Rems-Murr-Kreis

9-Euro-Ticket im Rems-Murr-Kreis: Viele Probleme aber auch rasende Erfolge

9-Euro-Ticket Neun-Euro-Ticket Bahnticket Symbol Symbolbild Symbolfoto
Symbolfotos. © Alexandra Palmizi

Wie bewährt sich das 9-Euro-Ticket? Eine Zwischenbilanz für die Rems- und Murr-Schiene: Die Fahrgastzahlen sind spektakulär hochgeschnellt, das Angebot für Pendler ist beispiellos attraktiv – aber auf einer Strecke müssen Sie mit Platznot rechnen ...

9-Euro-Ticket, das Schlechte zuerst: Überfüllung und Baustellen

„Vielleicht interessiert Sie ein Erlebnis mit der Bahn“, schreibt uns eine 83-Jährige: „Am Freitag, 3. Juni, musste ich von Waiblingen nach Nürnberg. 13 Uhr 10, Gleis 3 – niemand durfte einsteigen, wegen Überfüllung. Rat im Reisecenter: Gehen Sie nach Stuttgart, dort wird ein Zug eingesetzt. Hab ich gemacht, ich saß auch drin. Kurze Zeit später der Zugführer: Alle, die nicht unbedingt nach Nürnberg müssen, raus – wegen Überfüllung. Dann hat er gesagt, er fährt nicht. Im Reisezentrum habe ich dann eine Karte für den IC gekauft: 50,60 Euro. Was sagen Sie hierzu?“

Ja, es gab solche Fälle. Jener 3. Juni war ein ausgesprochener Krisentag. Pünktlich zum Start des 9-Euro-Tickets führten Bahn-Bauarbeiten zwischen Lorch und Aalen zu Turbulenzen im System. Auch der abendliche Go-Ahead auf der Remsschiene von Stuttgart nach Aalen fuhr nur als einzelner Dreiteiler, heftiges Gedränge war die Folge.

Gerade der 3. Juni zeigt aber auch, dass es zu kurz greift, alle Schuld dem Betreiber Go-Ahead ans Rad zu binden. Denn der klagt zu Recht: Man habe mit „Baustellen und Einschränkungen auf Strecken der Deutsche-Bahn-Tochter DB Netz“ zu kämpfen. Langsamfahrstellen, Streckensperrungen, Stellwerks-, Oberleitungs- oder Signalstörungen hätten „in den Juni-Wochen drastisch zugenommen. Wir hoffen, dass DB Netz diese Schwierigkeiten in den Griff bekommt“. Fabian Amini, Geschäftsführer der Go-Ahead-Gesellschaften in Deutschland, forderte am Mittwoch in Berlin „dringend mehr Investitionen in das Eisenbahnnetz“.

Aber wie haben sich dank des 9-Euro-Tickets die Fahrgastzahlen entwickelt an Rems und Murr?

9-Euro-Ticket und die Murrbahn: Fahrgastzahlen mehr als verdoppelt

Für den RE90 von Stuttgart über Waiblingen, Winnenden und Backnang nach Schwäbisch Hall/Hessental und weiter bis Nürnberg hat das Landesverkehrsministerium genaue Daten, weil Go-Ahead wöchentlich die Erkenntnisse aus dem automatischen Fahrgastzählsystem ans Ministerium meldet. Das Ergebnis:

  • Im Mai (ohne 9-Euro-Ticket) wurden pro Fahrt über den gesamten Streckenverlauf hinweg „im Mittel 224 Fahrgäste gezählt, was einem durchschnittlichen Besetzungsgrad von 30,2 Prozent (gerechnet auf die Sitzplätze) entspricht“.
  • Im Juni (mit 9-Euro-Ticket) waren es bis zum 19. des Monats hingegen „im Mittel 462 Fahrgäste“ – durchschnittlicher Besetzungsgrad: 66,7 Prozent.
  • Im Vergleich „ist somit die mittlere Besetzung um 106 Prozent gestiegen“. Mit anderen Worten: Das Fahrgastaufkommen hat sich von einem Monat auf den anderen mehr als verdoppelt!

Die „langlaufende Linie von Stuttgart nach Nürnberg“ verzeichne „eine besonders hohe Nachfragesteigerung“. Deshalb haben das Land und Go-Ahead für die Wochenenden und die Pfingstferienzeit „verstärkte Fahrten“ vereinbart: „Jeweils zwei Triebwagen (420 Sitzplätze) statt nur einer (210 Sitzplätze)“. Aktuell werde geprüft, ob Go-Ahead auch nach den Pfingstferien werktags weiter mit höherer Kapazität fahren soll.

