Rems-Murr-Kreis

Bauarbeit heute: wie Computerspielen - Bildungszentrum Bau Geradstetten wird 50

AZ Bau
Training mit Maschine: Das Bildungszentrum Bau in Geradstetten. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Baubranche boomt. Die Nachwuchsrekrutierung aber wird in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger und schwieriger. Eine Schlüsselrolle dabei spielt das Bildungszentrum Bau in Geradstetten. Dort offenbart sich auch, wie fundamental die Arbeit auf dem Bau sich verändert hat - manchmal gleicht sie einem Computerspiel.

Davon, dass die Baubranche Konjunkturprobleme hätte, wie zu Zeiten des Einstiegs von Martin Kleemann als Leiter des Bildungszentrums Bau in Geradstetten vor mehr als 30 Jahren, kann keine Rede mehr sein. Nun, da das offiziell seit 1. April von Dewi Lloyd Evans geleitete Zentrum sein 50-jähriges Bestehen feiert, brummt die Bauwirtschaft – vom Tief- und Straßenbau bis zur energieeffizienten Modernisierung.

Was es damals wie heute gab, ist die Sorge, genügend personellen Nachwuchs zu rekrutieren und auf die immer anspruchsvoller werdenden Anforderungen im Baugewerbe vorzubereiten. Dabei sind neben der betrieblichen und schulischen auch die überbetriebliche Aus-, Fort- und Weiterbildung, wie sie in Geradstetten geleistet wird, unverzichtbare Bestandteile.

Baugeräteführer: „Wie Computerspielen, nur in echt“

„Ich bin froh, etwas geschaffen zu haben, das von der Branche als wertvoll angesehen wird“, sagt Martin Kleemann, der die im Herbst 1972 als erste ihrer Art in Baden-Württemberg eröffnete Einrichtung von 1990 an geleitet hat. Die Zahl der Auszubildenden, die auf drei Ausbildungsjahre und auf Blöcke von jeweils zwei, drei Wochen verteilt insgesamt 39 Wochen im Bildungszentrum zubringen, erhöhte sich schnell von anfangs 200 auf 1500 in den 1980er Jahren. Ein anhaltender Trend, der dazu führte, dass ab Ende der 1970er Jahre weitere Ausbildungszentren entstanden, die, so erzählt es Kleemann, zunächst alle mehr oder weniger dasselbe Angebot machten.

Mit der Zeit hätten sich die Zentren mehr und mehr Mühe gegeben, ihr Profil zu schärfen. In Geradstetten, wohin zunächst alle künftigen Straßenbauer des Landes kamen, steht heute die Ausbildung angehender Baugeräteführer aus ganz Baden-Württemberg im Mittelpunkt. Speziell dieser Job erfreut sich bei Jugendlichen steigender Nachfrage. Hochtechnologisierte und -digitalisierte Baugeräte zu führen, sei „wie Computerspielen, nur in echt“, hat ein Auszubildender mal zu Kleemann gesagt.

Es gibt aber auch einen ganz anderen Trend, wie ein Blick auf die diesjährigen Abschlüsse im Bereich der IHK und Handwerkskammer zeigt: Zu etwa 100 Straßenbauern und 150 Baugeräteführern gesellen sich gerade einmal vier Maurer.

Übrigens: Eine Ausbildung im Baugewerbe kann auch für junge Frauen attraktiv sein. Wie heißt es doch in der Festschrift zu 50 Jahre Bildungszentrum Bau: „Da auf den Baustellen heute modernste Maschinen und digitale Technologien zum Einsatz kommen, die weniger Muskelkraft, sondern vielmehr breites Fachwissen erfordern, eröffnet eine Ausbildung am Bau auch für Mädchen hochinteressante Perspektiven.“

Moderne Anforderungen: von Lasertechnik bis Satelliten-Navigation

Vieles hat sich verändert in 50 Jahren: Lag anfangs der Schwerpunkt noch auf dem Hochbau und auf den Berufsbildern Maurer, Betonbauer und Straßenbauer, so liegen die Anforderungen an die Bauwirtschaft mittlerweile verstärkt im Tiefbau und beim Erhalt der marode gewordenen Infrastruktur – in Kombination mit dem, was heute umweltpolitisch gefordert ist.

Der Umgang mit modernen Medien und Technologien bis hin zu Lasertechnik und Satellitennavigation ist zur Selbstverständlichkeit geworden, nicht nur beim Führen und Beherrschen von technisch hochkomplexen Maschinen, sondern auch beim Koordinieren einer Baustelle, womit sich in ihren mehrwöchigen Fort- und Weiterbildungen vor allem Vorarbeiter und Poliere auseinandersetzen müssen. Wobei der Aufenthalt im Bildungszentrum weder für die jugendlichen Auszubildenden noch für die Erwachsenen ein Zuckerschlecken ist. Es gilt wie im Betrieb eine geregelte 40-Stunden-Woche mit klaren Strukturen, die schon manchen zum Bekenntnis verleitet haben: Er sei froh, wenn er wieder in seiner Firma arbeiten könne.

Leben im Bau-Internat: Sozialarbeiter als Betreuer

Bei den jugendlichen Auszubildenden kommt erschwerend hinzu, dass sie größtenteils auch ihre Freizeit und ihre Nächte in der Einrichtung verbringen (müssen). Vor Corona konnten im Gästehaus in den 48 Dreibettzimmern annähernd 150 Azubis untergebracht werden, seit Corona stehen noch knapp 100 Übernachtungsplätze zur Verfügung. Betreut werden die Jugendlichen von Sozialarbeitern. Keine einfache Aufgabe, rund 100 Jugendliche gleichzeitig zu hüten und nie ganz zu vermeidende Konflikte zu entschärfen, räumt Evans ein.

Dass die Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, schulisch und von ihrem sozialen Hintergrund her, ins Bildungszentrum kommen, war für Martin Kleemann nie ein Problem. Weil die Berufsschulen das Problem genauso hätten und weil die meisten von dem, was ihnen in Geradstetten beigebracht werde, ohnehin noch nichts gehört und gesehen hätten. „Die jungen Menschen sollen alle Inhalte des Baugewerbes einmal erlebt haben“, beschreibt Kleemann den durchaus universellen Anspruch des Bildungszentrums.

Ein vielfältig attraktives Berufsbild

Gleichwohl: Die Zeiten, da sich Jugendliche für einen Beruf im Baugewerbe entschieden haben, weil ihnen nichts Besseres eingefallen ist und die Ausbildungsvergütung vergleichsweise gut war, sind aus Sicht von Martin Kleemann vorbei. Er hat in den letzten Jahren zunehmend den Eindruck gewonnen, dass sich Jugendliche bewusst für eine Ausbildung in der Bauwirtschaft entscheiden und daran Spaß haben.

Zumal, ergänzt Evans, der Job überwiegend im Freien und im Team stattfinde und nach wie vor so gut bezahlt sei. Außerdem sehe man jeden Abend, was man geschafft hat. Und die Karrierechancen seien auch nicht schlecht, meint Kleemann mit Blick vor allem auf die mittlere Führungsebene.

Und nicht zu vergessen: Niemand muss sich bei dem, was es in der Vergangenheit auch an politischen Versäumnissen im Bereich Wohnungsbau, Instandhaltung von Infrastruktur und innovativer Technologie gegeben hat, um mangelnde Beschäftigung sorgen. Da muss man nicht zwingend in einer Firma arbeiten, die sich auf die Erstellung von Masten für Windräder spezialisiert hat und jetzt womöglich auch wieder verstärkt ins Geschäft kommt.

Aber was, wenn die Rohstoffe knapp werden? „Dann müssen wir mit dem bauen, was man hat“, sagt Evans. Was heißt: mehr Bauen im Bestand und verstärkte Wiederverwertung und -verwendung von Materialien.

Die Baubranche boomt. Die Nachwuchsrekrutierung aber wird in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger und schwieriger. Eine Schlüsselrolle dabei spielt das Bildungszentrum Bau in Geradstetten. Dort offenbart sich auch, wie fundamental die Arbeit auf dem Bau sich verändert hat - manchmal gleicht sie einem Computerspiel.

Davon, dass die Baubranche Konjunkturprobleme hätte, wie zu Zeiten des Einstiegs von Martin Kleemann als Leiter des Bildungszentrums Bau in Geradstetten vor mehr

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