Winterbach

Grundschule ohne Noten: Was Schulleiter und Eltern aus Winterbach davon halten

Schule ohne Noten
Fanny Riethmüller, Lehrerin an der Lehenbachschule Winterbach, im Gespräch mit Schülerin Aleef. © Gabriel Habermann

Schulnoten sind objektiv, vergleichbar, motivierend und leistungsfördernd – die Erkenntnisse der Bildungswissenschaft werfen längst sehr große Zweifel an solchen scheinbaren Wahrheiten auf. Dennoch haben die Zensuren an den Schulen nach wie vor viele Befürworter unter Lehrern und Eltern. Neue Erkenntnisse soll jetzt ein Schulversuch bringen: 35 Grundschulen in Baden-Württemberg verzichten ab kommendem Schuljahr auf die Benotung der Schülerinnen und Schüler. Wie das funktionieren kann, ist gut erprobter Alltag an den Gemeinschaftsschulen. Peter Hutzel, Konrektor in Winterbach, wäre sofort dafür, auch an Grundschulen darauf zu verzichten. Er sagt: „Noten bringen nur unnötigen Druck.“ Und: Leistungsbewertung brauche keine Zahlen.

Kontroverse Sichtweisen: „Stufenweise Abschaffung“ – „Völliger Quatsch“

„Keine Noten, kein Stress“ - so lautet die Rückmeldung einer Mutter auf eine Umfrage unserer Zeitung zum Thema. Ihre Kinder besuchen eine Gemeinschaftsschule, an der es keine Noten gibt. Sie sagt: „Wir finden das super.“ Ein Vater, dessen Kind eine Waldorfschule besucht, fragt sich angesichts des neuen Schulversuchs sogar, wie oft man denn noch Versuche machen wolle. Für ihn ist schon längst erwiesen, „was Schulnoten mit Kindern machen, wie sie sie in eine Schublade stecken“. Aus seiner Sicht sollte man über eine „stufenweise Abschaffung“ der Noten nachdenken.

Aber es gibt auch die völlig gegensätzliche Meinung in unserer Elternumfrage. Ein Vater schreibt: „Das ist wieder völliger Quatsch!“ Er findet: „Noten sind klar, transparent und vergleichbar.“ Die Lehrer hätten doch schon jetzt kaum genug Zeit, die Hausaufgaben bei den Schülern richtig zu kontrollieren. Er fragt sich: „Wie soll denn ein Wischiwaschi-Beurteilungssystem dann funktionieren?“

Ja, da sei schon was dran, sagt Ulrich Mittnacht, Rektor der Lehenbachschule Winterbach. „Einfach nur auf Noten zu verzichten, das reicht nicht aus.“ Eine Leistungsrückmeldung brauchen die Schülerinnen und Schüler. Diese müsse „differenziert und gut gemacht sein“ und „verbunden mit Gesprächen und einem guten Coaching“. An den Gemeinschaftsschulen wie der Lehenbachschule in Winterbach ist das gut erprobt und rundum akzeptiert. Nur in Einzelfällen würden sich Eltern für ihre Kinder schon in den unteren Klassen doch Noten wünschen, sagt Ulrich Mittnacht.

Bei den älteren Schülern ab Klasse 8 seien die Noten dann aber doch wieder wichtig, wenn es für sie darum gehe, sich mit ihren Zeugnissen zu bewerben. „Da kommen sonst Fragen von den Firmen.“ Die Abschlusszeugnisse an der Gemeinschaftsschule für Realschul- oder Hauptschulabschluss sind dann ohnehin ganz normale Zeugnisse wie an den jeweiligen Schulformen auch.

"Wie aussagekräftig sind Noten?"

Ansonsten bekommen die Schülerinnen und Schüler an den Gemeinschaftsschulen Lernentwicklungsberichte. Darin ist dann für jedes Fach detailliert aufgeschlüsselt: Was können sie gut, was weniger, woran sollten sie arbeiten. Hier sieht Ulrich Mittnacht die Stärke gegenüber den Noten. Für ihn ist fraglich: „Wie aussagekräftig sind die Noten?“

Gerade das Argument der Vergleichbarkeit sieht er als nicht gegeben an. Eine Mathe-Klassenarbeit könne bei dem einen Lehrer schwerer angelegt sein als bei dem anderen. Es komme bei Einzelnoten auch immer auf die Tagesform an. Außerdem seien Noten immer eine Durchschnittsbewertung. Man sehe ihnen nicht an, wo genau die Stärken der Schülerinnen und Schüler im jeweiligen Fach liegen und wo sie vielleicht ihre Schwächen haben, wo sie mehr tun müssen. So eine Differenzierung findet in den Leistungsentwicklungsberichten an der Gemeinschaftsschule statt. Und die Lehrerinnen und Lehrer nehmen sich zusätzlich Zeit, den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern die Leistungsberichte ausführlich zu erklären.

Als einen wichtigen Faktor sieht Mittnacht auch, dass die Leistungsberichte positiv formuliert sind, so dass sie motivierend wirken, an sich zu arbeiten und es beim nächsten Mal besser zu machen, und nicht demotivieren, wie das bei schlechten Noten der Fall ist.

Die ausführlichen Berichte, die Gespräche – das alles bedeute natürlich einen gewissen Aufwand, der an der Gemeinschaftsschule im Zeitkontingent der Lehrkräfte eingepreist sei, sagt der Rektor der Lehenbachschule. Ohne eine ausreichende Ausstattung mit Ressourcen sei das an einer weiterführenden Schule nicht leistbar.

„Man merkt sofort, dass die Kinder angespannter sind“

Für Peter Hutzel, den Konrektor der Winterbacher Lehenbachschule, gibt es vorneweg ein wichtiges Argument für eine generelle Abschaffung der Noten: der unnötige Druck und Stress, den sie bei den Schülern aus seiner Sicht auslösen. In der Grundschule gebe es die Noten ja ab Klasse 2: „Man merkt dann sofort, dass die Kinder angespannter sind. Noten schüren den Sozialstress.“ Er sieht den bald anlaufenden Schulversuch als eine reelle Chance, das Kultusministerium zu überzeugen, einen neuen Weg einzuschlagen – eine größere Chance als bei früheren Versuchen, die sang- und klanglos wieder eingestampft wurden, aber zu einem Zeitpunkt, als es die Gemeinschaftsschulen und die Erfahrungen daraus noch nicht gegeben habe.

An der Grundschule wäre ein Leistungsrückmeldungssystem ohne Noten gar kein so großer Mehraufwand für die Lehrerinnen und Lehrer, findet Peter Hutzel. Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern führe man in dieser Richtung sowieso ständig. Und auch mit den Eltern gebe es regelmäßigen, ganz differenzierten Austausch über den Leistungsstand ihrer Kinder. Es gebe gut erprobte Mittel zur Rückmeldung über die Noten hinaus. An der Wittumschule in Urbach, wo Hutzel Konrektor war, bevor er zu diesem Schuljahr nach Winterbach wechselte, gebe es zu jeder Klassenarbeit Rückmeldebögen in Stichwortform, um die Zensuren transparenter zu machen.

Eben gerade nicht transparent

Das sieht Peter Hutzel auch als Manko der Noten: Die Zahlen seien wenig aussagekräftig und drückten eben gerade nicht transparent den Leistungsstand einer Schülerin oder eines Schülers aus.

Dass der Anreiz für Leistung fehlt, wenn die Noten wegfallen, das befürchtet Hutzel überhaupt nicht. Im Gegenteil seien Noten oft demotivierend, wenn sie nicht den Erwartungen entsprechen oder im Vergleich mit anderen schlechter ausfallen. Es gehe darum, angstfreier und mit mehr Freude zu arbeiten.

Aber: „Den Leistungsdruck im guten Sinne möchte ich gar nicht rausnehmen aus der Schule. Der gehört dazu.“

Schulnoten sind objektiv, vergleichbar, motivierend und leistungsfördernd – die Erkenntnisse der Bildungswissenschaft werfen längst sehr große Zweifel an solchen scheinbaren Wahrheiten auf. Dennoch haben die Zensuren an den Schulen nach wie vor viele Befürworter unter Lehrern und Eltern. Neue Erkenntnisse soll jetzt ein Schulversuch bringen: 35 Grundschulen in Baden-Württemberg verzichten ab kommendem Schuljahr auf die Benotung der Schülerinnen und Schüler. Wie das funktionieren kann, ist

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