Rems-Murr-Kreis

Augmented Reality: Wie CDM Tech aus Fellbach die Qualitätskontrolle revolutioniert

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Der Vorteil der Augmented-Reality-Inspektions-Tools von CDM Tech: Sie sind leicht und mobil, denn sie können per Tablet-Computer oder Smartphone bedient werden (im Bild: Kunden-Schulungsleiter Roland Simon und Key-Account-Manager Murat Altuntas). © ALEXANDRA PALMIZI
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Stimmt das Blechteil mit den Bauplänen überein? Wo sind Abweichungen an den Kanten oder bei den Stanzlöchern? © ALEXANDRA PALMIZI
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Alle geimpft oder genesen: Geschäftsführer Orhan Cicek (42), ganz rechts, erläutert einen Karosserie-Check an einem Porsche mittels einer „Augmented Reality“-Softwarelösung der CDM Tech GmbH. Von links: Produkt-Designer Adam Theoman Güngör (27), Sales Director Kemal Gider (33), Kunden-Schulungsleiter Roland Simon (59) und Key Account Manager Murat Altuntas (37). © ALEXANDRA PALMIZI

Bei der Fußball-Fernsehübertragung „eingezeichnete“ Abstandspfeile etwa zum Freistoß-Punkt, die das reale Bild überlagern, das ist Augmented Reality (AR, erweiterte Realität) im alltäglichen Gebrauch. „Das bislang größte bekannte AR-Projekt Europas, wenn nicht sogar der Welt, haben wir 2019 mit unserer Software für den S-21-Infoturm am Stuttgarter Hauptbahnhof auf die Beine gestellt“, schwärmt Roland Simon, Kunden-Schulungsleiter der CDM Tech GmbH. BMW, Porsche, Daimler, Bosch, Microsoft, Sony und andere Konzerne, aber auch KMU (kleinere und mittlere Unternehmen) haben seither größtes Interesse an dem Fellbacher Start-up. Es laufen mittlerweile ungezählte Lizenzverträge.

Roland Simon (59) ist eigentlich ein alter Boschler. „Ich habe jahrzehntelang bei der Kunststofftechnik in Waiblingen geschafft, war zuletzt für Ausbildung und Schulungen im Bereich Messtechnik mit zuständig. Als die Unternehmenssparte eingedampft beziehungsweise verlagert und ich abgefunden wurde, bin ich erst mal ein halbes Jahr mit dem Wohnmobil durch die Welt gefahren.“ Das Angebot, bei der 2016 gegründeten CDM Tech GmbH wiedereinzusteigen, kam ihm gerade recht. „Das ist wirklich spannend, was wir hier machen. Das reizt mich sehr.“ Das Tolle an CDM Tech sei: „Wir vereinigen das Know-how und Praxiswissen von Messtechnik, Maschinenbau, Konstruktion und IT“, sagt Simon.

S-21-Infoturm: „Augmented Reality in dieser Größe gab’s noch nie“

Maschinenbau-Ingenieur und CDM-Tech-Geschäftsführer Orhan Cicek (42) ist einer der Firmengründer. „Früher habe ich CAD-Konstruktionsaufgaben für Automobil-Zulieferer erledigt“, sagt Cicek. CAD steht für „Computer Aided Design“, also computer-grafisch gestützte Konstruktion.

Maschinenbau-Ingenieur Kemal Gider (33), Sales Director bei CDM Tech, bestätigt: „Eigentlich sind wir in der Konstruktionstechnik und der Messtechnik zu Hause. Da gibt es aber schon zu viele, ja Tausende von Anbietern. Das haben wir schnell gemerkt.“ Was bahnbrechend Neues musste her. So hätten sie das Ganze mit innovativen AR-Lösungen vereint, die es in dieser Form anderswo nicht gebe, sagt Gider. „Wir haben in Deutschland zwei Konkurrenzfirmen. Das war’s.“

Ihr „Glück“ war zunächst tatsächlich das Engagement im S-21-Info-Turm. „Wir hatten bei der Ausschreibung im Jahr 2018 sieben, acht Mitbewerber, aber keiner von ihnen konnte das anbieten, was wir letztlich geboten haben“, sagt Cicek. „So bekamen wir den Zuschlag und haben weiterhin einen bestehenden Wartungs- und Servicevertrag für das dortige Infotainment. Ein so großes AR-Projekt gab’s noch nie.“

Man steht auf der Terrasse des Infoturms am Hauptbahnhof und nimmt Tablet oder Smartphone mit geöffneter App beziehungsweise Software von CDM Tech in die Hand, richtet die Kamera-Anzeige und AR-Grafik am 120 Meter entfernten Bonatzbau aus und bekommt dann das geplante Baudesign des neuen Bahnhofs überlappend mit der realen Baustelle angezeigt. Als 3-D-Visualisierung auf einer Breite von 120 Metern und einer Länge von 400 Metern. So könne man sich, das überlappende Bild drehend und wendend, besser vorstellen, wie das alles in seinen riesigen Dimensionen einmal in echt aussehen soll. „Augmented Reality in dieser Größe gab’s noch nie“, sagt Cicek. Demnächst werde es die Möglichkeit für jeden Besucher des Infoturms geben, „das komplette 3-D-Modell des neuen Bahnhofs auf dem Smartphone mit nach Hause zu nehmen“.

