Rems-Murr-Kreis

Aus Wut über Sozialen Pflichtdienst: Schülerin (17) aus Schwaikheim schickt Zornesbrief an Steinmeier

Pflichtsozialesjahr
Jona Dörr, 17 Jahre jung und politisch sehr aktiv, ärgert sich über Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. © ALEXANDRA PALMIZI

Sie hat einen Brief geschrieben, aus dem es Funken sprüht. Einen Brief an Frank-Walter Steinmeier, den Bundespräsidenten. Jona Dörr, eine 17 Jahre alte Schülerin aus Schwaikheim und definitiv kein Mensch, dem man soziale oder politische Faulheit nachsagen könnte, trägt seit Mitte Juni „Wut“ mit sich herum. Und sie dachte: „Dem sag' ich meine Meinung.“ Es geht um Steinmeiers Idee, eine soziale Pflichtzeit für junge Menschen einzuführen. Eine Antwort? Gab's bislang noch nicht.

„Warum wollen Sie über unseren Kopf und unser Leben hinweg entscheiden?“ Jona Dörr ist „entsetzt“. „Wieso fragen Sie als Politiker nicht uns Jugendliche, ob wir zu so etwas bereit sind?“ Um was geht's? In den offiziellen Pressemitteilungen des Bundespräsidenten ist nichts zu finden, was die 17-jährige Schülerin so hätte erzürnen können. Jona Dörr reagiert auf das „exklusive Interview“, das Frank-Walter Steinmeier der Bild am Sonntag gegeben hatte. Am 12. Juni wurde es veröffentlicht. Die Überschrift: „Steinmeier will den Pflichtdienst. Statt Wehrpflicht oder Zivi: Was sich der Bundespräsident darunter vorstellt.“ Die Tagesschau veröffentlichte am gleichen Tag auf ihrer Homepage: „Für stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt wünscht sich der Bundespräsident eine Debatte über eine soziale Pflichtzeit.“

„Warum wollen Sie uns zu etwas zwingen?“, fragt Jona. „Glauben Sie wirklich, dass man durch Zwang das Gemeinwohl und die Gemeinschaft stärken kann?“ Jona Dörr übrigens – noch geht sie in die 11. Klasse und hat ein weiteres Jahr Schule vor sich – hat schon jetzt geplant, nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. Unbedingt! Es ist ihr ein Anliegen. Sie will in eine Gedenkstätte für Opfer des Nationalsozialismus, zum Beispiel in ein KZ. Oder sie will in Sachen Rassismus aufklären. Sie arbeitet schon bei der Amadeu-Antonio-Stiftung im Projekt „demo:create“ und produziert „TikToks“: einminütige Aufklärungsfilme für mehr Demokratie. Bei „Jugend wählt“, einer überparteilichen Initiative von jungen Menschen aus ganz Deutschland, kämpft sie für ein Wahlalter ab 16. Und sie schreibt bei „Mitmischen.de“, einem Portal des Deutschen Bundestags für junge Menschen.

Aber wenn sie doch so engagiert ist, wieso regt sie sich dann über den Wunsch des Bundespräsidenten auf, andere zum Engagement zu nötigen? Weil er damit allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen „Egoismus und Desinteresse an der Gesellschaft“ bescheinige. Weil sich kein junger Mensch von Politikern und Politikerinnen vorschreiben lassen wolle, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Weil Steinmeier mit seinen Formulierungen, dass es wichtig sei, den eigenen Horizont zu erweitern und verschiedene Sichtweisen kennenzulernen, die Jugend mal wieder als „dumm, naiv und erfahrungslos“ darstelle. Ja, sagt Jona, es sei immer gut, aus der eigenen „Blase“ rauszukommen. Aber es sei nicht gut, dazu gezwungen zu werden.

Junge Menschen, sagt Jona, hätten in den letzten Jahren immer zurückstecken müssen. In der Pandemie hätten sie, zum Schutz der Älteren, soziale Kontakte auf null heruntergefahren. Weil in der Pandemie auch die Schulen geschlossen waren, hätten die jungen Menschen jetzt mit einem „erheblichen Bildungsdefizit“ zu kämpfen. Doch berücksichtige das irgendjemand? Frage irgendjemand ernsthaft und mit Konsequenzen danach, dass das Schulsystem überhaupt – ganz unabhängig von Corona – veraltet sei, dass die Schulen marode seien und dass es nicht genügend digitale, mobile Endgeräte gebe, dass es an Lehrerinnen und Lehrern mangele und dass die Jugend in eine Zukunft blicke, die mit dem Synonym Katastrophe beschrieben werden könne? „Wen interessiert es, dass wir negative Zukunftsaussichten haben? Richtig: Niemand! Durch Krieg, Inflation und den Klimawandel werden diese doch noch verstärkt! Für die heutigen Jugendlichen ist Krise das neue Normal.“

Steinmeier kenne diese Fakten, schreibt Jona in ihrem Brief. Und sie fragt: „Ihre Antwort auf Zukunftsangst junger Menschen ist dann die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs?!“

Oder soll dieses Jahr nicht vielmehr dazu dienen, die Defizite überall dort, wo es um das Miteinander von Menschen geht – in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Kitas, Obdachlosenheimen –, zu kaschieren? Jugendliche als große Ressource an billigen Arbeitskräften, die die Lücken im System füllen? Auf dass sich im System nie etwas ändert? „Ethisch ist das nicht verantwortungsbewusst!“

Jona bohrt noch tiefer auf der Suche nach der Ethik in unserer Gesellschaft. Das Gemeinwohl, sagt Steinmeier, müsse gestärkt werden? Da könne man sich doch auch mal andere gesellschaftliche Gruppen anschauen. „Zum Beispiel Vorstandsvorsitzende von DAX-Unternehmen. Denn die Frage ist doch: Welchen Mehrwert leisten sie für diese Gesellschaft?“

Jona fordert: Die Gesellschaft müsse Wege diskutieren, „wie wir mehr Gemeinschaftsgefühl und Verantwortungsbewusstsein schaffen“. Sie verlangt von Steinmeier: An dieser Diskussion sollen junge Menschen mitbeteiligt sein. „Eine Gemeinschaft sollte von einer Gemeinschaft getragen werden.“ Müssten junge Menschen die soziale Pflichtzeit leisten, wie sie jetzt diskutiert wird, würde die Gemeinschaft aber von einer Gruppe getragen, „die sich nicht wehren kann“.

Jona wird noch ein paar Tage auf eine Reaktion des Bundespräsidenten warten. Kommt nichts, wird sie ihm nochmals schreiben. Im Brief wird stehen: „Hej, ich hätte gerne eine Antwort!“ Zur Not fährt sie dann auch nach Berlin.

Sie hat einen Brief geschrieben, aus dem es Funken sprüht. Einen Brief an Frank-Walter Steinmeier, den Bundespräsidenten. Jona Dörr, eine 17 Jahre alte Schülerin aus Schwaikheim und definitiv kein Mensch, dem man soziale oder politische Faulheit nachsagen könnte, trägt seit Mitte Juni „Wut“ mit sich herum. Und sie dachte: „Dem sag' ich meine Meinung.“ Es geht um Steinmeiers Idee, eine soziale Pflichtzeit für junge Menschen einzuführen. Eine Antwort? Gab's bislang noch nicht.

„Warum

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