Kleine Kehrwoche

Fürsprechende der Sprache

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Kann der Duden durch ein Festschreiben des neuen Gebrauchs eine echte Veränderung bewirken? © Pixabay / Monika Schröder
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Der Versuch, Gender-Rollen festzuschreiben, um sie zu etablieren, ist ehrbar - der Schuss könnte aber nach hinten losgehen. © Pixabay / Markus Winkler

Nein, Sie haben nicht versehentlich ein altes Wochenblatt bekommen. Die „Fürsprecher (m/w/d) der Sprache“ feiern ein gegendertes Comeback. Wenngleich nicht kritisch gegenüber Nutzern von Sprache, sondern in Sorge darum, was wir derzeit übereifrig mit der Sprache anstellen – anstatt das eigentlich Notwendige anzugehen.

Der Vorwurf ist alt: Sprache sei „männlich“ dominiert, so geprägt und ihrerseits prägend. Sage man also „Mieter“, so die Kritik, werde die „Mieterin“ ausgeklammert. Obendrein werde beim Sprechenden der Eindruck gefestigt, dass der männliche Mieter das Normale sei. Die sprachliche Krücke „Mieter (m/w/d)“ sei kaum besser, zumal dabei erneut das Maskulinum „Mieter“ dominiere.

Jüngst hat der Duden auf unseren neuen Sprachgebrauch reagiert. Beim „Mieter“ steht die Definition: „männliche Person, die etwas gemietet hat“. Wörter wie „Gästin“ oder „Bösewichtin“, die bislang oft ironisch und als Hinweis auf jene Prägung der Sprache gebraucht wurden, sind nun Teil des Dudens. Generell könnte man dies nun als „Teilerfolg“ werten, zumal üblicherweise der Duden aktuellen normativen Sprachgebrauch beschreibt. Hier jedoch ist der Ansatz umgekehrt: Man versucht, neue Regeln und einen neuen Gebrauch neu vorzuschreiben.

Eine Veränderung von Sprache ist prinzipiell nicht zu verhindern: Ein Erscheinen und die Grammatikalisierung von Neuerungen erfolgt entlang dem Gebrauch der Sprache: Deren Nutzer stoßen auf ein „Problem“ im Ausdruck, lösen es oder übernehmen Lösungen aus anderen Sprachen, irgendwann wird das Wort Teil der eigenen Sprache. So erklären sich etwa Worte wie „googeln“.

Der Versuch, via Duden und Sprache „vorschreibend“ die Gesellschaft umzuerziehen, erweist der guten Absicht dahinter einen Bärendienst. Sprache entwickelt sich beim Sprechen, orientiert daran, was einen Ausdruck sucht. Erst, wenn ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft stattfindet und so ein Bedarf entsteht, das neu etablierte Gender-Verständnis sprachlich auszudrücken, erst dann wird sich die Sprache ernsthaft und langfristig anpassen. Der Vorstoß, ein Umdenken via Vorschrift zu erzeugen, ist zwar ehrbar, kann aber nicht wirken. Er bürdet den Sprechenden Wortungetüme auf, für die sie noch nicht bereit sind, sie daher als lästig empfinden – das ist für die Diskussion der Sache eher kontraproduktiv.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach