Rems-Murr-Kreis

9-Euro-Ticket im Rems-Murr-Kreis: Volle Züge an Pfingsten - ein Erfahrungsbericht

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Mit der Regionalbahn kostengünstig durch den Rems-Murr-Kreis - das 9-Euro-Ticket macht es möglich. Ein Erfahrungsbericht vom Pfingstwochenende. © Joachim Mogck

Viele Jahre habe ich von der schwarzen Bahncard geträumt. Bahncard 100. Ein Jahr Freiheit auf der Schiene. Leider hat mir dafür immer Zeit und Geld gefehlt. Jetzt ist das Neun-Euro-Ticket da und ein bisschen fühlt es sich an wie eine bescheidene Version meines Traums. Ist doch toll: Ich muss mich jetzt drei Monate lang nicht um günstigste Angebote und Tarifzonen kümmern, ich muss nicht auf kaputte Automaten schimpfen. Einfach einsteigen und losfahren. Heute teste ich das neue Angebot.

Zug nach Nürnberg ist überfüllt: "Die Türen werden jetzt zwangsgeschlossen"

Es ist Samstag vor Pfingsten und ich stehe auf dem Bahnhof Waiblingen. Ein Blick auf den Abfahrtsplan zeigt mir, dass mich die große Freiheit heute Richtung Stuttgart, Nürnberg oder Lorch führt. Jede kleine Reise ist ja immer auch eine Weltreise. Oder ist Nürnberg etwa nicht Teil dieser Welt? In diese Richtung soll es gehen. Ein Regionalexpress mit schicken modernen Wagen fährt ein.

Eine Durchsage zerstört meinen Plan. Der Zug ist voll. Die Türen öffnen sich nur zum Aussteigen. Niemand darf rein. Vor der Abfahrt beglückt der Lokführer die Bahngäste noch mit der bemerkenswerten Aussage: „Die Türen werden jetzt zwangsgeschlossen“. „Uiuiui“, sagt eine junge Frau neben mir „So geht das jetzt die nächsten drei Monate“.

Wie auch immer, dann fahre ich nach Lorch. Freiheit eben. Mein Zug kommt fast pünktlich. Und los geht’s. Nach Lorch fährt der Zug deshalb, weil die Weiterfahrt nach Aalen wegen einer Baustelle unterbrochen ist. Fast alle Sitzplätze sind besetzt, die Stimmung im Zug ist gut. Die vielen S-Bahnhalte des dichtbesiedelten Remstals fliegen an uns vorbei.

Zeit für eine kleine Umfrage. Ich frage eine  zauberhafte ältere Dame, was sie von dem neuen Ticket hält. Grundsätzlich sei das eine gute Idee. Allerdings sei die Fahrt von Bad Wildbad nach Stuttgart eine Katastrophe gewesen. Ab Pforzheim war der Zug so voll, „man konnte kaum schnaufen“. Sie fügt hinzu: „Wahrscheinlich ist das Neun- Euro-Ticket nur ein kurzer Effekt, danach ist alles wieder wie es war“, diese Aussage höre ich öfter. Das Wort „Strohfeuer“ fällt mehrmals.

Ändert das 9-Euro-Ticket das Image der Deutschen Bahn?

Trotzdem: die Meisten freuen sich über das Angebot. Manche planen Kurztrips zum Bodensee. Ein Fahrgast denkt über eine Fahrt nach Berlin nach. Fast zehn Stunden sind das mit dem Nahverkehr. Wohl doch ein wenig zu viel. Ein Herr ist seit 30 Jahren das erste mal mit dem Zug unterwegs und wirkt dabei sehr entspannt. Nur mit den Automaten kommt er noch nicht so klar.

Es gibt aber auch echten Frust. Eine ältere Frau war unterwegs zu einem Mittagessen mit Verwandten in Nürnberg. Das wird jetzt nichts mehr, weil der Zug überfüllt war. Nicht alle sind mit dem neun Euro-Ticket unterwegs, manche haben ihre alten Zeittickets (zum Beispiel ein Semesterticket) und rechnen mit der Erstattung der Differenz.

Ich war insgesamt überrascht, wie positiv über die Bahn gesprochen wurde. In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Spott über das Unternehmen eine Art Volkssport geworden ist. Und es ist ja auch mutig, Millionen von neuen Fahrgästen in ein Jahrzehnte unterfinanziertes Bahnsystem zu locken, das auch schon vorher häufig am Limit war. Aufgrund von Baustellen ist die Bahn zurzeit sehr oft verspätet. Und es fehlt an Personal.

Wäre es nicht klüger gewesen, vorher in die Verlässlichkeit des Systems zu investieren? Österreich hat es so gemacht, bevor es das 365 Euro Jahresticket eingeführt hat. Die Gefahr ist doch, dass alle Vorurteile gegenüber der Bahn jetzt bestätigt werden. Wenn der Modernisierungsbedarf des Streckennetzes in einem grellen Licht sichtbar wird, hat das natürlich auch Vorteile: der Handlungsbedarf lässt sich nicht mehr verstecken.

Können die drei Monate neue Impulse im ÖPNV setzen?

Aber was ist mit denen, die auf einen Zug angewiesen sind, weil sie zur Arbeit fahren oder einen Flug erreichen müssen? Werden sie Verständnis aufbringen, wenn Ausflügler die Züge blockieren? Wohl kaum. Und warum ist der Nahverkehr nicht gleich ganz umsonst – man hätte sich viel Aufwand bei der Tarifänderung sparen können und die Fahrgastkontrolle wäre auch weggefallen.

Auf der anderen Seite ist das Neun-Euro-Ticket Teil eines Entlastungspakets in Zeiten der Inflation und ein wichtiges Gegengewicht zu der höchst umstrittenen Sprit-Subvention. Ich hoffe, dass die drei Monate, in denen der Nahverkehr fast umsonst ist, neue Impulse setzen und möglichst viele Menschen finanziell entlastet werden.

Es ist auf jeden Fall ein spannendes Experiment. Und ein unterhaltsames dazu: Das Satiremagazin „Der Postillion“ zeigte zum Beispiel wie Sylt den Hindenburgdamm sprengt aus Angst vor der Besucherlawine. Und wird das Neun-Euro-Ticket bald 10 Euro kosten wegen der Inflation?

Meine Probefahrt nach Lorch war jedenfalls entspannt. Ich plane schon einen Ausflug mit meinem Sohn an den Bodensee. Obwohl: wie wird es sein, mit einem Siebenjährigen drei Stunden zusammengequetscht in miefigen Waggons ausharren zu müssen? Vielleicht besser nicht am Wochenende. Ich überlege es mir nochmal.                                                                                                                          

Viele Jahre habe ich von der schwarzen Bahncard geträumt. Bahncard 100. Ein Jahr Freiheit auf der Schiene. Leider hat mir dafür immer Zeit und Geld gefehlt. Jetzt ist das Neun-Euro-Ticket da und ein bisschen fühlt es sich an wie eine bescheidene Version meines Traums. Ist doch toll: Ich muss mich jetzt drei Monate lang nicht um günstigste Angebote und Tarifzonen kümmern, ich muss nicht auf kaputte Automaten schimpfen. Einfach einsteigen und losfahren. Heute teste ich das neue

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