Winterbach

Hochwasser-Katastrophe: Was die Helfer aus Winterbach und dem Rems-Murr-Kreis in Rheinland-Pfalz erlebten

Feuerwehr Hochwasser
Die Feuerwehr-Kräfte aus dem Rems-Murr-Kreis in den schlammbeschmierten Straßen von Kordel in Rheinland-Pfalz. © Privat

Donnerstagabends um 20 Uhr kam der Anruf, um 22 Uhr waren sie unterwegs: Fünf Fahrzeuge der Feuerwehren aus Winterbach, Schorndorf, Welzheim und Auenwald waren beim Katastropheneinsatz im Hochwassergebiet in Rheinland-Pfalz. Sie pumpten Keller aus, halfen, Straßen wieder passierbar zu machen. Das Winterbacher Löschfahrzeug war dabei sogar für einige Sekunden im ARD-Brennpunkt am Freitagabend zu sehen.

Der kleine Fluss schwoll auf einen Pegelstand von acht Metern

Das ist die Szene aus dem TV: Als in der halbstündigen Sondersendung nach der Tagesschau live zum Reporter im rheinland-pfälzischen Ort Kordel geschaltet wird, nähert sich im Bild-Hintergrund langsam ein Feuerwehrfahrzeug auf der schlammig-nassen Straße. Während der Reporter erzählt, wie der kleine Fluss Kyll, der normalerweise einen Wasserstand von 70 Zentimetern hat, am Donnerstagabend auf acht Meter anschwillt, kommt das WN-Kennzeichen in den Blick. Das Feuerwehr-Fahrzeug biegt nach rechts ab, stoppt, setzt zurück, biegt dann nach links ab und verschwindet aus dem Bild. Dabei sind auf der Tür die Aufschriften „Rems-Murr-Kreis“ und „Brand- und Katastrophenschutz – Standort Feuerwehr Winterbach“ zu sehen.

„Da haben wir gerade Feierabend gemacht“, sagt Uwe Hetzinger, der Winterbacher Feuerwehrkommandant, der vorne im Fahrzeug saß. Dass er und seine Kameraden live im Fernsehen waren, ist ihm gar nicht bewusst, das erfährt er erst vom Anruf unserer Zeitung. Dass das Fahrzeug extra lange im Bild war und noch mal zurücksetzen musste, lag daran, dass die Straße in der Richtung, in die die Winterbacher erst fahren wollten, blockiert war. Der vom Hochwasser zerstörte Hausrat, der aus den Häusern geräumt wurde, türmte sich dort.

Die Weisung zum Aufbruch nach Rheinland-Pfalz erreichte den Rems-Murr-Kreis am vergangenen Donnerstagabend kurz nach 19.30 Uhr. Um 20 Uhr bekam dann der Winterbacher Kommandant Uwe Hetzinger den Anruf zur Videokonferenz mit dem Kreisbrandmeister. In Winterbach ist ein LF-Kats stationiert, ein Fahrzeug, das speziell für den Einsatz bei solchen Katastrophen, wie sie sich in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen abspielen, ausgerüstet und eingeplant ist. Ab 22 Uhr fuhr der Feuerwehr-Zug aus dem Kreis dann durch die Nacht, neben dem Winterbacher Fahrzeug Einsatzleitwagen und Rüstwagen aus Schorndorf, Gerätewagen aus Auenwald und Mannschaftstransportwagen aus Welzheim. „Um 4 Uhr morgens waren wir oben“, sagt Uwe Hetzinger.

„Die Leute sagen, innerhalb von Minuten war das Wasser da“

Oben, das heißt, in Kordel, einem Dorf in Rheinland-Pfalz, nahe der Grenze zu Luxemburg, mit knapp 2200 Einwohnern. Kordel liegt am Kyll, einem Nebenfluss der Mosel, der den Ort am Donnerstag völlig überflutete. Das Wasser schnitt das Dorf kurzzeitig von der Außenwelt ab. Ein Altenheim musste von der Bundeswehr evakuiert werden. „Die Leute sagen, innerhalb von Minuten war das Wasser da“, beschreibt Uwe Hetzinger die Dramatik. Ums Leben gekommen ist in Kordel glücklicherweise niemand, aber die Verwüstungen sind immens. Strom- und Wasserversorgung brachen zusammen.

