Rems-Murr-Kreis

31-Jähriger bedroht Familie in Murrhardt-Unterneustetten: Warum das SEK zum Einsatz kam

Nächtlicher SEK-Einsatz in Unterneustetten, einem Teilort von Murrhardt. © SDMG / Kohls

Ein Sondereinsatzkommando (SEK) war in der Nacht von Montag auf Dienstag (09.06.) in Unterneustetten im Einsatz. Ein 31-jähriger Mann hatte in diesem sehr kleinen Teilort von Murrhardt Angehörige seiner Familie mit einem Messer bedroht. Als die Polizei eintraf, hatte sich der Mann laut Sprecher Rudolf Biehlmaier bereits in einem Werkzeugschuppen verschanzt und dort Benzin ausgegossen.

Es war „höchste Vorsicht geboten“, so beschreibt Biehlmaier die Situation, und die Beamten wollten „kein Risiko eingehen“. Man rief das SEK aus Sorge, der Mann könnte bewaffnet sein. Zuvor hatten Beamte den Mann nicht dazu bewegen können, den Schuppen zu verlassen. Es stand zu befürchten, der 31-jährige, laut Biehlmaier nicht polizeibekannte Mann könnte den Schuppen in Brand setzen wollen und sich selbst in Gefahr bringen. Laut Biehlmaier stand der Mann „deutlich“ unter Alkoholeinfluss und befand sich „offensichtlich in einem psychischen Ausnahmezustand“.

Zweieinhalb Stunden nach der ersten Meldung gelang es SEK-Beamten, den Mann festzunehmen. Es kam niemand zu Schaden. Polizisten brachten den Mann in eine psychiatrische Klinik.

Das SEK: Gesondert ausgebildet, besser bewaffnet

Einsätze wie diese zählen beim SEK zum Alltag, berichtet Roland Fleischer, Sprecher des Polizeipräsidiums Einsatz mit Sitz in Göppingen. Dort ist das „Spezialeinsatzkommando des Landes Baden-Württemberg“, wie es korrekt heißt, stationiert. Es wird immer dann gerufen, wenn es die Polizei mit „bewaffneten, gewaltbereiten, gefährlichen Tätern“ zu tun hat oder eine Situation dieser Art zu befürchten ist.

SEK-Beamte „unterscheiden sich wesentlich vom normalen Streifenbeamten“, sagt Roland Fleischer. Sie sind gesondert ausgebildet, besser bewaffnet, besser geschützt. Seit 1976 existiert das SEK, dessen Mitglieder ein „strenges Auswahlverfahren“ durchlaufen.

"Wir wollen keine Rambos"

Psychologische Tests zählen auch dazu: „Wir wollen keine Rambos, sondern Leute, die den Kopf nicht verlieren“, betont Roland Fleischer vor dem Hintergrund, dass auch in Deutschland Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus begonnen haben, nachdem ein Polizist in Minneapolis den Afroamerikaner George Floyd getötet hatte.

Mutmaßliche „Rambos“ fallen im Auswahlverfahren durchs Raster, versichert Fleischer: Im „täglichen Doing“ falle es auf, wenn sich jemand nicht eigne für diese Arbeit; niemand könne sich auf Dauer verstellen.

Wie viele Bewerbungen das Sondereinsatzkommando zählt und wie viele Anwärter alle Auswahltests am Ende bestehen – behält man für sich. Bilder von Einsätzen wirken martialisch, doch im Grunde seien Streifenbeamte einer höheren Gefahr ausgesetzt, sagt Fleischer: Sie sind meist die Ersten am Ort des Geschehens, sind weniger gut ausgerüstet und wissen nie, was sie hinter einer Tür oder bei einer Verkehrskontrolle erwartet.

Einweisung in eine Fachklinik

Im Rems-Murr-Kreis war das SEK zuletzt am 10. Januar im Einsatz. Zuvor war ein 33-Jähriger im Waiblinger Eisental durch Schüsse schwer verletzt worden. Tage später stürmten SEK-Kräfte in Waiblingen, Korb und Stuttgart Wohnungen in der Hoffnung, Tatverdächtige dort anzutreffen. Die Gesuchten, vier Brüder irakischer Abstammung, hielten sich aber nicht dort auf. Die Tatverdächtigen stellten sich später der Polizei und sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Hinterher weiß man's besser

Im Oktober vergangenen Jahres durchsuchten Spezialkräfte ein Wohnhaus in Winnenden und nahmen einen 30-Jährigen fest. Es wurde ein Zusammenhang mit einer Raubstraftat vermutet. Nach Birkmannsweiler rückte das Sondereinsatzkommando im März vor einem Jahr aus, nachdem jemand über soziale Medien eine Drohung verschickt hatte, die echte Gefahr befürchten ließ. In diesem Fall war das Spezialkommando umsonst per Hubschrauber an den Ort des Geschehens gebracht worden: Es stellte sich vor Ort heraus, dass der verdächtige Mann gar keine Waffe besaß.

Keine forensische Abteilung in Winnenden

Die Sprachregelung „psychischer Ausnahmezustand“ kommt unterdessen – wie jetzt im Murrhardter Fall – immer mal wieder im Zusammenhang mit SEK-Einsätzen in Pressemeldungen der Polizei vor. Je nach Lage der Dinge sind dann psychiatrische Fachkliniken zuständig, „die eine spezielle forensische Klinik beziehungsweise Abteilung betreiben. Personen, die unter Einfluss einer psychischen Erkrankung eine ‘Straftat’ begehen, sind dann meist vermindert oder schuldunfähig und werden in der Regel in die forensische Medizin/Psychiatrie überführt“, erklärt Bernd Czerny, der stellvertretende Geschäftsführer des Klinikums Schloss Winnenden, auf Anfrage. Das Winnender Zentrum für Psychiatrie verfügt nicht über eine forensische Abteilung, die psychisch erkrankte – mutmaßliche – Straftäter aufnehmen könnte.

Ein Sondereinsatzkommando (SEK) war in der Nacht von Montag auf Dienstag (09.06.) in Unterneustetten im Einsatz. Ein 31-jähriger Mann hatte in diesem sehr kleinen Teilort von Murrhardt Angehörige seiner Familie mit einem Messer bedroht. Als die Polizei eintraf, hatte sich der Mann laut Sprecher Rudolf Biehlmaier bereits in einem Werkzeugschuppen verschanzt und dort Benzin ausgegossen.

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Es war „höchste Vorsicht geboten“, so beschreibt Biehlmaier die Situation, und die Beamten

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