Rems-Murr-Kreis

Backnanger Schlachtbetrieb Kühnle: Videoauswertung von wegen „Elektroschocker“

Schlachthof
Symbolbild aus einer unbestimmten Schlachterei. © Benjamin Büttner

Nicht alle Vorwürfe gegen den Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang wurden von der ARD-Sendung Report Mainz am 23. August 2022 thematisiert. Einer dieser Vorwürfe, die von dem Soko Tierschutz e.V. erhoben werden, betrifft den behaupteten exzessiven und angeblich illegalen Einsatz von elektrischen Treibhilfen im Zutrieb der Rinder in die Betäubungsfalle. Von „Falschmeldungen“, die nicht wiederholt und verbreitet werden dürften, sprechen die Anwälte des Unternehmens Kühnle und bitten um Geduld zwecks gutachterlicher Beurteilung.

„Um die Aufklärung zusammen mit unabhängigen Gutachtern verlässlich und in Ruhe vornehmen zu können, wurde der Schlachtbetrieb aus freier unternehmerischer Entscheidung ausgesetzt (geschlossen, Anm. d. Red; Fleischwaren im Verkauf in den mehr als ein Dutzend Metzgerei-Filialen kommen vorerst von einem anderen regionalen Schlachtbetrieb)“, schreibt der Kölner Rechtsanwalt Dr. Jörn Claßen. Zusätzlich habe sich die Metzgerei Kühnle für eine unabhängige Begutachtung des gesamten Schlachtbetriebs, also sämtlicher Anlagen und Abläufe sowie der baulichen Gegebenheiten, entschieden.

„Unsere Mandantin wird alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um mögliche Fehler für die Zukunft mit Sicherheit auszuschließen. Vor diesem Hintergrund bitten wir um Ihr Verständnis, dass vor der Beantwortung von Detailfragen die verlässliche Aufklärung sowie die gutachterliche Bewertung der möglichen langfristigen Maßnahmen steht“, so Claßen.

Die Metzgerei Kühnle sei ein Familienunternehmen in vierter Generation, trage Verantwortung für rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und werde auch in Zukunft „für Produkte und Waren von höchster Qualität stehen.“ Um dieser Verantwortung und diesem eigenen Anspruch gerecht zu werden, könnten nun „keine übereilten oder oberflächlichen Antworten“ auf Presse-Anfragen gegeben werden.

Tierschützer behaupten: „200-mal mit E-Schocker zugestochen“

Der Soko Tierschutz e.V. verbreitet weiterhin sowohl auf seiner Homepage als auch bei Facebook folgenden Vorwurf, der auch von Tierrechtsaktivisten bei Protest-Mahnwachen in Backnang am Freitag (26. 8.) kolportiert wurde: Mitarbeiter des Schlachthofes hätten „bis zu 200-mal hintereinander mit einem E-Schocker“ zugestochen. Dabei sei auch „auf die Genitalien und das Euter gezielt“ worden.

Die Stellungnahme der Anwälte von Kühnle zu dieser Behauptung

Im Auftrag von Kühnle hält Rechtsanwalt Dr. Jörn Claßen folgendermaßen dagegen: „Es ist wie gesagt falsch, dass angeblich Tiere bis zu 200-mal mit einem elektrischen Treiber gestochen worden seien. Der auf den Aufnahmen überwiegend zu sehende Treiber führte keinen Strom. Die Treibhilfe wurde von einer Fachfirma dergestalt umgerüstet, dass keine elektrischen Impulse ausgelöst werden können. Diese Treibhilfe wurde im Übrigen abgestumpft; die Tiere werden also nicht ‘gestochen’. Wir gehen zudem nicht davon aus, dass Mitarbeiter auf Genitalien und Euter ‘gezielt’ haben. Auch hier werden die Aufnahmen aber noch ausgewertet.“

Schon in einer früheren Stellungnahme hatte die Kölner Anwaltskanzlei Brost Claßen zu der angeblich nicht elektrifizierten Treibhilfe erläutert: „Damit die stromlose Variante optisch erkennbar ist, wurde diese vom Griff abwärts in der Farbe Grün ummantelt.“ Außerdem sei der Einsatz eines elektrischen Viehtreibers nicht grundsätzlich illegal. „Auch nach Auffassung der zuständigen Behörde lässt sich ein Einsatz beim Zutrieb nicht vollständig vermeiden.“

