Winterbach

Wegen unbedachter und rücksichtloser Menschen: Barrieren sollen Natur an der Rems schützen

renaturierte Rems
Hunde anleinen: Diese Hinweisschilder an der Rems werden von vielen Hundebesitzern übersehen oder ignoriert – in mindestens zwei Fällen wurden Vogelnester von Hunden zerstört. © ALEXANDRA PALMIZI

Seit dem Umbau eines mehr als einen Kilometer langen Rems-Abschnitts zwischen Winterbach und Remshalden vor der Remstal-Gartenschau 2019 ist der Fluss dort zum Anziehungspunkt für viele Menschen geworden. Sei es zum Spazieren, den Hund ausführen, Planschen, als schöner Treffpunkt mit Freunden oder einfach zum Genießen der Natur – doch gerade das mit dem Naturgenuss ist so eine Sache. Naturschützer wie der Remshaldener Manfred Hennecke beklagen ein völlig rücksichtsloses Verhalten vieler Menschen. Seltene Tierarten, die durch die Renaturierung gekommen sind, wie etwa der Eisvogel, suchen das Weite, Vogelgelege werden zerstört, Müll aller Art von Bierflaschen über Plastikverpackungen bis hin zu Windeln verteilt.

Was viele gar nicht wissen: Große Teile der renaturierte Rems bei Winterbach sollten eigentlich von Menschen gar nicht betreten werden. So sind zum Beispiel alle Inseln Tabuzonen. Jetzt reagiert das Regierungspräsidium als für die Rems zuständige Behörde: Die sensiblen Bereiche sollen durch Hinweisschilder und Barrieren klar als Schutzgebiete gekennzeichnet werden.

Hunde, die Vogeleier zerstören, und uneinsichtige Hundebesitzer

Beim Ortstermin mit Manfred Hennecke dauert es gar nicht lang, bis er an ganz praktischen, scheinbar harmlosen Beispielen zeigen kann, was ihn als Naturschützer auf die Palme bringt: Auf einer kleinen Insel in der Rems, die durch das sommerliche Niedrigwasser trockenen Fußes erreichbar ist, sind ein Mann und eine Frau unterwegs, mit einem unangeleinten Hund. Hennecke zeigt auf die Schotterfläche, auf der sie herumtappen. „Das ist der typische Brutplatz des Flussregenpfeifers.“ Naturschützer hatten dort tatsächlich auch zwei Gelege mit jeweils vier Eiern der Vögel dokumentiert – nur, um wenig später festzustellen, wie diese von Hunden zerstört wurden.


Als Manfred Hennecke kürzlich eine Frau mit freilaufendem Hund ansprach, reagierte diese allerdings mit Unverständnis und behauptete: Ihr Hund mache so etwas nicht. Das könnten genauso gut Dachse oder andere Tiere gewesen sein. Solche Erfahrungen macht Hennecke oft. Die Hinweisschilder, die an den Zugängen zum renaturierten Rems-Abschnitt stehen, mit der Bitte, die Hunde an die Leine zu nehmen, werden von vielen bewusst ignoriert.

Nur zwei kleine Bereiche sind als Zugänge für die Menschen gedacht

Der Umbau der Rems folgte zwei Zielen. Erstens: den zwischen die fast schnurgeraden, steilen Ufer gepressten Fluss zu befreien und dadurch mehr Raum für Vielfalt in Pflanzen- und Tierwelt zu bieten. Hier sind sich in der Bewertung alle einig: Das Projekt ist auf großartige Weise gelungen. Das RP schreibt dazu: „Bewuchs kommt von alleine auf, Kiesbänke lagern sich nach kleineren Hochwässern immer wieder um, es gibt strömende und ruhigere, flache und tiefere Bereiche. Vögel, die vorher nicht da waren, werden gesichtet.“ Daneben war das zweite Ziel, den Menschen einen Zugang zur Rems und ein Naturerlebnis zu ermöglichen. Doch immer war klar: Im Großteil des 1,1 Kilometer langen Flussabschnitts sollen Tiere und Pflanzen ungestört sein. Tatsächlich waren nur zwei sehr eingeschränkte Bereiche für den Zutritt vorgesehen:

  • In Richtung Remshalden das südliche Ufer zwischen der Hebsacker Brücke und dem Zugang zur Deichüberquerung bei der Kleingartenanlage.
  • In Richtung Winterbach ein kleines Stück der Sandbank am südlichen Ufer, von dem Weg an, der von der ebenfalls neu geschaffenen Grillstelle ausgeht.

