Winterbach

Wie ein junger Firmengründer die Produktion bei Probotec in Winterbach digitalisiert hat

ITSpezialistenProbotec
Sven Müller und Julian Gerst in der Fertigungshalle: In den Maschinen steckt jetzt die „smarte“ IT-Lösung. © Gaby Schneider

Heute noch Werkstudent, morgen schon der eigene Firmenchef: Der angehende Wirtschaftsingenieur Julian Gerst kam mit dem „frischen Blick von außen“ 2016 in den Semesterferien zur Firma Probotec. Keine vier Jahre später geht seine eigene Firma „Lead“ an den Start. Dank seiner Softwarelösung konnte die Fertigung komplett digitalisiert werden. Die Effizienz der Maschinen wurde gesteigert, das sichert die Wettbewerbsfähigkeit von Probotec.

Etwas, das seit vielen Jahren auf dieselbe Weise läuft - daran kratzt man nicht. Hinter diesem unausgesprochenen Widerstand gegen eine Umstrukturierung steckt das sprichwörtliche, zum geflügelten Wort gewordene „Never touch a running system“. In der Produktionsbranche ist dieses „rennende System“ in vielen Fertigungshallen zu finden. So war es bis 2016 auch bei Firma Probotec, ein auf die Montage von Kunststoffprodukten spezialisiertes Unternehmen in Winterbach. Hier ist Julian Gerst während seines Studiums aushilfsweise gelandet. Und er „kratzte“ am „running system“. Heute läuft alles besser denn je.

Überrascht, dass Digitalisierung noch kein Standard war

Ursprünglich sollte Gerst als Werkstudent nur die Maschinen betreuen. Dabei war er überrascht, zu sehen, dass die Digitalisierung, die allerorten gepredigt wird, in realen Produktionsumgebungen noch lange kein Standard war. Bei einem seiner ersten Rundgänge durch die Fertigungshalle fiel dem damals 21-Jährigen eine simple Plantafel am Eingang auf. „Dass ein Anlagen-Bediener einem Wartungsmechaniker mit einem Schreibstift mitteilt, welche Probleme an einer Maschine festgestellt wurden, das kann weder effizient noch objektiv sein“, habe er sich gedacht. Er erkannte eine Chance zur Verbesserung durch Digitalisierung. „Alles wird digitaler. Warum greift hier noch keine smarte Lösung?“

Der „Digital Native“ brachte die Beobachtung bei seinem Vorgesetzten Sven Müller zur Sprache und stellte ihm die Idee vor. Der war so begeistert, dass er sich sofort mit Gerst zusammensetzte und Ideen sammelte. So wurde gemeinsam viel getestet und entwickelt. Die sehr konstruktive Erprobungs- und Entwicklungsphase zog sich über einige Zeit, musste die Lösung doch dem Realbetrieb standhalten. Das Ergebnis: Die Web-Applikation LEAD.

Sechs Mitarbeiter beim Start-up

„Die Digitalisierung kann die Maschinenleistung zu ihrem absoluten Optimum bringen“, so Geschäftsführer Sven Müller. Damit war das Fundament gelegt für ein eigenes Geschäftsmodell, das seither als Lead GmbH firmiert. Heute beschäftigt Gersts 4.0-Start-up sechs Mitarbeiter, und Firma Probotec konnte trotz des aktuellen Trends zur Verlagerung von Produktionsstandorten ins Ausland nicht nur die Fertigung in Winterbach halten, sondern seit 2019 sogar um 30 Prozent wachsen. Mehr Mitarbeiter wurden eingestellt, die Produktionsfläche vergrößert. Selbst in diesen Zeiten - Neubau, Umzug - konnte die Effizienz der Anlagen um zehn Prozent gesteigert werden.

Wieso entwickeln ein „Studi“ und ein Produktionsleiter - Sven Müller ist inzwischen Geschäftsführer - eine solche Lösung, warum nicht Professoren? Die Antwort ist simpel: „Wir haben uns gefragt, wie man die Fehleranalyse transparent macht und die Ursachenanalyse von Störungen und Fehlern bis auf einen oder mehrere Sensoren herunterbrechen kann“, sagt Julian Gerst. Wie in jedem Techniker steckt auch in Julian Gerst der Analytiker, der hinter die Prozesse schaut und Wissen über die Abläufe sammelt. „Vor jedem Schritt einer Veränderung müssen immer erst einmal die Probleme bekannt sein und benannt werden“, so Julian Gerst.

"Schockiert von der Ineffizienz mancher Anlage im Maschinenpark"

Bei  Probotec hätten sie für die Entwicklungs- und Testphase Idealbedingungen vorgefunden, die keine Universität bieten könne: „Ich konnte jeden Schritt live testen im laufenden Betrieb. Diese Möglichkeit, parallel zur Entwicklung eine Modell-Anlage nutzen zu können, haben nicht viele.“ Das „Live-Erlebnis“ sorgte auch auf Seiten der technischen Leitung für neue Erkenntnisse: „Ich war bei der ersten Auswertung schockiert von der Ineffizienz mancher Anlage in unserem Maschinenpark. Die Optimierungen in diesem Bereich haben die Anschaffungskosten für die Software innerhalb eines Jahres nivelliert“, ergänzt Sven Müller. Dank LEAD ist inzwischen die komplette Produktion der Probotec transparent.

Mit Gersts Softwarelösung ist es möglich, bis auf den winzigsten Sensor in einer Maschine zu erkennen, wie hoch die Ausschussmenge ist, wie die Maschine läuft, wie lange sie steht und wie viel Ausschuss am Gesamtsystem eine einzelne Komponente verursacht. Eine hauchdünne Staubschicht kann zu Fehlteilen führen, wie sich bei einer der unzähligen Kamerakontrollen innerhalb der Anlagen, welche jedes Produkt auf ihre Qualität prüfen, feststellen lässt.

Fehlermeldung bevor der Fehler zum Stillstand führt

Der größte Unterschied zum früheren, analogen Prozess: „Ich erhalte die Fehlermeldung, bevor der Fehler überhaupt zu einem Stillstand führt“, sagt Gerst. Produktionsleiter überwachen künftig mit dem iPad von jedem beliebigen Einsatzort aus den Maschinenpark und schicken Wartungsmechaniker bereits zur Fehlerbehebung los, noch bevor es zum Aussetzer kommen kann. Diese „vorausschreitende Wartung“ verkürze die Eingriffszeit, halte die Effizienz hoch und vermeide die kostenträchtige Fehlteilproduktion.

Analog zum Diagnosestecker im Auto stellt Gersts Software den Diagnosestecker für Montagesysteme dar, für jegliche Automatisierungs- und Verpackungsanlagen; eine Schnittstelle zwischen Maschine und Mensch; die Plattform, auf der Techniker ablesen können, was der Maschine „fehlt“, um sie wieder professionell in Betrieb zu setzen. Software ist modular und kann an Maschinen unabhängig von Hersteller und Alter angeschlossen werden. Das schafft nie da gewesene Möglichkeiten, komplette Maschinenparks in kürzester Zeit vollständig digital zu transformieren.

Und zugleich hat sich die Lead GmbH zu einem erfolgreichen Unternehmen entwickelt, das professionelle Lösungen in einem wachsenden Markt anbietet. Julian Gerst ist schon mitten in der Umsetzung weiterer Projekte - diesmal in Übersee. „Die Wochenenden waren gut investiert“, sind sich beide einig.

Heute noch Werkstudent, morgen schon der eigene Firmenchef: Der angehende Wirtschaftsingenieur Julian Gerst kam mit dem „frischen Blick von außen“ 2016 in den Semesterferien zur Firma Probotec. Keine vier Jahre später geht seine eigene Firma „Lead“ an den Start. Dank seiner Softwarelösung konnte die Fertigung komplett digitalisiert werden. Die Effizienz der Maschinen wurde gesteigert, das sichert die Wettbewerbsfähigkeit von Probotec.

Etwas, das seit vielen Jahren auf dieselbe Weise

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