Rems-Murr-Kreis

Andrea Berg hören – geht das?

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Andrea Berg. © Ramona Adolf

Großaspach. Sie ist die mit Abstand erfolgreichste Kulturschaffende des Rems-Murr-Kreises – auch wenn manche höhnen, das sei doch keine Kultur. Wagen wir uns ans Hören: drei Alben von Andrea Berg hintereinander ...

Andrea Berg ist eine Rems-Murr-Künstlerin, seit sie der Liebe wegen von Krefeld nach Aspach zog – um ihre Musik aber haben wir Waiblinger Kulturschreiber, die wir sonst alles Mögliche besprechen, uns bislang immer herumgeschummelt.

Wir dachten nämlich: Schlager überzuckert die Leute mit Emotionen von der Stange, x-mal wiedergekäuten Worthülsen von Liebe und Sehnsucht; wir werden das Berg-Zeug garantiert übel finden. Wenn wir das aber schreiben, setzt es einen Proteststurm der Berg-Fans, die Frau ist ja von Flensburg bis Garmisch rasend erfolgreich. Falls wir indes beim Hören dies oder das doch respektabel finden sollten, beschwert sich die elitäre Kulturpolizei: Seid ihr bescheuert, euer Blatt mit so einem Schund zu füllen? Also ließen wir die Finger davon.

Dies ist ein Experiment

Schluss damit, dies ist ein Experiment: Machen wir mit Andrea Berg, was wir sonst auch tun – unvoreingenommen hinhören; benennen, was uns gefällt; begründen, warum uns was nicht gefällt.

Die Berg-Fans werden das aushalten, sofern wir uns billige Besserwisser-Witze sparen. Und die Kunstschnösel sollen einfach mal für einen Moment den Schnabel halten.

Für dieses Experiment brachte ich eine gute Voraussetzung mit: Ich kannte von Berg bis dato genau gar nichts, kein einziges Lied.

Die Alben „Machtlos“ und „Splitternackt“

Zunächst schob ich „Machtlos“ in den CD-Player, die Scheibe von 2003, die Andrea Berg als Topsellerin etablierte, und langweilte mich bald: All die braven Beats, sänftelnden Keyboards, synthetischen Streicherflächen, das linde Akustikgitarren-Plingpling, die auf Zimmerlautstärke runtergedimmten E-Gitarren – ein vor sich hin schubbernder Klangstrom, in dem mir die einzelnen Lieder ununterscheidbar wurden. Nichts, das Hörgewohnheiten auch nur von Ferne irritierte, kein musikalisches Klischee, das anregend umgedeutet wurde.

Interessant fand ich nur das Frauenbild: Es kam mir schräg vor – diese Lieder waren bewohnt von lauter „verzauberten“ und „machtlosen“ Weibchen, denen die „Angst weggeküsst“ werden musste. Er hat ihr „tausendmal wehgetan“? Egal, „ich hab keine Wahl, ich lieb dich nun mal“. Und wenn sie für ihn nur ein Seitensprung ist? Dann seufzt sie demütig: „Es ist nicht leicht, die zweite Frau zu sein.“

Umfangen von ewiger Nacht

Ich legte ein Album von 2006 auf: „Splitternackt“ – die Berg aber trug auf dem Cover-Foto ein Nachthemd. Mir kam dieser Unterwäsche-Etikettenschwindel symptomatisch vor: War nicht alles in dieser Musik abgedämpft, glattgebügelt, ins Harmlose verhübscht? Der Schrei der Leidenschaft war kein Schrei, das Wispern der Trauer kein Wispern – das Leise wie das Laute: zurechtgepegelt auf die immergleiche gefällige Mittel-Lage.

Und die Texte? Ich wurde umfangen von ewiger Nacht: „Heiß ist die Nacht“; „nie war die Nacht so vertraut“; „du wolltest mich für eine Nacht“; „streichel mich in den Schlaf ein letztes Mal heut Nacht“.

Ich wollte resignieren. Aber dann gab ich ihr und mir noch eine Chance: Ich legte „Mosaik“ auf, brandneu, von 2019.

Hoppla, da tut sich was: Das Album „Mosaik“

Es war, als singe ein anderer Mensch. Die Stimme fiepte nicht mehr wie ein klanggewordenes Kindchenschema, sie tönte tiefer, reifer, nuancierter, ich hörte die Berg sogar atmen zwischen zwei Zeilen. Die erste Zeile lautete: „Ich bin frei ohne Wenn und Aber“.

Hoppla, das waren ja Hymnen der Selbstermächtigung: „Meine Welt hat heut Millionen Farben“; „in jedem Scherbenmeer seh ich ein Mosaik“ (pfiffiges Sprachbild); „ab sofort wird gelebt, lichterloh wie ein Komet“. Und wenn du mich fallen lässt? „Keine Angst, ich steh schon wieder auf.“

Die neuen Texte klingen lebensnäher

Die frühen Texte hatten überhaupt nicht in der Welt geankert, die neuen klangen lebensnäher, konkreter, kantiger: „Erspar mir deine Lügen und gib es endlich zu – sie ist doch höchstens halb so alt wie du.“

Auch die Musik war abwechslungsreicher: Hier pulsierte ein drängendes Pochen, da flirrte hinter einem lässigen Beat eine Hammond-Orgel wie aus den Sixties.

Auch Schlagersängerinnen entwickeln sich weiter

Es heißt, dass Schlager niemals Avantgarde seien, nicht die Zukunft erlauschen, Aufgärendes erspüren, das Gras wachsen hören, sondern immer die vorherrschenden, etablierten gesellschaftlichen Wertvorstellungen, Rollenbilder, Mehrheitshaltungen spiegeln. Wenn das stimmt, dann ist „Mosaik“ doch recht aussagekräftig: Die Frau von heute mag mal glücklich, mal unglücklich verliebt sein – im einen wie im anderen Falle wird sie sich nie machtlos verzaubert dem Mann unterwerfen, ihr Selbstbewusstsein hängt nicht davon ab, ob ein Kerl ihr die Angst wegküsst.

Werde ich eines dieser Alben noch mal auflegen? Eher nicht. Hören will ich persönlich, tut mir leid, dann doch was anderes. Aber, das habe ich gelernt, auch Schlagersängerinnen entwickeln sich weiter. Frau Berg, das respektiere ich.


Großaspach. Sie ist die mit Abstand erfolgreichste Kulturschaffende des Rems-Murr-Kreises – auch wenn manche höhnen, das sei doch keine Kultur. Wagen wir uns ans Hören: drei Alben von Andrea Berg hintereinander ...

Andrea Berg ist eine Rems-Murr-Künstlerin, seit sie der Liebe wegen von Krefeld nach Aspach zog – um ihre Musik aber haben wir Waiblinger Kulturschreiber, die wir sonst alles Mögliche besprechen, uns bislang immer

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