Rems-Murr-Kreis

Belegschaft „zwischen Angst und Wut“: Große Sorgen bei Syntegon (vormals Bosch Packaging) in Waiblingen

Syntegon Bosch
Am Mittwoch bei Syntegon in Waiblingen: Protest-Umzug von Teilen der Belegschaft auf dem Werksgelände. © privat

Die Lage fühle sich „beschissen“ an, die Belegschaft sei „ziemlich stinkig“, die Stimmung schwanke „zwischen Angst und Wut“: Betriebsrat und Vertrauenskörper bei Syntegon in Waiblingen – vormals Bosch Packaging Technology – machen sich große Sorgen. Schon wieder, muss man nach Jahren voller Ungewissheit und Aufgewühltheit wohl sagen.

Erst im Januar war aus Bosch Packaging Technology mit Hauptsitz Stuttgarter Straße in Waiblingen offiziell Syntegon geworden: Bosch hatte die Verpackungssparte an die luxemburgische Investorengruppe CVC verkauft. Mit dem Neustart unter neuem Namen verbanden sich bei den Beschäftigten durchaus Hoffnungen – die derzeit schweren Zweifeln weichen.

Um dieses Wechselbad der Gefühle in der Belegschaft zu verstehen, muss man die Vorgeschichte Revue passieren lassen.

Wie Bosch sich von der Verpackungssparte löste

Anfang der 2000er Jahre baute Bosch den Verpackungssektor massiv aus, maßgeblich über den Erwerb anderer Unternehmen. Es wirkte, als sehe Bosch hier ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld.

2015 aber kündigte Bosch an, die Verpackungstechnik in eine rechtlich eigenständige GmbH ausgliedern zu wollen, und setzte den Plan 2017 um. Damals schon brodelten Gerüchte: Dies sei der erste Schritt, um einen Verkauf vorzubereiten.

Im November 2016 folgte ein zweites Warnsignal: Bosch Packaging Technology kündigte die Streichung von Arbeitsplätzen in Waiblingen an. Betroffen: Stellen im Bereich Nahrungsmittelverpackung. Der Fokus solle künftig stärker auf Maschinen für Pharmakunden gelegt werden. Der Personalstand im Werk Waiblingen sank von ehemals 1000 auf etwa 850.

Aus Bosch Packaging wurde Syntegon – Hoffnung keimte

Im Juli 2018 dann der Schock: „Nach intensiver und gründlicher Prüfung aller strategischen Optionen“, vermeldete eine Pressemitteilung in kühlem Management-Jargon, habe Bosch beschlossen, das Geschäft mit Verpackungsmaschinen abzustoßen. Von „wahnsinnigem Frust“ berichteten Gewerkschafter damals. Viele, hieß es, fühlten sich förmlich vom Hof gejagt – „Bosch verstößt seine Kinder“.

Aber bald keimten auch Hoffnungen: Haben wir, so fragten manche Betriebsräte, nicht oft genug geklagt über die Unbeweglichkeit des Mutterschiffs? Vielleicht bekommen wir unter einem neuen Eigner endlich die Chance, zu zeigen, was wir können.

Und immerhin versprach Bosch, man werde die Belegschaft in eine gute Zukunft entlassen und als Käufer jemanden auswählen, der es ernst meint mit dem Unternehmen. „Alle rund 6100 Mitarbeiter“ rund um die Welt „sollen übernommen werden“, wenn ein neuer Besitzer feststeht, kündigte der Konzern via Pressemitteilung an.

Der Betriebsratsvorsitzende Matthias Ihl erinnert sich: Nach der Verkaufsankündigung sei er „zwei Wochen lang megatraurig“ gewesen – dann aber habe er gedacht: „Das kann auch eine Chance sein. Vielleicht kann ja was Geniales draus werden.“

Schließlich verkaufte Bosch an den Investor CVC – und im Januar 2020 war es so weit: Die Packaging Technology wurde offiziell umgetauft in Syntegon. Der „Day one“ wurde spektakulär zelebriert: Es gab eine Live-Übertragung an alle Standorte weltweit, der Slogan „feel at home“ – fühl dich bei der Arbeit wie zu Hause – ging um. Ihl fand die Show „peppig“, es roch nach Aufbruchstimmung. Vielleicht würde man jetzt wirklich „durchstarten“.

Für den Zeitungsartikel damals diktierte die Geschäftsführung unserer Reporterin in den Block: Die Firmenzentrale von Syntegon bleibe in Waiblingen, der Standort werde sogar noch ausgebaut werden, auch die weiteren Standorte in Deutschland würden nicht verlagert. Man sei jetzt ein „komplett eigenständiges Unternehmen“ und „schneller und flexibler“ als zu Bosch-Zeiten.

„Gerade zehn Monate“ sei das her, sagt Ihl heute – von seiner Zuversicht sei nicht mehr viel übrig.

Wie bei den Beschäftigten von Syntegon die Hoffnung der Sorge wich

Die Belegschaft, erinnert sich Ihl, sei zunächst hoch motiviert gewesen. Der Betriebsrat startete eine Aktion „Post an die Chefetage“, sammelte bei den Beschäftigten Verbesserungsvorschläge zu betrieblichen Abläufen und schickte die Ideen-Mappe ans Management. Das sei „gefühlt gut aufgenommen“ worden.

Dann aber kam eine irritierende Meldung; im August wurde bekannt, dass Syntegon einen großen Teil seines Standortes in Viersen, Nordrhein-Westfalen, an die Schweizer Rotzinger Group verkaufe. Ab 2021 soll das Werk dort Hansella heißen. Das, sagt Ihl, „war der erste Einschlag“.

Und nun stehen offenbar auch in Waiblingen Veränderungen an: Ein Teil der hiesigen Belegschaft – die Kartonierer-Abteilung nämlich – solle zwar vor Ort bleiben, aber in eine eigene Gesellschaft ausgelagert werden. Wird der Standort Waiblingen „verhackstückt? Das ist unsere Befürchtung.“

Was nun genau passiert, „steht alles in den Sternen“, sagt Ihl. Aber nach den äußerst unerquicklichen Erfahrungen der vergangenen Jahre ist die Nervosität im Betrieb nachvollziehbarerweise enorm.

In der Belegschaft schimpfen jetzt manche auf Syntegon – und andere immer noch auf Bosch. Was, fragen viele, wird aus den schönen Versprechen, die Bosch zum Abschied gemacht hat? Viele fühlen sich „betrogen“, sagt Ihl. „Die Enttäuschung ist groß.“ Es gehe hier schließlich „nicht nur um Maschinen – hinter den Maschinen stehen Menschen“.

Die Lage fühle sich „beschissen“ an, die Belegschaft sei „ziemlich stinkig“, die Stimmung schwanke „zwischen Angst und Wut“: Betriebsrat und Vertrauenskörper bei Syntegon in Waiblingen – vormals Bosch Packaging Technology – machen sich große Sorgen. Schon wieder, muss man nach Jahren voller Ungewissheit und Aufgewühltheit wohl sagen.

Erst im Januar war aus Bosch Packaging Technology mit Hauptsitz Stuttgarter Straße in Waiblingen offiziell Syntegon geworden: Bosch hatte die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper