Winterbach

Von der Inneren Mongolei nach Winterbach: So wird Kaschmir hergestellt

Kaschmirziegen
Kaschmirziegen in der Inneren Mongolei. © Peter Hahn/Privat

Heike Hillebrecht ist Einkaufsleiterin bei Peter Hahn und gilt dort als Kaschmir-Expertin. Bevor die Corona-Pandemie die Bewegungsmöglichkeiten einschränkte, reiste sie zweimal im Jahr in die Innere Mongolei. Im Gespräch mit unserer Redaktion hat sie erzählt, was die Kaschmirziegen dort so besonders macht, wie sie sichergehen kann, dass die Tiere gut gehalten werden, und was sie auf ihren vielen Reisen in die nordchinesische Region über die Jahre hinweg schon erlebt hat.

„Es ist das Sehen, das Berühren, das Fühlen ... Kaschmir ist für uns nach wie vor Luxus.“ Heike Hillebrecht kommt schnell ins Schwärmen, wenn sie von Kaschmir erzählt. „Das Material fühlt sich seidenweich an. Kaschmir macht glücklich.“ Und, das ist ihr ganz wichtig zu betonen: „Kaschmir ist nicht gleich Kaschmir.“ Die beste Kaschmirwolle kommt laut der Schwäbin aus dem Nordwesten der Inneren Mongolei.

Extreme Wetterbedingungen sind besonders gut fürs Kaschmir

„Es gibt unglaublich viele Kaschmirziegen auf der Welt“, sagt Heike Hillebrecht. Die Wolle der weißen Kaschmirziegen in Nordwest-China sei aber allen anderen in Feinheit und Faserlänge überlegen, davon ist sie überzeugt. Der Grund: Im Winter ist es dort sehr kalt, im Sommer sehr heiß. „Genau diese Extreme braucht es, um das richtige Unterhaar zu produzieren.“ Würden die Ziegen in Winterbach aufwachsen, so Hillebrecht, könnte niemals dieselbe Qualität erreicht werden.

Aber wie entsteht aus den Ziegenhaaren die sanfte Kaschmirwolle? Heike Hillebrecht erklärt einen eingespielten Ablauf: „Die Ziege wird einmal im Jahr gekämmt oder geschoren“, sagt sie. „Dann geht der Prozess los.“ Das Grundmaterial wird von einem Partner Peter Hahns aufgekauft, bei den Farmern oder in sogenannten „buying stations“, also Verkaufsstellen. Bevor sie weiterverarbeitet werden kann, muss die Rohware erst einmal gründlich gesäubert werden. „Das ist recht langwierig“, so Heike Hillebrecht. Aus dem feinen Unterhaar müssen der Schmutz und Reste von störrischem, härterem Oberhaar aussortiert werden. Danach wird das Material mit einer DNA markiert (dazu später mehr). Nach dem Waschen wird das Material gefärbt, gesponnen, gestrickt und weiterverarbeitet, bis es schließlich als Kleidungsstück bei Peter Hahn verkauft werden kann.

Zusammenarbeit mit Kaschmir-Standard „The Good Cashmere“

Auf eines ist Heike Hillebrecht besonders stolz: Die Mitarbeit von Peter Hahn bei dem nachhaltigen Kaschmir-Standard „The Good Cashmere“. „Das war eine ziemlich spannende Geschichte“, erzählt sie. Der Initiator des „The Good Cashmere Standard“ ist die Aid by Trade Foundation, die, so erzählt es Heike Hillebrecht stolz, wegen der langjährigen Kaschmir-Expertise von Peter Hahn bei der Entwicklung des Kaschmir-Standards auf das Unternehmen zuging.

Für das Label werden die Ziegenfarmen zertifiziert. Dafür durchlaufen sie laut Heike Hillebrecht zunächst eine Selbsteinschätzung und dann eine Prüfung durch ein unabhängiges Unternehmen. „Das ist kein Qualitätsstandard“, stellt die Einkaufsleiterin klar. „Es geht dabei in allererster Linie um das Tierwohl und um soziale und ökologische Aspekte.“ Das Zertifikat der Farmen werde jedes Jahr überprüft und neu vergeben. „Das Kaschmir der beteiligten Farmen kann man dann mit dem The-Good-Cashmere-Standard-Siegel anbieten.“

Die ersten Kleidungsstücke aus Kaschmir, die das Siegel tragen dürfen, verkauft Peter Hahn seit Beginn des Jahres. Bis die Altware aus dem Lager verschwunden ist, wird es aber noch ein paar Monate dauern. Kunden erkennen das faire Kaschmir an einer entsprechenden Auszeichnung am Kleidungsstück.