Die Feuerwehrleute aus dem Rems-Murr-Kreis halfen unter anderem, tonnenweise zu Schutt und Trümmern gewordenen Hausrat und Möbel aus den Häusern zu räumen, und machten Straßen frei, die 20 Meter hoch von Schlamm bedeckt waren. „Das ist schon brutal“, sagt der Winterbacher Feuerwehr-Kommandant zu seinen Eindrücken. In dem Ausmaß habe er das noch nie erlebt. Er war mit seinen Kameraden schon im Rems-Murr-Partnerlandkreis in Meißen beim Oderhochwasser 2013 dabei. Aber dort sei es nicht so schlimm gewesen wie jetzt.

Nachdem die Arbeit, die sie tun konnten, in Kordel getan war, sind die Rems-Murr-Feuerwehrleute mittlerweile schon wieder zurück. THW und Bundeswehr seien dann noch mit ihrem schweren Gerät zur Trümmerbeseitigung gefordert gewesen, sagt Uwe Hetzinger.

Mit Auto voller Hilfsgüter nach Bad Neuenahr-Ahrweiler

Eine weitere Winterbacherin ist am Samstag, 17. Juli, ebenfalls ins Katastrophengebiet aufgebrochen: Madeleine Krenzlin brachte eine Autoladung voller Hilfsgüter nach Bad Neuenahr-Ahrweiler, dem 30 000-Einwohner-Ort im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, der wahrscheinlich am schlimmsten von der Hochwasser-Katastrophe in der Region getroffen wurde. Ein Mitarbeiter von Krenzlins Firma Individa, mit der sie Mini-Häuser (Tiny Houses) plant, wohnt dort. Dem habe sie angeboten, Sachen zu bringen, die gebraucht werden, weil sie ohnehin gerade von einem Besuch aus Winterbach zur Fahrt nach Bonn aufbrach, wo sie mittlerweile lebt.

Was sie in Bad Neuenahr-Ahrweiler dann erlebte, bezeichnet Madeleine Krenzlin als „einfach erschreckend“. „Ich habe auf Häuser mit schwarzen Löchern geguckt, und in diesen schwarzen Löchern waren früher Türen und Fenster. Da konnte man reingucken, wie in ein Geisterhaus.“ Das Leid der Menschen sei riesig, viele hätten Angehörige verloren, und es gebe noch viele Vermisste. Ihr Mitarbeiter, der dort wohne, habe zwar nicht sein Haus verloren, aber ein Freund und ein Bekannter von ihm seien in den Fluten umgekommen.

Zuvor hatte Madeleine Krenzlin über verschiedene Kanäle, unter anderem über die Winterbacher Facebook-Gruppe, aufgerufen, ihr Sachen vorbeizubringen, die gebraucht werden könnten. Am Ende war ihr Auto voll mit Sachen, die entweder gespendet waren oder die sie selbst noch eingekauft hat – auch dafür kamen auf die Schnelle 197 Euro zusammen: zwei Generatoren, Benzinkanister, die sie kurz vor dem Ziel noch auffüllte, Steckdosenleisten zum Anschließen an die Generatoren, Toilettenpapier, Kleidung. Besonders begehrt sei Einweggeschirr gewesen. „Weil sie ihr Geschirr nicht abspülen können“, sagt Krenzlin. Es gebe keine Trinkwasserversorgung vor Ort.

Mahnungen: Nicht auf eigene Faust ins Hochwassergebiet fahren

Madeleine Krenzlin rät allerdings dringend davon ab, dass andere Menschen ihrem Beispiel folgen: „Es sollten nicht alle aus Süddeutschland anfangen, da Sachen hochzukarren.“ In ihrem Fall habe sie durch ihren Mitarbeiter vor Ort eine konkrete Anlaufstelle mit konkreten Wünschen gehabt und habe gezielt Sachen geliefert, die gebraucht wurden. Ansonsten müsse die Hilfe über Koordinierungsstellen und Hilfsorganisationen laufen, sonst gebe es ein Chaos, das mehr schade als nütze.

Das ist genau das, was zum Beispiel auch gerade das DRK eindringlich sagt: keine Sachspenden einfach losschicken und nicht auf eigene Faust ins Hochwassergebiet fahren.

Donnerstagabends um 20 Uhr kam der Anruf, um 22 Uhr waren sie unterwegs: Fünf Fahrzeuge der Feuerwehren aus Winterbach, Schorndorf, Welzheim und Auenwald waren beim Katastropheneinsatz im Hochwassergebiet in Rheinland-Pfalz. Sie pumpten Keller aus, halfen, Straßen wieder passierbar zu machen. Das Winterbacher Löschfahrzeug war dabei sogar für einige Sekunden im ARD-Brennpunkt am Freitagabend zu sehen.

Der kleine Fluss schwoll auf einen Pegelstand von acht Metern

Das ist die

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