die Pension soll jedenfalls bleiben, der Großteil der sechs Zimmer ist an Dauermieter vergeben.

Und was macht Michael Oehmig? Schon seit einer Weile hat er unter der Woche einen Job im Abramzik-Supermarkt in Winterbach, den er weiter machen will. Er sagt: „Ich werde da einfach arbeiten.“ Damit meint er: mit geregeltem Feierabend und ohne die Last der Verantwortung für den eigenen Betrieb. Langfristig hat er das Ziel, zu studieren, Ernährungswissenschaften, um damit in die Ernährungsberatung zu gehen. Dass er wieder in der Gastronomie arbeitet, schließt er nicht aus. Aber wenn, dann nur nebenberuflich.

Es ist ein harter, ungeschminkter Einblick in eine Branche, in der er nicht der Einzige ist, der gerade aufgibt: Zehn Gründe listet Michael Oehmig auf, um zu erklären, warum die „Sandwegklause“, die seine Eltern vor 35 Jahren eröffnet haben, schließen muss. Zehn Probleme, die sich in der Summe zu einem derart hohen Berg aufgetürmt haben, dass nur der Rückzug blieb. Es ist ein Entschluss, den der 29-Jährige nicht allein getroffen hat: „Wir haben das als Familie einstimmig beschlossen.“ Was

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