Wenn elektrische Treibhilfen verwendet worden seien, dann unter Aufsicht von Mitarbeitern der zuständigen Veterinärbehörde „nur bei gesunden und unverletzten über einem Jahr alten Rindern und über vier Monate alten Schweinen“, und auch nur bei solchen, „die die Fortbewegung im Bereich der Vereinzelung vor oder während des unmittelbaren Zutriebs zur Betäubungsfalle verweigern“, so die Anwaltskanzlei Brost Claßen.

Das sagt das Veterinäramt zum Thema elektrische Treibhilfen

„Elektrische Treibhilfen sind gemäß § 5 Tierschutzschlachtverordnung grundsätzlich zulässig, aber die Anwendung ist limitiert“, sagt Dr. Thomas Pfisterer, Leiter des zuständigen Veterinäramts des Rems-Murr-Kreises. Elektrische Treibhilfen seien zudem nur an geeigneten Stellen des Körpers, zum Beispiel an der Keule, also der Hüfte der Tiere, einzusetzen und nie dauerhaft, sondern „nur im Ausnahmefall, wenn ein Tier zum Beispiel besonders störrisch ist“, sagt Pfisterer.

Deswegen seien auf den geheimen Videoaufnahmen des Soko Tierschutz e.V. im Schlachtbetrieb Kühnle „auch Veterinäre von uns zu sehen, die auch mal danebenstehen und auf einer Kladde etwas notieren und dokumentieren. Da erfassen sie, was für Treibhilfen werden angewendet, warum und wie oft“, so Pfisterer.

Schaffte ein Veterinär unzulässigerweise im Zutrieb der Rinder mit?

Dem Vorwurf, der mit Videoaufnahmen belegt werden soll, ein Veterinär hätte im Schlachtbetrieb in Backnang nicht nur kontrolliert, sondern auch mal selbst die elektrische Treibhilfe gegen Rinder eingesetzt, was als Kontrolleur von Amts wegen unzulässig wäre, geht das Veterinäramt gerade nach. Erst seit Freitag (26. 8.) liegen dem Amt umfangreiche Videoaufnahmen mit Ton vor. „Die Auswertung dauert noch eine geraume Zeit“, sagt Martina Keck, Pressesprecherin der Landkreisverwaltung.

Was auf Videoaufnahmen zu sehen ist: Treibhilfen – elektrifiziert oder nicht?

Insgesamt haben Tierrechtsaktivisten von Mai bis Juli 2022 an acht Schlachttagen geheime Filmaufnahmen bei Kühnle im Backnang gemacht. Dieser Zeitung wurde am Donnerstag (25. 8.) Videomaterial vom Soko Tierschutz e.V. zugeschickt. Es handelt sich um selektiv für die Medien zusammengeschnittene Szenen, die nicht zwangsläufig den normalen Ablauf des Zutriebs und der Schlachtung zeigen. Alle Personen sind durch Verpixelung unkenntlich gemacht.

Nach sehr blutigen Szenen, die mutmaßliche Fehlbetäubungen, panisch zappelnde und quiekende Schweine und sich auch noch nach der Betäubung bewegende Rinder und mangelhafte Kehlenschnitte zeigen, geht es ab circa Minute 19:30 des Video-Zusammenschnittes um den Zutrieb der Rinder zur Betäubungsfalle. Hier sind vor allem im Zutriebgang stehen bleibende Rinder zu sehen. Entweder weil zwei nebeneinander nach vorne drängen und im Gang „stecken bleiben“ oder Einzeltiere, die schlichtweg nicht weiter wollen und die Fortbewegung verweigern. Diese werden von den Schlachthofmitarbeitern „bearbeitet“, um sie zum Weiterlaufen in die Betäubungsfalle und in den Schlachttod „zu motivieren“. Zum Einsatz bringen die Mitarbeiter dabei Treibhilfen.

