Winterbach

Knallharte Wahrheiten zum Klimawandel: ARD-Experte Sven Plöger in Winterbach

Sven Plöger, Vortrag zum Klimawandel, Veranstaltung des Feewi, Lehenbachhalle Winterbach, 14.11.2022.
Sven Plöger in Winterbach: „Das können Sie als menschliches Individuum dauerhaft nicht überleben.“ © Benjamin Beytekin

Es war ein unterhaltsamer Abend in Winterbach. Sven Plöger ist als Diplom-Meteorologe nicht nur Experte, als TV-Moderator ist er auch ein Show-Mann. Zwischen Witzen und Geplauder haut er in der Lehenbachhalle knallharte Wahrheiten zum Klimawandel raus. Aber auch angesichts der niederschmetternden Prognosen der Wissenschaft sucht er die optimistische Perspektive. Seine gute Nachricht: Wir haben es in der Hand, wir können es drehen. Die schlechte: So, wie wir im Moment alles totdiskutieren, lieber mit dem Finger auf andere zeigen und einfach unser Leben weiterleben wie bisher, gelingt das auf keinen Fall. So reiten wir als Menschheit bis zum Ende dieses Jahrhunderts geradewegs in die Apokalypse.

Sven Plöger hat in Winterbach an diesem Dienstagabend ein großes Publikum. So viele Leute wollen bei seinem vom Förderverein für Erneuerbare Energien organisierten Auftritt dabei sein, dass manche nur im Foyer stehen können. Die Prominenz des ARD-Wettermoderators zieht. Das zeigt: Es gibt ein Interesse am Thema – und an einem, der es nicht mit dem moralischen Holzhammer präsentiert, sondern auch die Zwischentöne kann.

Der bequeme Wohlstandsberg und die Angst, da runter zu müssen

Sven Plöger attestiert uns als Gesellschaft eine „kognitive Dissonanz“. Das heißt: Wir wissen eigentlich alles, wir wissen, dass unser fossiles Energiesystem und vor allem das CO2, das wir in die Luft blasen, das Problem ist. Wir wissen, dass regenerative Energiequellen wie die Sonne die Lösung sind. Wir reden und diskutieren darüber, was getan werden muss – aber wir handeln nicht entsprechend. Die wesentlichen Punkte des Klimawandels, dessen Folgen wir heute in Form von Dürren oder Überschwemmungen spüren, waren schon in den 70er Jahren bekannt und wurden Anfang der 90er, also vor 30 Jahren ziemlich exakt vorausgesagt.

Er wählt das Bild eines Wohlstandsberges, auf dem wir sitzen. Es geht uns gut – unsere Angst ist: Wenn wir jetzt alles ändern, müssen wir da runter. Die Reaktion: „Dann klammern wir uns ganz schnell fest.“ Zweifel an der Dringlichkeit, an den durch die Wissenschaft glasklar belegten Fakten, nehmen wir gerne auf, wir reden uns Dinge schön, wir zeigen erst mal auf andere: Aber die Chinesen!

Dazu analysiert Sven Plöger schonungslos: Nein, nicht die Chinesen oder andere – wir sind in der Verantwortung! Der deutsche Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 beträgt neun Tonnen, der chinesische sieben Tonnen, der indische 2,2 Tonnen, viele Entwicklungsländer haben einen Bruchteil davon. Und auch ohne Umrechnung auf die Einwohnerzahl sind wir auf Platz sechs der weltweit größten CO2-Schleudern. „Und auf Platz 6 trägt man Verantwortung und der sollte man gerecht werden“, sagt Plöger. Nicht die vielen Menschen irgendwo anders auf der Welt sind schuld: „Nein, das Problem mit dem Klimawandel haben wir, weil wir hier so viel emittieren.“

Der Berg ist instabil geworden wie die Alpen

Jeder, der Angst um seinen bequemen Platz auf dem Wohlstandsberg habe, müsse sich klarmachen: „Das Beibehalten der Dinge, so wie sie immer waren, das wird den Wohlstand ganz sicher kassieren.“ Um im Bild zu bleiben: Der Berg ist instabil geworden wie die Alpen durch das Abschmelzen und Abbrechen des Gletschereises. Wenn wir uns jetzt nicht von selbst bewegen, stürzt er irgendwann einfach ein und reißt uns mit. Auf 30 Milliarden Euro beliefen sich die Schäden aus 2021 im Ahrtal und den von der verheerenden Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen betroffenen Regionen am Ende, rechnet Plöger vor. Wenn nun solche Katastrophen mit dem Klimawandel immer öfter kommen: „Das kann keine Volkswirtschaft bezahlen.“ Deswegen: „Geld in den Klimaschutz zu stecken ist immer vernünftig.“

Für überhaupt nicht vernünftig hält Sven Plöger dagegen die Diskussion um den Wiedereinstieg in die Atomkraft. Frankreich habe in diesem Jahr bei niedrigen Flusspegeln und erhitzten Gewässern seine Kernkraftwerke abschalten müssen, weil sie nicht mehr gekühlt werden konnten. Und wenn man doch jetzt schon voraussehe, dass „zehnjährige Dürren in der Mitte Europas normal“ werden könnten – „dann wäre die Kernkraft doch keine gute Idee“.

„Es gibt Dinge, an die kann man sich nicht anpassen“

Noch so ein knallharter Satz von Sven Plöger, der wehtut: „Wir sind am Ende Opfer unserer eigenen Taten.“ Gar nicht unbedingt absichtlich, einfach dadurch, wie wir leben, zerstören wir die Grundlagen des Lebens auf der Erde. Das ist schon jetzt keine bloße Theorie mehr: Im März und April 2022 seien in Pakistan Temperaturen von 50 Grad erreicht worden, erinnert er. „Das können Sie als menschliches Individuum dauerhaft nicht überleben, weil sie die Körperwärme nicht mehr wegbringen.“ Damit auch ganz klar: „Es gibt Dinge, an die kann man sich nicht anpassen.“

Das kann im Übrigen auch die Tier- und Pflanzenwelt nicht, weil die Veränderungsprozesse im globalen Klimasystem derzeit viel zu schnell ablaufen. Damit ist Sven Plöger bei einem beliebten Argument der Zweifel-Säer: Aber klimatische Schwankungen gab es in der Erdgeschichte doch schon immer. Hannibal ist doch mit Elefanten über die eisfreien Alpen geritten. Ja, sagt der Meteorologe, stimmt. „Aber, das war eine lokale Klimaschwankung. An anderen Orten war gleichzeitig eine Kaltphase.“ Jetzt haben wir es dagegen mit einer globalen Klimaveränderung zu tun. Und in diesem globalen Maßstab seien Klimaschwankungen noch nie so schnell, in so kurzer Zeit passiert wie im Moment, so Plöger.

"Wir brauchen ein Jahrhundertgeschäft"

Aber was machen wir jetzt mit diesem Wissen? Wie kommen wir raus aus dem "Weiter so" und ins Handeln? Sven Plöger zitiert den früheren Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern: „Der Klimawandel ist der größte Fall von Marktversagen, den die Welt je gesehen hat.“

Deswegen, so Plögers Schluss, müsse man die Marktwirtschaft „ertüchtigen“: „Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass derjenige, der die Umwelt am meisten verschmutzt, nicht reicher werden kann als der, der sie sauber hält, dann hätten wir sehr viel erreicht.“ Und: „Wir brauchen ein Jahrhundertgeschäft, wo jeder Lust hat mitzumachen, im Sinne des Klimaschutzes.“

Plöger plädiert aber stark dafür, nicht zu warten, bis Staatschefs auf einem Klimagipfel den großen Wurf zur Lösung aller Probleme hervorbringen – der aktuell laufende Gipfel in der ägyptischen Wüste gibt tatsächlich wenig Grund zur Hoffnung. Jeder könne anfangen, selbst im Kleinen etwas anzupacken. „Man tut sich zusammen, man macht Projekte, man fängt an.“

Niemand wolle ja eigentlich in voller Absicht und mutwillig die Welt zerstören. Eigentlich sage doch niemand zu seinen Kindern: „Euch soll es später wirklich mal schlechter gehen als mir.“ Aber: „Wir machen im Moment wirklich alles dafür. Weil wir nichts machen.“

Es war ein unterhaltsamer Abend in Winterbach. Sven Plöger ist als Diplom-Meteorologe nicht nur Experte, als TV-Moderator ist er auch ein Show-Mann. Zwischen Witzen und Geplauder haut er in der Lehenbachhalle knallharte Wahrheiten zum Klimawandel raus. Aber auch angesichts der niederschmetternden Prognosen der Wissenschaft sucht er die optimistische Perspektive. Seine gute Nachricht: Wir haben es in der Hand, wir können es drehen. Die schlechte: So, wie wir im Moment alles totdiskutieren,

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