9-Euro-Ticket und die Remsbahn: Starker Zuwachs auch hier

Etwas unpräziser sind die Auskünfte zur Rems-Strecke, für den MEX 13 von Stuttgart über Waiblingen und Schorndorf nach Aalen und Crailsheim. Aktuell kann Go-Ahead da die Daten aus der automatischen Fahrgastzählung nur bis Ende 2021 und dann wieder ab Juni vorlegen. Um die Lücke zu überbrücken, können wir hilfsweise zum Vergleich den absolut stärksten Monat des gesamten Jahres 2021 heranziehen: Das war der Oktober.

  • Im Oktober (ohne 9-Euro-Ticket) „wurden je Fahrt (gesamter Fahrtverlauf) im Mittel 169 Fahrgäste gezählt“; durchschnittlicher Besetzungsgrad: „21,5 Prozent (gerechnet auf die Sitzplätze)“.
  • Im Juni (mit 9-Euro-Ticket) wurden bis zum 19. des Monats je Fahrt „im Mittel 262 Fahrgäste gezählt“; durchschnittlicher Besetzungsgrad: 36,3 Prozent.
  • Im Vergleich des stärksten 2021er-Monats mit dem Juni 2022 beträgt damit der Fahrgastzuwachs 55 Prozent.

Es zeigt sich: Von einer grundsätzlichen Unterdimensionierung der Zuglänge kann zumindest der Statistik zufolge auf der Remsschiene keine Rede sein. Denn die Go-Ahead-Flirts auf dieser Strecke bieten zu Stoßzeiten bis zu 708 Sitzplätze. (Mehr zu den vertraglich vereinbarten Zuglängen hier.) Für den MEX 13 haben Land und Go-Ahead deshalb „keine Kapazitätserhöhungen“ wegen des 9-Euro-Tickets vereinbart. Probleme dürften eigentlich nur auftreten, wenn der Zug mal kürzer als vereinbart ausfällt, wie am 3. Juni; wenn es – ebenfalls wie am 3. Juni – wegen einer Baustelle zu Wirren kommt; oder wenn ein langes Ausflugswochenende für besonders viel Rummel sorgt.

Das Landesverkehrsministerium folgert: Durchs 9-Euro-Ticket sei tatsächlich der „erwartete“ – und im Prinzip ja auch erhoffte – „Nachfragesprung“ eingetreten; und zwar „auf den meisten Linien“ und auch „zu den meisten Tages- und Wochenzeiten“.

9-Euro-Ticket: Die Zwischenbilanz des Verkehrsministeriums

Dass es punktuell zu „starken Auslastungen kommen kann, ist dabei nicht zu vermeiden“. Zwar können „außerhalb der extrem stark ausgelasteten Linien und Verkehrszeiten die Fahrgäste mit der gewohnten Qualität ihre Ziele erreichen“ – aber hier und da sei „eine zeitweise Überlastung“ festgestellt worden, „vor allem im Ausflugsverkehr am Wochenende“. Tatsächlich konnten „in einigen Fällen nicht alle Fahrgäste mitgenommen werden“.

Unbestritten sollte aber sein: Es ist aus Klimaschutzgründen ein unbedingt erstrebenswertes Ziel, Verkehr von der Straße aufs Gleis zu lotsen. Deshalb überwiegt „trotz aller Herausforderungen das Positive: Es konnten viele neue Fahrgäste in den Zügen begrüßt werden“. Und auch viele Altkunden, die während der Corona-Pandemie zwischenzeitlich von der Fahne gegangen waren, „sind zurückgekehrt“.

Noch einen Pluspunkt erwähnt das Ministerium: „Pendlerinnen und Pendler werden finanziell entlastet.“ Das aber ist eine rasend bescheidene Formulierung für ein sagenhaft attraktives Angebot. Kleines Rechenbeispiel: Ein Berufspendler, der 20-mal im Monat von Plüderhausen nach Stuttgart und wieder zurück fährt, legt insgesamt rund 1500 Zug-Kilometer zurück – das macht dank 9-Euro-Ticket pro Kilometer etwas mehr als einen halben Cent. (Mehr dazu auch hier.)

Wie bewährt sich das 9-Euro-Ticket? Eine Zwischenbilanz für die Rems- und Murr-Schiene: Die Fahrgastzahlen sind spektakulär hochgeschnellt, das Angebot für Pendler ist beispiellos attraktiv – aber auf einer Strecke müssen Sie mit Platznot rechnen ...

9-Euro-Ticket, das Schlechte zuerst: Überfüllung und Baustellen

„Vielleicht interessiert Sie ein Erlebnis mit der Bahn“, schreibt uns eine 83-Jährige: „Am Freitag, 3. Juni, musste ich von Waiblingen nach Nürnberg. 13 Uhr 10,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper