Rems-Murr-Kreis

AfD-Parteitag, Höcke, Hilburger: Sieben Ohrfeigen für Jürgen Braun, Waiblingen

özkara Braun
Für Jürgen Braun und die Gemäßigten wurde der AfD-Parteitag in Riesa zum siebenfachen Desaster. © Benjamin Büttner

Sie wollten sich ihre Partei zurückholen. Und wurden in Serie abgewatscht. Das sogenannte gemäßigte Lager um den Waiblinger Bundestagsabgeordneten Jürgen Braun – und auch er ganz persönlich – hat beim AfD-Parteitag in Riesa sieben krachende Wahl-Ohrfeigen verpasst bekommen: von Chrupalla bis Weidel, von Höcke bis Hilburger, von Brandner und Boehringer bis Baum - eine Bilanz, dass die Wangen brennen.

Um das Ausmaß des Desasters für Braun & Co ermessen zu können, muss man etwas zurückspulen - Mitte Mai brachten sich die Gemäßigten mit einer konzertierten Aktion spektakulär für Riesa in Stellung: Joana Cotar und Alexander Wolf, Mitglieder im Bundesvorstand, forderten, Parteichef Tino Chrupalla dürfe „als Bundessprecher nicht noch einmal antreten“; es gehe dabei „nicht um Querulantentum“, ergänzte Frank-Christian Hansel aus dem Berliner Abgeordnetenhaus; und Braun erklärte, Chrupalla sei „überfordert“ und versuche, „eine Art Kadavergehorsam“ einzuführen. „Wir lassen uns die Partei nicht von oben kaputtmachen, wir holen uns unsere Alternative für Deutschland zurück.“

Eine gewitterdonnernde Kampfansage. Von der in Riesa nicht mal heiße Luft übrig blieb: Phasenweise wehte nur noch das laue Lüftchen der vorauseilenden Kapitulation. Chronik einer Pleite in sieben Kapiteln.

Erstens und zweitens: Tino Chrupalla gewinnt, Jürgen Braun erleidet Schiffbruch

Erstens: Jürgen Braun wollte ins Zentrum der Parteimacht vorstoßen. Er bewarb sich um einen Beisitzerposten im AfD-Bundesvorstand. Der Mann aber, der immerhin mal als parlamentarischer Geschäftsführer eine organisatorische Schlüsselfigur der Bundestagsfraktion war, erntete: 18,3 Prozent. Nicht einmal jeder Fünfte wollte ihn.

Zweitens: Chrupalla bleibt Chef. Zwar erzielte er ein schwaches Ergebnis, nur 53,5 Prozent. Aber Norbert Kleinwächter, der Kandidat der Gemäßigten, erwies sich nicht einmal gegen einen aufgrund vieler Landtagswahlniederlagen schwer angezählten Frontmann als auch nur annähernd mehrheitsfähig; er strandete bei 36,3 Prozent.

Drittens und viertens: Alice Weidel gewinnt, Brauns Freunde erleiden Schiffbruch

Drittens: Braun gilt als Gegner von Alice Weidel. Er halte sie, so raunt es, für eine Opportunistin, die aus rein machttaktischem Kalkül mit dem rechten Lager kungle. Im Mai erklärte Braun: Weidel habe eine „geringe Glaubwürdigkeit“ und stehe „inzwischen für keinen Inhalt“ mehr. Nach den Riesaer Vorstandswahlen aber ist die Bundestagsfraktionsvorsitzende nun auch Co-Chefin der Partei neben Chrupalla.

Viertens: Brauns Mitstreiter Alexander Wolf schaffte den Wiedereinzug in den Bundesvorstand nicht, er erntete knapp 35 Prozent; nur 19 Prozent erzielte Frank-Christian Hansel; und Joana Cotar kam ihrer Niederlage zuvor, indem sie gar nicht erst antrat. Die „bürgerlichen Kräfte“ hätten sich „in einem Erschöpfungsfrieden“ ergeben, bilanziert die Neue Zürcher Zeitung.

Fünftens: Björn Höcke ist nicht Herr Tur Tur

In einem Punkt immerhin hat Braun recht behalten. Oberflächlich betrachtet. Er prognostizierte Mitte Mai: „Ich denke nicht, dass er antritt.“ Er: Björn Höcke. Tatsächlich hat „er“ in Riesa für kein Amt im Vorstand kandidiert. Genau besehen liegt Braun aber auch hier daneben. Höcke werde überschätzt, hatte Braun nämlich gespöttelt. Und das führt uns zu ...