So wird sichergestellt, dass am Ende auch echtes Kaschmir ankommt

Um sicherzustellen, dass es auch tatsächlich das faire Kaschmir ist, das am Ende in Winterbach ankommt, wird die Ware, wenn sie von den Farmen kommt, getrennt gelagert und später mit einer DNA markiert. „Das können wir bei uns leicht kontrollieren“, versichert Heike Hillebrecht. „Wir haben die gesamte Kette im Blick und lassen alles prüfen, damit wir nicht die Katze im Sack kaufen.“

Momentan muss sich das Unternehmen bei Kontrollen ansonsten auf seine Partner vor Ort verlassen, in normaleren Zeiten überprüft Heike Hillebrecht die Situation vor Ort zusätzlich selbst. Seit über zwei Jahrzehnten reist sie immer wieder in die Innere Mongolei und legt dort weite Strecken zurück, um Ziegenfarmen und Produktionsstätten zu besuchen. Dabei stellt sie sicher, dass es den Tieren gut geht, und sieht sich in den Fabriken die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter an. Eingreifen musste sie dabei bis jetzt übrigens selten.

„Es kommt vor“, sagt sie zwar. „Aber das sind Dinge, wie, ob es Seife auf der Toilette gibt oder die Arbeitsschuhe fehlen.“ Sie schaue „schon genau hin“, aber von den Partnern ihres Unternehmens sei sie keine groben Schlampereien gewohnt. „Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen“, so die Einkaufsleiterin. „Da ist unser Anspruch bekannt.“

„Geschenk“ stellte sich als Mittagessen heraus

Kalt erwischt wurde Heike Hillebrecht dafür in den Anfangszeiten ihrer Besuche in der Region. „Das sind schon raue, trinkfeste Chinesen. An dieses Leben muss man gewöhnt sein.“ Eine Anekdote erzählt sie auf Nachfrage: „Wenn Sie dort Gast sind, müssen Sie immer davon ausgehen, dass Ihre Partner Ihnen das Beste, das die Umgebung bietet, auftischen.“ Das entspreche allerdings nicht immer den eigenen Vorstellungen.

„Einmal habe ich eine ganz spezielle Farm besucht“, erinnert sich Heike Hillebrecht. Schon der Ritt auf den mongolischen Pferden auf dieser Farm sei ihr nicht bekommen. Der Bauer der Farm begrüßte sie mit einem Tier unter dem Arm, das, so stellte sich für Heike Hillebrecht die Situation dar, offenbar ein Geschenk an sie war. „Ich habe noch überlegt, wie ich das Tier vom Hof wegkriege“, sagt sie. „Dann hat sich herausgestellt, dass das Schaf unser Mittagessen war.“ In der Küche musste sie dann beim Zubereiten des Tieres helfen. „Ich habe Mühe gehabt, meine Contenance zu bewahren.“

Heute wäre so eine Situation für die Schwäbin mit ihrer langjährigen Erfahrung und einem gewissen Ruf in der Region kein Problem mehr. „Wenn ich nicht weiß, was mich erwartet, dann bin ich einfach Vegetarierin“, sagt sie. Und auch für das traditionelle Singen nach dem Essen ist sie inzwischen gewappnet. „Vor kurzem habe ich ein chinesisches Liebeslied gelernt“, erzählt sie stolz. „Das kann ich schon ganz gut.“ Auch wenn ihre eigene Familie eher anderer Meinung ist. „Wenn ich wieder reisen darf, komme ich ganz groß raus“, scherzt die Kaschmir-Expertin. „Ich bin da präpariert.“

Heike Hillebrecht ist Einkaufsleiterin bei Peter Hahn und gilt dort als Kaschmir-Expertin. Bevor die Corona-Pandemie die Bewegungsmöglichkeiten einschränkte, reiste sie zweimal im Jahr in die Innere Mongolei. Im Gespräch mit unserer Redaktion hat sie erzählt, was die Kaschmirziegen dort so besonders macht, wie sie sichergehen kann, dass die Tiere gut gehalten werden, und was sie auf ihren vielen Reisen in die nordchinesische Region über die Jahre hinweg schon erlebt hat.

„Es ist das

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