Teilweise mechanische, die aussehen wie Paddel (Stöcke mit hohlem Plastikaufsatz). Tiere werden damit zum Beispiel auf Hinterteil und Kopf geschlagen. Sonderlich beeindruckt zeigen sich die Rinder davon nicht und verharren weiter im Zutriebgang.

Elektrische Treibhilfen und wahrscheinlich nur angeblich elektrische Treibhilfen. Die These der Kühnle-Anwälte, dass die grün ummantelten Treibhilfen keinen Strom führen, wird mutmaßlich gestützt dadurch,

  • dass nur beim Einsatz der nicht grün ummantelten Treibhilfen elektrische Entladungen auf der Haut der Tiere als lautes Knacken zu hören sind,
  • dass beim Einsatz der grün ummantelten Treibhilfen die Tiere sich trotz teils lang andauerndem Herumgestochere auf ihr Hinterteil zunächst nicht bewegen und sich erst beim nachfolgenden Einsatz einer nicht grün ummantelten Treibhilfe sprunghaft bewegen, so als hätten sie erst jetzt elektrische Schläge bekommen.
  • In einer Videoszene etwa ab Minute 28 stochert ein Mitarbeiter rund 200-mal mit einer grün ummantelten Treibhilfe auf ein stehen bleibendes Rind ein.

Viele der zusammengeschnittenen Szenen offenbaren rein subjektiv beurteilt nicht zwangsläufig geflissentliche „Tierquälereien“, sondern häufig eher die Hilflosigkeit der Mitarbeiter des Schlachtbetriebs angesichts renitenter Rinder, die verständlicherweise nicht im Geringsten gewillt sind, freiwillig in den Tod zu trotten, weil sie die Lebensgefahr ja wittern.

Klapse mit dem Treibpaddel auf das Hinterteil, den Kopf und das Gesicht oder Zurufe wie „Auf!“, „Komm!“, „Hopp!“, „Jetzt komm, lauf doch schon nei!“ oder „Los, Süße!“ allein bewegen die Tiere mitunter gar nicht. Nur Gestochere auf den Tierkörper mit der grün ummantelten Treibhilfe oder eben letztlich wiederholte „elektrische Schläge“. Und selbst das nicht immer sofort. Mehrfach gehen Kühe vor und zurück, wehren und empören sich mit lautem Gemuhe, treten aus.

Dabei sind auch „Stiche“ auf die Euter und Weichteile zu vermuten, eindeutig zu sehen jedoch sind sie auf den Videoaufnahmen nicht. Denn: Die geheime Kamera filmt von schräg oben über die Kühe zum Mitarbeiter hin. Mitunter geht Treibhilfen-„Gestochere“ jedoch verdächtig nach schräg unten in nicht sichtbare Bereiche.

Letztlich müssen Gutachter, Spezialisten und Juristen die Videoaufnahmen beurteilen. Auch den mutmaßlichen Einsatz eines kleineren „E-Schocker“-Handgeräts gegen Schweine, wie er in den Videozusammenschnitten rund um die Minuten 18:30 und 19:35 zu sehen sein scheint.

Eine automatische Zutriebanlage soll 2023 Verbesserungen bringen

Die Metzgerei Kühnle hat via ihre Anwälte verkündet, dass „nach intensiver und langer Suche“ ein Unternehmen gefunden werden konnte, „welches zusagte, eine neue Rinderfalle mit automatischem Zutrieb bis Februar 2023 zu liefern“. Ein automatischer Zutrieb für die Rinder könnte wahrscheinlich den Einsatz von Klapsen, Schlägen, Stichen und Elektrostößen stark reduzieren oder sogar unnötig machen.

Wie die Anlage dann konkret funktionieren soll, darüber war leider noch nichts in Erfahrung zu bringen.

Nicht alle Vorwürfe gegen den Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang wurden von der ARD-Sendung Report Mainz am 23. August 2022 thematisiert. Einer dieser Vorwürfe, die von dem Soko Tierschutz e.V. erhoben werden, betrifft den behaupteten exzessiven und angeblich illegalen Einsatz von elektrischen Treibhilfen im Zutrieb der Rinder in die Betäubungsfalle. Von „Falschmeldungen“, die nicht wiederholt und verbreitet werden dürften, sprechen die Anwälte des Unternehmens Kühnle und

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