Fünftens: Höcke, ein Scheinriese wie Herr Tur Tur in den Jim-Knopf-Romanen – groß nur aus der Ferne, weil die Medien so ein Gewese um ihn machen, aus der Nähe besehen aber nicht mehrheitsfähig in der Partei? Von wegen. In Riesa wirkte Höcke mit seinen vielbeklatschten Redebeiträgen – einmal erntete er Applaus schon, als er nur „Guten Morgen“ wünschte – eher wie ein Schachspieler, der nicht selber aufs Spielbrett klettern muss, um seine Figuren in strategische Positionen zu manövrieren. Mit durchschlagendem Erfolg.

Sechstens: Erfolge für Brandner, Boehringer, Christina Baum

Sechstens: Im neuen 14-köpfigen Parteivorstand drängeln sich neben Leuten, die Chrupalla vorab als zu seinem Team gehörig präsentiert hatte, nun Höckerianer.

Unter den drei stellvertretenden Bundessprechern zwei klare Rechtsaußen: Stephan Brandner hat mal die „berüchtigte syrische Kleinfamilie“ definiert als „Vater, Mutter und zwei Ziegen“ und gefordert: Merkel „anklagen“ und „einknasten“. Und Peter Boehringer schrieb in internen Mails, die der Spiegel zugespielt bekam und veröffentlichte: „Die Merkelnutte lässt jeden rein, sie schafft das“, es sei „dumm nur, dass es UNSER Volkskörper ist, der hier gewaltsam penetriert wird“. Volkskörper: ein klassischer rechtsextremer Kampfbegriff.

Aussagekräftig ist auch das Sextett der Beisitzer im Bundesvorstand: Für drei – Carlo Clemens, Marc Jongen, Roman Reusch – hatte Chrupalla geworben. Die anderen drei stehen Höcke nahe: Martin Reichardt, Chef des Landesverbandes Sachsen-Anhalt; Dr. Maximilian Krah, Vize der AfD Sachsen; und Dr. Christina Baum aus Baden-Württemberg, die mit rechtsextremistischen Schlüsselworten wie „Umvolkung“ oder „Bevölkerungsaustausch“ jongliert.

Siebtens: Oliver Hilburger und  sein Zentrum - nicht extremistisch für Höcke

Siebtens: Wie wuchtig Höcke diesen Parteitag prägte, drückt sich in der symbolträchtigsten Entscheidung aus – die Delegierten-Mehrheit hob den Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen der AfD und der Pseudo-Gewerkschaft „Zentrum“ (vormals „Zentrum Automobil“) auf.

Höcke profiliert sich schon länger als Förderer dieses Vereins, ist bei Kundgebungen und Konferenzen gemeinsam mit Zentrum-Kopf Oliver Hilburger aus Althütte aufgetreten, und bei einem Montagsspaziergang im thüringischen Eisenach marschierten die beiden gar Seit' an Seite, Höcke dokumentierte den Schulterschluss demonstrativ per Video auf TikTok. In Riesa erklärte er, der Verfassungsschutz sei nur ein „Machtinstrument“ des „Altparteienkartells“, und verkündete triumphal: „Wir bestimmen qua eigener Kraft, wer extremistisch ist!“ Das Zentrum also ist es demnach nicht; auch wenn Oliver Hilburger fast 20 Jahre lang Musiker bei den Noien Werten war, einer Rechtsrockgruppe, die aufgrund ihres guten Drahts zum mittlerweile verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerk in der Neonazi-Szene Kultstatus genoss und bei Auslandskonzerten mit zum Hitlergruß gereckten Armen gefeiert wurde.

Von erstens bis siebtens: Das wurde aus Jürgen Brauns Versuch, sich die Partei zurückzuholen. Die Neue Zürcher bilanziert kulinarisch: „Wie ein Soufflé fiel die Revolte in sich zusammen, kaum hatte sie die Küche des Aufruhrs verlassen.“

Sie wollten sich ihre Partei zurückholen. Und wurden in Serie abgewatscht. Das sogenannte gemäßigte Lager um den Waiblinger Bundestagsabgeordneten Jürgen Braun – und auch er ganz persönlich – hat beim AfD-Parteitag in Riesa sieben krachende Wahl-Ohrfeigen verpasst bekommen: von Chrupalla bis Weidel, von Höcke bis Hilburger, von Brandner und Boehringer bis Baum - eine Bilanz, dass die Wangen brennen.

Um das Ausmaß des Desasters für Braun & Co ermessen zu können, muss man etwas

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