Rems-Murr-Kreis

Angespannte Corona-Lage: Rems-Murr-Kliniken stellen planbare Operationen ein

Corona
Dr. Torsten Ade, Chef der Notaufnahme im Rems-Murr-Klinikum Winnenden. © Benjamin Büttner

Am Mittwochmorgen haben die Verantwortlichen in den Rems-Murr-Kliniken eine sowohl für das Krankenhaus, vor allem aber für Patientinnen und Patienten bittere Entscheidung gefällt: Wegen der immer angespannteren Corona-Lage auf der Intensivstation werden die „elektiven“, die geplanten Operationen ab Montag, 22. November, abgesagt. Was bedeutet das für Krebspatienten, Unfallopfer, Menschen mit Schlaganfall oder Herzinfarkt? Werden auch sie nicht mehr behandelt? Ist ihr Leben in Gefahr?

Nach Herzinfarkt von 43 Kliniken abgelehnt – passiert das auch bei uns?

Ein 73 Jahre alter Mann aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Alabama brauchte nach einem Herzinfarkt dringend ein Intensivbett. Das Magazin Stern berichtete im September, dass das Krankenhaus seiner Heimatstadt die Behandlung nicht anbieten konnte, die der Mann nötig gehabt hätte. Aus der dortigen Notaufnahme heraus kontaktierte man 43 andere Kliniken in drei Bundesstaaten. Doch alle mussten absagen: Die Plätze in den Intensivstationen waren zum großen Teil mit Covid-Patienten belegt. Der Mann wurde schließlich in ein Krankenhaus verlegt, das 483 Kilometer entfernt lag. Der Mann starb.

Kann das hier im Rems-Murr-Kreis auch passieren? Dr. Torsten Ade, Chef der Notaufnahme im Rems-Murr-Klinikum Winnenden sieht nämlich Furchtbares auf die Intensivstation zurollen: Das, was jetzt an stetig und ins Himmelhohe steigenden Corona-Infektionszahlen die Menschen beunruhige, werde sich erst in zehn bis 14 Tagen mit Schwerstkranken auf den Stationen und der Intensivstation bemerkbar machen.

Um dieser Bedrohung begegnen zu können, haben die Rems-Murr-Kliniken Operationen, die ab Montag, 22. November, geplant sind, abgesagt. Es geht um Operationen, die nicht aufgrund eines Notfalls vorgenommen werden müssen. Diese Operationen werden dem Patienten empfohlen, der Termin kann jedoch im Voraus gewählt werden, ohne die Gesundheit des Patienten oder das Ergebnis des Eingriffs zu beeinträchtigen. Es geht, erklärt Torsten Ade, beispielsweise um den Leistenbruch, die Hämorrhoiden-Operation, die neue Hüfte.

Wobei es sofort der Erklärung, Einschränkung bedarf: Die Hüfte beispielsweise muss und wird operiert, wenn sie gebrochen ist. Wenn also ein Notfall vorliegt. Der Notfall, sagt Torsten Ade, liegt auch vor, wenn nur ein Arm gebrochen ist. Müssen aber nach solch einem Armbruch die bei der ersten OP eingesetzten Schrauben und Drähte wieder entfernt werden, ist das ein Eingriff, der warten kann und abgesagt wird.

Operieren oder nicht? Auch der Schmerz ist ein Faktor, der zur Entscheidung beiträgt

Bei Hüftproblemen, sagt Ade, spiele bei der Entscheidung auch der Schmerz eine Rolle. Doch die Patienten müssten bedenken: Bei keiner Operation gibt es die Garantie, dass keine Komplikationen eintreten. Wenn dann kein Platz auf der Intensivstation sei, habe man dem Patienten nichts Gutes getan. Zu bedenken sei auch: Frisch operierte Menschen haben ein geschwächtes Immunsystem, sind somit empfänglicher für Coronaviren und einen auf die Infektion folgenden schweren Krankheitsverlauf. Dieses Risiko steht gegen die Qual beim Aushalten der Schmerzen.

Schlaganfälle, Herzinfarkte sind natürlich Notfälle. Die Notaufnahme ist mit speziellen Plätzen dafür eingerichtet. Diese Patienten werden behandelt, genauso wie jene mit vielfältigen Verletzungen nach einem Autounfall. „Sie werden stabilisiert und operiert.“ Aber je angespannter die Lage wird, desto eher kann es passieren, dass die Patienten nicht alles bekommen, was sie sonst bekommen hätten. Dass sie verlegt werden müssen, womöglich mehrfach. Dann habe das Krankenhaus zwar alles richtig gemacht und trotzdem: „Das kann den Patienten schaden“.

Werden Tumor-Operationen verschoben? 

Und was ist mit jenen, die nicht direkt umfallen und an ihrer Krankheit sterben, deren Krankheit aber dennoch lebensbedrohend ist? Was ist mit den Krebspatienten? Die Deutsche Krebshilfe fordert nachdrücklich: „Trotz der sich schnell ausbreitenden Covid-19-Pandemie, die das Gesundheitssystem vor besondere Herausforderungen stellt, darf die Versorgung unter keinen Umständen vernachlässigt werden.“ Die Deutsche Krebshilfe berichtet, dass während der vergangenen Corona-Wellen Krebstherapien verkürzt oder verschoben, Nachsorgen und Früherkennungen häufig ausgesetzt, Operationen erst später durchgeführt worden seien.

„Onkologische Operationen“, sagt Torsten Ade, „sind so gut wie immer dringlich“. Man habe auch große Operationen bislang immer durchgeführt. Aber Achtung, auch hier geht es wieder ums Leben, nicht um den Komfort. Der Tumor wird bekämpft. Der Brustaufbau nach einer Brustkrebsoperation muss vielleicht warten.

Bei der weiteren Behandlung von Krebspatienten sieht Torsten Ade weniger Probleme: Chemos werden üblicherweise in der Ambulanz gegeben und kollidieren nicht mit belegten Betten. In den meisten Fällen werde der Arzt auch zur notwendigen Chemotherapie raten. Doch auch hier muss wieder abgewogen werden: Das Immunsystem von Chemo-Patienten ist am Boden, sogar eine Impfung wirkt womöglich nicht gut, das Coronavirus hat leichtes Spiel. Dieses Risiko müsse besprochen werden.

Bis zu 40 Prozent mehr Intensivkapazität durch das Verschieben der OPs

Mit dem Stopp der planbaren Operationen entlasten die Rems-Murr-Kliniken die Intensivstation um bis zu 40 Prozent. Denn auch ein Patient, der beispielsweise einen zwar geplanten, aber dennoch großen Gelenkseingriff hatte, sagt Ade, werde direkt nach der Operation erst mal auf der Intensivstation überwacht. 42 voll ausgerüstete Intensivbetten hat das Rems-Murr-Klinikum Winnenden. Doch nur 36 können belegt werden. Es fehlt an Personal. Die immer jüngeren schwerst kranken Corona-Patienten belegen die Intensivbetten teilweise monatelang. Es wird eng.

Am Mittwochmorgen haben die Verantwortlichen in den Rems-Murr-Kliniken eine sowohl für das Krankenhaus, vor allem aber für Patientinnen und Patienten bittere Entscheidung gefällt: Wegen der immer angespannteren Corona-Lage auf der Intensivstation werden die „elektiven“, die geplanten Operationen ab Montag, 22. November, abgesagt. Was bedeutet das für Krebspatienten, Unfallopfer, Menschen mit Schlaganfall oder Herzinfarkt? Werden auch sie nicht mehr behandelt? Ist ihr Leben in

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