Kleine Kehrwoche

Bittere Wahrheit liegt offen

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Wahre Tierfreunde freuen sich über solche Bilder - aber manch andere sehen Pferde auch nur als "Sportgeräte". © Christel Sagniez / Pixabay

Zugegeben, das Thema wurde in den vergangenen Tagen vielfach diskutiert. Dennoch sind mir bei der Story um Annika Schleu und ihre unsägliche Vorstellung in Tokio einige Fakten zu kurz gekommen, die gerne „zerredet“ werden und die ich nicht müde werde, immer wieder anzuprangern. Über allem steht: Ein Tier ist keine Sache!

Die Geschichte in aller Kürze: Schleu war nach dem Degenfechten und Schwimmen auf Goldkurs im „Modernen Fünfkampf“ – mit einem guten Ritt wäre der Sieg sicher gewesen. Fürs Springreiten bekam sie jedoch das ihr fremde Pferd Saint Boy zugelost, das zuvor bereits eine schlechte Runde hinter sich hatte – und Angst hatte. Es verweigerte, die Reiterin weinte, ihre Trainerin feuerte an: „Hau mal richtig drauf! Hau drauf!“ – was Schleu sodann tat. Die Szene ist bitter, man mag kaum zusehen.

Nun wurde im Nachgang hauptsächlich die Zulosung der Pferde kritisiert, woran der Welterveband des Modernen Fünfkampfes jedoch festhalten will. Aus deren Perspektive ist es sogar nachvollziehbar, denn das Pferd gilt, wie Pistole oder Degen, nur als „Sportgerät“, das es gut zu führen gilt. Es ist kein Lebewesen, sondern ein Ding, dessen erfolgreiche „Bedienung“ den Athleten obliegt. Auf vertraute Mensch-Tier-Beziehungen, Reiter und Pferd als Team, wird hier offenbar kein Wert gelegt.

Vielfach wurde von einer „tragischen“ Situation in Bezug auf Schleu geschrieben. Tragik bedeutet jedoch, dass jemand ohne eigenes Verschulden in eine ausweglose Situation gerät. Schleu ist seit 21 Jahren Fünfkämpferin, hat mehrfach Medaillen geholt, kennt das System, hat es akzeptiert, ist darin aufgegangen. In Tokio sah sie ihre sicher geglaubte Medaille schwinden und verlor die Nerven. Tragisch endete dies nur für den ängstlichen Saint Boy, der von einer auf Erfolg fokussierten, nervenflatternden Reiterin keine Sicherheit bekam, sondern Schläge.

Damit wir uns richtig verstehen: Hasskommentare im Internet haben zu keiner Zeit eine Berechtigung. Dieser „Sport“ aber auch nicht! Die Wut gegen Schleu und Trainerin Kim Raisner – die das Pferd mit der Faust schlug und dies später „normal“ nannte – richtet sich auch gegen deren absurde Selbstverständlichkeit, Pferde für bloße sportliche Erfolge leiden zu lassen. Mit Tierliebe hat das nichts mehr zu tun. Dass all dies nun vor aller Welt offenliegt und die Medaille dahin ist, ist schlichtweg Karma.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach