Winterbach

Rundum grandios: John Fogerty

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Er nimmt den Mund nicht zu voll: John Fogerty. © thilo ortmann
Winterbach. Der Berichterstatter legt sich fest: John Fogertys Gastspiel im ausverkauften Spektakel-Zelt vor 4000 ausgerasteten Rockfans, die ihre Gründe gehabt haben werden, 90 Euro Eintritt zu zahlen, wird lange in der Erinnerung haften bleiben. Auch als Beleg dafür, dass Rock’n’Roll über Wurzeln verfügt, die gehegt und gepflegt gehören und dann auch heute noch schönsten Ertrag bringen.
 

Es standen vorab Fragen im Raum. Würde John Fogerty, einst Chef der laut Rolling Stone größten amerikanischen Singles-Band Creedence Clearwater Revival, wegen eines jahrzehntelangen Rechtsstreits überhaupt CCR-Songs spielen (dürfen)? Könnte der 74-Jährige physisch in der Lage sein, den von ihm verkörperten Hochleistungs-Rock’n’Roll in der gebotenen Schärfe und Präsenz auf die Bühne zu bringen? Würde er seine Songs, 50 Jahre nach dem CCR-Gig in Woodstock, immer noch adäquat inszenieren können, und wenn, wie: mit kleiner oder großer Band, gar ganz allein? Schließlich: Passte sein Stil der kurzen, knappen Rockpräzision, seine Meisterschaft der auf drei Minuten reduzierten Songskelettierung zum Stil der Winterbacher Rockinitiative, die ja vermeintlich den Jam-Rock favorisiert, die ausufernden Solos und technischen Kabinettstücke?

Ein Ja in jeder Hinsicht und ohne Einschränkung

Die Antworten: ja, ja, ja, in jeder Hinsicht ohne Einschränkungen, und rundum grandios. John Fogerty spurtet von links nach rechts mehr als zwei Stunden über die Bühnenbretter wie ein Faun, der irgendeine Nymphe zu bezirzen versucht, mit anscheinend nicht versiegender körperlicher und mentaler Kraft, lässt seine Gitarre dazu röhren und jaulen, immer noch inspiriert von der Tradition des sumpfigen Südstaaten-Rock, jener Melange aus Country, Blues, R’n’R und Voodoo, die den gebürtigen Kalifornier Fogerty (von wegen authentisch!) schon von Jugend an faszinierte, als er 1959 seine erste Band gründete.

Wie eh und je tritt er in Winterbach in Jeanshemd und Stiefeln und somit auch modisch zeitlos an, spielt unter dem Motto „My 50 Years Trip“ die Songs der CCR/Woodstock-Epoche mit solcher Verve, solcher Leidenschaft und solchem Selbstbewusstsein, als hätte es weder Knebelverträge mit dem alten Management gegeben, die ihn jahrzehntelang an seinen eigenen Stücken nichts verdienen ließen, noch einen eigentlich misslungenen Woodstock-Gig nachts vor verschlafenem Publikum, das von den zuvor jammenden Grateful Dead noch hin und weg war.

Zwei Söhne folgen in den Fußstapfen des Vaters

Fogerty aber huldigt den Erinnerungen, spielt beispielsweise seine rote Rickenbacker wie schon in Woodstock, außerdem einen Block von Songs der Epoche, darunter auch was von Sly and the Family Stone, während seine neunköpfige Band auf der Bühne völlig ausrastet und ekstatisch tanzt.

Vor allem aber spielt er seine eigenen Songs, allesamt CCR-Top-Ten-Welthits, ein Füllhorn an musikalischem Stoff, der sich tief in die DNA der Popkultur eingefressen hat. Ein Hit nach dem anderen, fast zwei Stunden lang, mit dem Höhepunkt „Have you ever seen the Rain“, bei dem das ganze Zelt lauthals mitsingt, dazu „Green River“, „Born on the Bayou“ (einer von Keith Richards Lieblingssongs), „Hey tonight“, „Proud Mary“, „Bad Moon Rising“ – the Hits kept on rolling!

Und es schaut fast so aus, als würden sie so bald damit nicht aufhören. Neben Rock-Cracks wie dem Drummer Kenny Aronoff (u. a. Dylan, Elton John, Chilli Peppers) oder dem Bassisten James LoMenzo (u. a. Megadeth), hat Fogerty zwei seiner Söhne nach Winterbach mitgebracht, mit Shane liefert er sich grandiose Gitarrengefechte, der andere, Tyler, singt ein paar Little-Richard-Covers. Bis dann ganz am Schluss zur Zugabe, nach endlosen Fogerty-Evergreens, der Rockhistorie und diversen 50er-Hits gehuldigt wird. Sogar den Folkklassiker „Cotton Fields“ lässt Fogerty seine Fans skandieren. Nachher, nach zweieinhalb Stunden, sind wirklich alle restlos verausgabt, Band wie Publikum. Und man geht mit dem Gefühl nach Hause, dass Rock, wie Neil Young sagte, „can never die“. Egal ob Jam-Rock oder abgespeckt auf kurze, knackige, ewige drei Minuten.


Und so geht es weiter:

Weiter geht es beim Zeltspektakel am Freitag mit Dieter Thomas Kuhn (ausverkauft), Jan Delay am Samstag (es gibt noch Steh- und Sitzplätze an der Abendkasse), Dreamtheater am Sonntag (noch Steh- und Sitzplätze), mit Gerhard Polt und die Wellbrüder am Montag (ausverkauft) und Joss Stone (noch Steh- und Sitzplätze).