VfB Stuttgart

Machtkampf zwischen Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger: Der dunkle Schatten der Dietrich-Ära und die Angst vor der erneuten Spaltung

Fußball Bundesliga VfB Stuttgart vs. RB Leipzig
Am Samstag verhielten sich Thomas Hitzlsperger (li.) und Claus Vogt ganz friedlich. Mitten in der schweren Führungskrise des VfB Stuttgart verfolgten der Vorstandschef und der Präsident sogar nebeneinander die 0:1-Niederlage gegen RB Leipzig. © Pressefoto Baumann

Wer den aktuellen Machtkampf beim VfB Stuttgart verstehen will, muss einen Blick in die Vergangenheit werfen. Im Fokus: Die Ära unter Präsident Wolfgang Dietrich, deren dunkle Schatten bis in die Gegenwart reichen. In diese Zeit fällt auch die kometenhafte Funktionärs-Karriere des Thomas Hitzlsperger. Eine steiler Aufstieg, der nun ein jähes Ende finden könnte.

Rückblick: Eine folgenschwere Wahl

9. Oktober 2016, Mitgliedersammlung des VfB in der Hanns-Martin-Schleyerhalle. Mit knapper Mehrheit wird der ehemalige S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich zum Präsidenten gewählt. Mit 57,2 Prozent der Stimmen. Nach dem Votum hallen lautstarke „Spalter“-Rufe durch die Halle. Die Atmosphäre ist angespannt.

Die Entscheidung, den hochumstrittenen Unternehmer zum Präsidentschaftskandidaten und letztlich - da ohne Gegenkandidat ins Rennen geschickt - auch zum Vereinschef zu küren, sollte sich in der Rückschau als folgenschwerer Fehler erweisen. Vielleicht sogar als eine der größten Fehlentscheidungen in der an Fehlentscheidungen beileibe nicht armen Geschichte des Traditionsvereins.

Die Auswirkungen der Dietrich-Wahl sind bis heute spürbar. Sei es im aktuellen VfB-Organigramm, dem immer noch nicht komplett wiederhergestellten Vertrauen der Mitglieder in die handelnden Personen des Vereins oder mit Blick auf die Machtstrukturen im roten Clubhaus. Die Angst vor einer erneuten Spaltung des VfB geht um und schickt Schockwellen durch die weiß-rote Fangemeinde.

Blick auf die Machtstrukturen beim VfB

Zwar ist Dietrich selbst seit seinem Rücktritt im Juli 2019 nicht mehr in Amt und Würden. Die Hintermänner, die Dietrich als Präsident haben bzw. den hochumstrittenen Potentaten mit aller Macht im Amt halten wollten, ziehen an vielen Schaltstellen allerdings weiterhin die Fäden. Über den Aufsichtsrat und das Präsidium bis hin zum Vereinsbeirat sind viele Köpfe der alten Führungsriege weiter am Werk.

Auch der Aufstieg von Thomas Hitzlsperger vom externen Berater des Vorstands über den Posten als NLZ-Chef bis zum Vorstandsvorsitzenden der AG fällt in die Ära Wolfgang Dietrich. Dabei ist es kein Geheimnis, dass das Dietrich-Lager die kometenhafte Karriere des Ex-Profis zum CEO ganz entscheidend befördert hat. Schließlich war es die Idee von Kommunikationschef Oliver Schraft, den ehemaligen Nationalspieler im Juni 2016 zu seinem alten Verein zurückzulotsen.

Wie Hitzlsperger zum CEO wurde

Als Hitzlsperger im Oktober 2019 vom Aufsichtsrat zum Vorstandsvorsitzenden berufen wurde, strahlte auch der damals schon zurückgetretene Clubchef Dietrich: „Dass ich viel von ihm halte und ihn in meiner Zeit als Präsident gefördert habe, ist ja hinreichend bekannt.“

Der Meisterspieler von 2007 hatte sich in einem Auswahlprozess gegen acht Kandidaten, unter anderem erfahrene Bewerber wie Bernhard Heusler (ehemals Präsident des FC Basel) und Robert Schäfer (ehemals Vorstandsvorsitzender von Fortuna Düsseldorf), durchgesetzt.

