VfB Stuttgart

Machtkampf beim VfB Stuttgart: Wie Thomas Hitzlspergers Frontalangriff auf Claus Vogt zum Eigentor wurde

VfB Stuttgart gegen Hannover 96_0
VfB-Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger. © ZVW/Benjamin Büttner (Archiv)

Wie kommen Thomas Hitzlsperger und der VfB Stuttgart aus dieser Nummer nur wieder raus? Etwas mehr als eine Woche ist es her, dass der Vorstandschef der ausgegliederten Profifußballabteilung auf den Präsidenten des VfB Stuttgart, Claus Vogt, in einem offenen Brief verbal einprügelte. Der Gegenschlag folgte prompt.

Zurückgeblieben sind tiefe Wunden - nicht nur bei den Protagonisten. Dass sie jemals ganz verheilen, scheint so gut wie ausgeschlossen. Der Machtkampf steht auch vor dem Bundesligaspiel des VfB am Sonntag (ab 15.30 Uhr im ZVW-Liveticker) beim FC Augsburg im Fokus.

Hitzlsperger hat sein eigenes Ansehen vorerst deutlich mehr ramponiert als das von Vogt. In den sozialen Netzwerken und bundesweiten Medien reihte sich in den vergangenen Tagen eine negative Reaktion an die andere.

Fanausschuss kritisiert „ungebührliche Attacke“

Sogar der Fanausschuss des VfB kritisierte ihn für seine „ungebührliche Attacke“ auf Vogt und forderten vom Club öffentliche Rückendeckung für den Präsidenten. Die hat es bis heute nicht gegeben.

Am Samstagmorgen (09.01.) meldete sich auch die größte Ultragruppierung des Vereins, das „Commando Cannstatt 97“, mit einem Spruchband zur Wort.

Antrag auf Satzungsänderung durch VfB-Mitglied

Mittlerweile gibt es sogar einen Antrag auf Änderung der Vereinssatzung: Das langjährige VfB-Mitglied Ron Merz, der auch als Blogger und Podcaster aktiv ist, will mit seinem Antrag erreichen, dass zukünftig Mitglieder des Präsidiums und des Vereinsbeirats des e.V. keine „ehrenamtliche oder bezahlte Tätigkeit oder Funktion innerhalb der VfB Stuttgart 1893 AG und deren Tochtergesellschaften ausüben“ dürfen. Eine Wahl von AG-Boss Hitzlsperger zum e.V.-Präsidenten wäre dann nicht mehr möglich.

Ergänzt werden soll dieser Unterpunkt im Abschnitt 3, § 12 der Satzung. Ausgenommen davon sein soll eine „Vertretung des e.V. im Aufsichtsrat der AG durch Mitglieder des Präsidiums“.

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„Die Satzung des VfB bedarf in vielen Punkten tatsächlich dringend einer Überarbeitung. Gewisse Aspekte müssen genauer definiert oder überhaupt festgelegt werden, hier ist viel Detailarbeit notwendig“, findet Merz. Über seinen Twitter-Kanal (@Brustring1893) und seinen Blog veröffentlichte er sein Anliegen, um den Prozess transparent zu begleiten.

Der Antrag wurde frist- und formgerecht eingereicht und wird jetzt vom Vereinsbeirat geprüft. Letztlich entscheidet das Präsidium, ob der Antrag auch auf die Tagesordnung kommt. 

Was steckt hinter Hitzlspergers Attacke?

Während der Machtkampf in der Mitgliederschaft und Öffentlichkeit hohe Wellen schlägt, machen unterschiedlichste Theorien die Runde, was den in seinem öffentlichen Auftreten sonst so smarten und rhetorisch geschickten Hitzlsperger zu seiner scharfen Kritik veranlasst haben könnte.

Seine Rolle als TV-Experte hatte dem früheren Nationalspieler in den vergangenen Jahren viele Sympathien, sein Mut zum Coming-out reichlich Bewunderung und sein leidenschaftlicher Einsatz gegen Homophobie und Sexismus im Herbst sogar das Bundesverdienstkreuz beschert. Gefühlt überall war „Hitz“, wie sie den Meisterspieler von 2007 in Stuttgart nennen, ein gern gesehener Gast und Gesprächspartner.

Vom beliebten Ex-Profi zum machtgierigen Spalter?

Doch plötzlich hat der 38-Jährige den Ruf des machtgierigen Spalters. Schon seine Kandidatur für das Präsidentenamt an sich, deren rechtliche Gegebenheiten der VfB inzwischen von einer Anwaltskanzlei prüfen lässt, war brisant. Noch brisanter war aber die Schärfe, mit der Hitzlsperger seine Vorwürfe an Vogt formulierte.

Der Profilierungswunsch des 51-Jährigen bedrohe „die Existenz des ganzen Vereins“, schrieb Hitzlsperger in seiner vierseitigen Anklage und verwies unter anderem auf „ausufernde Kosten“ für die Aufarbeitung der Datenaffäre, die Vogt in die Hände einer externen Kanzlei gelegt hatte.

Der Präsident entgegnete tags darauf, dass diese Kosten durch eine Versicherung weitgehend gedeckt seien. Außerdem könne man „zu dem Eindruck kommen, dass es im und um den VfB Menschen/Personen gibt, die diese Aufklärung nicht wollen“, schrieb Vogt.

Weil es womöglich nicht nur um die angebliche Weitergabe von Mitgliederdaten an sich geht, sondern noch mehr dahinter steckt?

Der Vertrauen vieler Fans scheint erschüttert

Spekulationen, Hitzlsperger habe sich bei seinem Frontalangriff instrumentalisieren lassen, gibt es längst. Das Vertrauen vieler Fans in ihn, bei dem sie den Club in guten Händen wähnten, und den ganzen AG-Vorstand scheint erschüttert.

Fakt ist: Seit 2016 hat Hitzlsperger einen bemerkenswerten Aufstieg vom Beauftragten des Vorstands in der Schnittstelle zwischen Lizenzspielerbereich und Vereinsführung zum Vorstandschef und Sportvorstand in Personalunion hingelegt.

Das, was Hitzlsperger und Vogt via Twitter am vergangenen Wochenende zu erwecken versuchten, ist wohl nicht mehr als ein Scheinfrieden, der Ex-Profi steckt genau wie der Vereinsbeirat in der Klemme. Vogt wird seine Kandidatur für die für März geplante Präsidentschaftswahl mit ziemlicher Sicherheit nicht zurückziehen.

Hitzlsperger könnte das zwar, in der aktuellen Konstellation aber bestimmt nicht mehr mit Vogt weiterarbeiten. Und der Beirat, der den oder die Kandidaten für das Votum der Mitglieder aussucht, kann bei seiner Auswahl fast nur daneben greifen.

Der Imageschaden, den Hitzlspergers mit seinem öffentlichen Frontalangriff verursacht hat, ist in jedem Fall immens. Für den Club. Und auch für ihn selbst.