Fabrikhallen-Digitalisierung leicht gemacht

Aufgrund des AR-Projekts im S-21-Infoturm sei alsbald ein Autohersteller aus der Region auf CDM Tech aufmerksam geworden. „Sie sagten uns, sie suchten schon länger nach so einer AR-Lösung“, sag Kemal Gider. Ob CDM Tech wohl etwas Ähnliches für die Architektur- und Bauwerksabnahme und Fabrik-Innenausbau-Bestandsaufnahme anbiete, mit Anbindung an CAD-Systeme? „Ja, haben wir“, so Gider. So verwendete der Autohersteller AR der Fellbacher zur Digitalisierung einer neuen Montagehalle.

Der Vorteil einer AR-gestützten Inspektion von Bauwerkskonstruktionen, die per Scansystem leicht und mobil ist, liege buchstäblich auf der Hand, so Roland Simon. „Es ist immer noch üblich mit 2-D-Konstruktionsplänen durch Fabrikhallen zu gehen und grob zu vergleichen, ob Leitungen Schaltschränke, Pfeiler und so weiter am richtigen Platz sind.“

Wenn auch nur ein Pfeiler zehn Zentimeter an der falschen Stelle steht, die Montagelinie aber anhand der technischen Zeichnungen in 2 D installiert wird, bleibt schnell mal ein Roboterarm hängen und die Firmen riskieren dann womöglich einen Produktionsstillstand, der sie teures Geld kostet, erläutert Orhan Cicek. „Mit unseren AR-Lösungen können sie in 3 D überlagert zum realen Bauzustand sofort sehen, ob alles am richtigen Platz ist, etwas fehlt oder ob etwas nur leicht abweichend oder stark abweichend von den Plänen gebaut wurde. Auch aufgrund unterschiedlicher Farbmarkierungen unserer Software.“

Anwendungen im Maschinenbau, im Wareneingang und der Qualitätskontrolle

So war der Schritt hin zu AR-Anwendungen für eigentlich alle qualitätstechnischen Erfordernisse im Fahrzeug- und Maschinenbau nur logisch. „Wir bieten AR-Lösungen nicht nur für den Wareneingang, also die Bauteil-Kontrolle und -Abnahme, sondern auch für die Waren-End-Qualitätskontrolle oder die regelmäßige Überprüfung und Justierung von Greifern in Produktionslinien“, sagt Key-Account-Manager Murat Altuntas (37).

Greifer mussten früher immer umständlich aus den Linien genommen werden, um sie anderswo in einer aufwendigen Messinstallation regelmäßig zu überprüfen. Das gehe heute mit der AR-Software SuPAR von CDM Tech auf dem Tablet viel schneller, einfacher und kostengünstiger, nämlich direkt vor Ort an der Produktionslinie im Werk.

„Inspektionen können bequem online, etwa über Teams, in Echtzeit geteilt werden. Das ist in Coronazeiten auch Gold wert. Eine Abnahme beim Zulieferer ist dadurch auch viel einfacher“, sagt Altuntas.

Und der Schulungsaufwand sei viel geringer als bei herkömmlicher Messtechnik, ergänzt Roland Simon. „Die läuft ja heutzutage vielerorts noch per Augenabgleich mit der technischen 2-D-Zeichnung, unter Verwendung des Messschiebers und des Taschenrechners“, schmunzelt Simon.

Die Autohersteller haben bereits angebissen, aber CDM Tech musste gar nicht viel angeln gehen. Die Autohersteller seien auf Messen auf das Fellbacher Start-up aufmerksam geworden.

„Unser interaktives Qualitätsinspektionstool SuPAR haben wir zusammen mit BMW entwickelt“, sagt Kemal Gider. „Da waren mehrere Ingenieure beteiligt. Mittlerweile haben wir Lizenzen in verschiedenen Bereichen des Autoherstellers. Als Product-Owner und -Entwickler vergeben wir Lizenzen auch an andere Kunden.“ Mit SuPAR sei ein einfacher, schneller und visueller Soll-Ist-Vergleich direkt am realen Bauteil möglich. Und gleichzeitig werde eine intelligente Protokollierung durchgeführt.

Auch bei Porsche seien AR-Lösungen von CDM Tech bereits im Einsatz. Ein Konzern-Vertreter von Microsoft war schon zu Besuch in Fellbach. Sony habe sich ebenso gemeldet und Interesse bekundet.

„Wir sind am Wachsen“, sagt Geschäftsführer Cicek. „Seit Jahresbeginn haben wir sechs neue Leute eingestellt, darunter drei Softwareingenieure.“ CDM Tech hat bereits rund 20 Mitarbeiter, etwa die Hälfte arbeitet in Fellbach, die andere in Istanbul. „Wir sind auf der Suche nach neuen Betriebsräumen. Die in der Auberlenstraße in Fellbach werden langsam, aber sicher zu klein.“

Bei der Fußball-Fernsehübertragung „eingezeichnete“ Abstandspfeile etwa zum Freistoß-Punkt, die das reale Bild überlagern, das ist Augmented Reality (AR, erweiterte Realität) im alltäglichen Gebrauch. „Das bislang größte bekannte AR-Projekt Europas, wenn nicht sogar der Welt, haben wir 2019 mit unserer Software für den S-21-Infoturm am Stuttgarter Hauptbahnhof auf die Beine gestellt“, schwärmt Roland Simon, Kunden-Schulungsleiter der CDM Tech GmbH. BMW, Porsche, Daimler, Bosch, Microsoft,

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