Der Präsidialrat um Bernd Gaiser (damals Interimspräsident) und die beiden Aufsichtsräte Wilfried Porth und Hermann Ohlicher war bei der Kandidatenauswahl federführend - und hatte dem Kontrollgremium letztlich nur den Ex-Profi zur Wahl vorgeschlagen.

Alles dreht sich um die Daten-Affäre

Das Verständnis der Machtstrukturen und Beziehungen im Vereinsheim an der Mercedesstraße ist unerlässlich, will man den aktuellen Machtkampf zwischen AG-Boss Thomas Hitzlsperger und Präsident und Dietrich-Nachfolger Claus Vogt verstehen.

Im Zentrum dieses beispiellosen Konflikts steht ganz offensichtlich die Aufklärung der Daten-Affäre. Jene Vorgänge aus den Jahren 2016 bis 2018, die letztlich die von Wolfgang Dietrich und Co. auf die Agenda gehobene Ausgliederung der Profiabteilung in eine AG zum Erfolg führten.

Im Zusammenhang mit den tausenden Mitgliederdaten, die im Rahmen einer Kampagne an den PR-Unternehmer Andreas Schlittenhardt geflossen sein sollen, fällt immer wieder der Name Oliver Schraft. Als der Skandal Ende September 2020 publik wurde, erklärte der amtierende e.V.-Präsident Claus Vogt die Aufklärung zügig zur Chefsache. Schraft und ein leitender Mitarbeiter der Marketing-Abteilung müssen seither ihr Amt ruhen lassen.

Die Kosten für die Berliner Kanzlei, die im Auftrag von Vogt nun Licht ins Dunkel der Affäre bringen soll, sind eines der Hauptargumente, die Hitzlsperger nun ins Feld führt, um den amtierenden Clubchef öffentlich zu demontieren.

Kampf um die Aufklärung

Hitzlsperger behauptet, dass Vogt den Auftrag „ohne Ausschreibung, ohne Kostenschätzung und ohne Projektplan durchgedrückt“ habe. Die dadurch entstandenen „ausufernden Kosten“ hätten dazu geführt, dass die ausgegliederte Profifußball-AG den Verein nun unterstützen müsse, „um ihn vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren“.

„Mehrfach wurde in den zurückliegenden Wochen versucht, die Arbeit der Kanzlei Esecon zu torpedieren“, hält Vogt dagegen. „Man kann zu dem Eindruck kommen, dass es im und um den VfB Menschen/Personen gibt, die diese Aufklärung nicht wollen.“ Zudem sei das Honorar für die Ermittler durch eine Versicherung gedeckt. „Heute schon ist klar, dass ein sechsstelliger Betrag auf das Konto des VfB eingehen wird. Das weiß der Vorstand und trotzdem erklärt der Vorstandsvorsitzende öffentlich etwas anderes.“

Die Ergebnisse der Berliner Ermittler stehen noch aus. Sie werden im Frühjahr 2021 erwartet. Und dennoch hat Thomas Hitzlsperger im Zuge der von ihm initiierten Umstrukturierung der Führungsebene bereits ein Plädoyer für seinen alten Förderer Schraft gehalten, für den er sich „brutal“ einsetzen möchte: „Ich schätze ihn sehr und möchte, dass er bei uns bleibt.“

Warum geht Hitzlsperger All-in?

Der Meisterspieler von 2007 setzt nun alles auf eine Karte und bläst zum Frontalangriff auf den Amtshinaber Vogt. Es bleibt die Frage, warum er gerade jetzt ein so großes Risiko eingeht? Schließlich setzt Hitzlsperger mit seinem Streben nach der absoluten Macht beim VfB seine Reputation und seine Funktionärskarriere in Bad Cannstatt aufs Spiel. Warum geht er All-in?

Die Antwort kann letztlich wohl nur in der Aufklärung der Daten-Affäre liegen. Oder platt formuliert: Welche Leichen liegen noch im Keller des roten Clubhauses? Welche Personen sind in den Skandal weiter involviert? Was wusste der damalige Vorstand von den Vorgängen? Die Troika um Hitzlsperger (Sport), Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) ist schließlich bis heute im Amt. Die Antworten stehen noch aus, müssen die aktuelle Führungsriege aber in Alarmstimmung versetzen.

Weiter hat Hitzlsperger offenbar das Echo auf sein beispielloses Machtstreben kolossal unterschätzt. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, soll der Ex-Profi vom Nachhall seiner öffentlichen Attacke überrascht, ja sogar schockiert gewesen sein. Bundesweit war der VfB in den Schlagzeilen, teils mit vernichtenden Kommentaren.

In den sozialen Netzwerken kochten die Emotionen gewohnt schnell hoch. Sogar das aus der Dietrich-Zeit bekannte „Spalter-Plakat“ wurde herausgeholt und entsprechend aktualisiert. Rund um das Heimspiel gegen Leipzig plakatierten die Ultras am VfB-Gelände.

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Wie geht es jetzt weiter?

Immerhin haben die beiden Streithähne am Samstagabend einen ersten Schritt aufeinander zugemacht. Anstelle sich in der Öffentlichkeit vierseitige Briefe um die Ohren zu hauen, wird jetzt wieder miteinander geredet. Ein kleiner Fortschritt - auch wenn der aktuelle Burgfrieden von Bad Cannstatt nicht mehr als Symbolpolitik sein dürfte.

„Für mich liegt das in der Natur der Sache, wenn zwei der wichtigsten Personen in unserem Club in der Öffentlichkeit gesprochen haben, dass man irgendwann in einen geschlossenen Raum zurückkehrt“, findet Sportdirektor und Hitzlsperger-Intimus Sven Mislintat. „Die beiden sind smart genug, dass sie verstanden haben, dass man da noch drüber reden muss.“

Bislang hat weder Claus Vogt noch Thomas Hitzlsperger angekündigt, von seiner Bewerbung für das Präsidentenamt Abstand zu nehmen. Die Schlüsselrolle zum weiteren Verlauf des Machtkampfes liegt nun beim Vereinsbeirat, der ab kommenden Montag (11.01.) die Bewerbungsgespräche mit den insgesamt vier Kandidaten führen möchte. Das achtköpfige Gremium muss bis Ende Januar entscheiden, welche Kandidaten oder welcher Kandidat zur Wahl auf der Mitgliederversammlung am 18. März zugelassen wird.

Eine Wahl, die wie schon jene vor fünf Jahren weitreichende Folgen für den Verein und seine Mitglieder haben wird.

Wer darf Präsident werden?

  • Wer sich auf das Präsidentenamt beim VfB Stuttgart bewerben will, muss laut Paragraf 16 cc der Vereinssatzung unter anderem über eine „mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder in einer vergleichbaren Führungsposition und/oder im aktiven Leistungssport“ verfügen.
  • Eine Voraussetzung, die CEO-Neuling Hitzlsperger augenscheinlich nicht erfüllt - Amtsinhaber Vogt als Geschäftsführer und Gründer eines Facilitymanagement-Unternehmens hingegen schon.
  • Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Hitzlspergers Bewerbung gibt es wohl auch mit Blick auf die 50+1-Regel: Im Falle einer Wahl des AG-Chefs Thomas Hitzlsperger zum Präsidenten des e.V. würde eines der zentralen Versprechen der VfB-Führung aus der Ausgliederungs-Kampagne von 2018 gebrochen werden, wonach der Vereinspräsident auch Vorsitzender des Aufsichtsrats sein muss.
  • Ebenfalls könnte Hitzlspergers öffentlicher Frontalangriff auf Claus Vogt vom Beirat als vereinsschädigendes Verhalten eingestuft werden - und somit ein Grund für eine Nichtzulassung zur Wahl sein.