Alle weiteren Uferabschnitte auf beiden Seiten und alle Inseln waren nie dafür vorgesehen, dass sich dort Menschen tummeln. Dass trotzdem viele dort herumtrampeln und sogar picknicken, Partys feiern oder Zelte aufstellen, hat nun auch das Regierungspräsidium als Problem erkannt. Dabei kann man wohl auch behaupten, dass die meisten Menschen wahrscheinlich gar nicht mutwillig und bösartig handeln. „Das Betreten der für die Natur gedachten Bereiche zwischen den offiziellen Zugängen geschieht aus unserer Sicht oftmals unwissend oder unbedacht“, schreibt das RP auf Anfrage unserer Zeitung. Das betrifft neben der Natur zum Beispiel auch die Deiche, die für den Hochwasserschutz da sind: Wer weiß schon, dass Radfahren auf den Deichkronen verboten ist?

Deswegen will das RP jetzt weitere Schilder an der Rems aufstellen, die die Menschen aufklären. Aber das ist nicht alles: Die sensiblen Bereiche, die der Natur überlassen werden sollen, will das RP mit „Absperrungen durch zaunähnliche Elemente“ schützen. Die Schilder sollen im Herbst, die Barrieren schon innerhalb der kommenden Wochen aufgestellt werden. Wie genau die Barrieren aussehen werden, ist noch nicht klar. Manfred Henneckes Vorschlag waren Holzpfähle mit darauf montierten Latten oder sogar nur ein zwischen Pfählen gespanntes, festes Seil. Auch der Naturschützer will die Menschen auf keinen Fall ganz von der Rems verbannen, im Gegenteil: „Es soll Möglichkeiten geben, die Tiere am Fluss zu beobachten.“

Auf Dauer, davon gehen RP und Naturschützer fest aus, wird der Pflanzen-Bewuchs der Rems-Ufer derart dicht werden, dass viele Bereiche gar nicht mehr betreten werden können. Weitere Maßnahmen wie der Bau einer Beobachtungsplattform aus Holz sind für andere Lücken in der Vegetation als Barriere in der Diskussion. Manfred Hennecke drängt außerdem noch darauf, dass eine am nördlichen Ufer angelegte Blumenwiese geschützt wird. Auch dort hat er beobachtet, dass Menschen picknicken und die Pflanzen dadurch zerstören. Seine Wunschvorstellung, den renaturierten Remsabschnitt als Naturschutzgebiet auszuweisen, hält das RP jedoch nicht für umsetzbar, da die Behörde sonst Konflikte mit dem Hochwasserschutz befürchtet.

Baden im „Dreckwasser“ auf eigene Gefahr – und am besten mit Schuhen

Eines bleibt an der Rems auf jeden Fall auch erlaubt: Baden. Aber die vielen Menschen, die sich ins Wasser stürzen, sind ein Anblick, bei dem Manfred Hennecke das Grausen kommt. „Ich würde in dieses Dreckwasser nie reingehen“, sagt er. Auch das Landesgesundheitsamt warnt vor dem Bad in der Rems. Fakt ist: Jeder, der in den Fluss steigt, tut das auf eigene Gefahr. Denn: Es gibt keine Badeaufsicht oder Sicherung gefährlicher Stellen, und auch die meist beschauliche Rems kann mitunter Stellen mit unerwartet starken Strömungen aufweisen. Zudem wird die Wasserqualität von den Behörden als schlecht eingestuft. Die ganze Rems entlang leiten zum Beispiel Kläranlagen Abwässer ein, Keime und Verunreinigungen gelangen in den Fluss.

Manfred Hennecke rät außerdem aus einem anderen Grund zur Vorsicht: Durch die zunehmende Vermüllung geraten viele Glasscherben in die Rems. „Da kann es zu schlimmen Verletzungen kommen. Deswegen würde ich nie ohne Schuhe ins Wasser gehen.“

Seit dem Umbau eines mehr als einen Kilometer langen Rems-Abschnitts zwischen Winterbach und Remshalden vor der Remstal-Gartenschau 2019 ist der Fluss dort zum Anziehungspunkt für viele Menschen geworden. Sei es zum Spazieren, den Hund ausführen, Planschen, als schöner Treffpunkt mit Freunden oder einfach zum Genießen der Natur – doch gerade das mit dem Naturgenuss ist so eine Sache. Naturschützer wie der Remshaldener Manfred Hennecke beklagen ein völlig rücksichtsloses Verhalten vieler

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