Rems-Murr-Kreis

Betriebsratswahl bei Kärcher: Liste Teichmann klarer Sieger, IG Metall verliert

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Betriebsratswahl 2022: Die Mehrheitsverhältnisse in der Kärcher-Arbeitnehmervertretung haben sich verschoben. © Benjamin Büttner

Die Zeiten, da es aussah, als gewinne die IG Metall immer mehr Einfluss bei Kärcher, sind vorbei: Bei der Betriebsratswahl diese Woche hat die gewerkschaftsnahe Gruppe ihr gutes Ergebnis von vor vier Jahren nicht halten können. Die Liste um Betriebsratschef Michael Teichmann landete einen klaren Sieg. Teichmann darf sich in seinem Kurs bestätigt fühlen,

Die Sitzverteilung: Der Blickwinkel schrumpft

1232 gültige Stimmen wurden abgegeben. Davon entfielen 856 – oder 69,5 Prozent – auf die Teichmann-Liste „Die Zukunft gestalten“ und 376 – oder 30,5 Prozent – auf die Liste „Neuer Blickwinkel/IG Metall“. Das macht 13 Sitze für Teichmann & Co, hingegen nur sechs für das gewerkschaftsnahe Team. Wahlbeteiligung: 53,9 Prozent,

Dieses Ergebnis entfaltet sein volles Aroma erst vor dem Hintergrund einer Vorgeschichte, die bis 2010 zurückreicht.

Die Wahl 2010: Bei Kärcher bricht eine neue Zeit an

2010 gab es beim Traditionsunternehmen Kärcher – das nicht dem Arbeitgeberverband angehört, nicht tarifgebunden ist und immer seinen eigenen, intern „Kärcher-Kultur“ genannten Weg ging – eine kleine Revolution: Erstmals bei einer Betriebsratswahl traten verschiedene Listen an mit konkurrierenden Konzepten.

Die Liste um Hans-Jörg Ziegler, zu der auch Bianka Hessel und Cumhur Kir gehörten, wollte „mehr Mitsprache“ durchsetzen; und gewann.

Das Bündnis aber bröselte bald. Hessel und Kir fanden den Betriebsratsvorsitzenden Ziegler zu untertänig gegenüber der Geschäftsführung, bemängelten, dass es keine richtigen Betriebsversammlungen gebe, und wandten sich um Hilfe an die IG Metall – Ziegler hingegen wollte keinen gewerkschaftlichen Einfluss im Haus und verkündete: „Wir brauchen keine dritte Macht!“

Nach der Wahl 2014 lag eine Zeitenwende in der Luft

Bei der Betriebsratswahl 2014 traten Kir und Hessel mit einer eigenen Liste gegen Ziegler und sein Mehrheitsteam an, holten überraschend sechs der 19 Sitze; und brachten fortan die Verhältnisse zum Tanzen: Erstmals fand eine richtige Betriebsversammlung statt, mit Gewerkschaftsredner. Und Team Kir/Hessel feierte auch diverse juristische Siege – unter anderem erklärte das Landesarbeitsgericht eine Betriebsvereinbarung, die Minderheitenrechte der gewerkschaftsnahen Opposition beschnitt, für „rechtsmissbräuchlich“ und „unwirksam“.

Plötzlich schien alles möglich: Manche glaubten, irgendwann werde die von der IG Metall unterstützte Liste die Betriebsratsmehrheit erlangen – und am Ende werde Kärcher womöglich in den Arbeitgeberverband eintreten und unter den Tarifmantel schlüpfen müssen.

Wahl 2018: Ein Sieg, der sich als Niederlage entpuppt

Vor der Betriebsratswahl 2018 gab es einen in dieser Vitalität und kontroversen Offenheit nicht nur bei Kärcher noch nie da gewesenen, sondern auch in anderen Betrieben selten gesehenen Wahlkampf mit Flyern, Plakaten, Veranstaltungen. Nicht weniger als fünf konkurrierende Listen traten an; 21 Sitze waren diesmal zu vergeben.

Das vormalige Team von Hans-Jörg Ziegler – er selber war nicht mehr dabei – zerfiel in zwei Listen um Martin Föll einerseits und Stefan Ostermeier andererseits. Ihr äußerst mäßiges Ergebnis: drei beziehungsweise zwei Sitze. Ebenfalls nur drei Sitze gingen an die Liste um Uwe Bareiß.

Die ganz neue Liste „Pro!Aktiv“ – am Start unter anderem mit acht Gruppenleitern, einem Teamleiter, einem Abteilungsleiter und dem Argument, dass „Führungskräfte im Betriebsrat die Vielfalt bereichern“ – holte hingegen aus dem Stand fünf Sitze. Ihr Kopf: Michael Teichmann.

Die von der IG Metall unterstützte Liste „Blickwinkel“ aber ergatterte acht Sitze. Oberflächlich sah das aus wie ein Sieg.

In Wahrheit war es eine Niederlage. Denn die vier anderen Listen waren geeint in ihrer Skepsis gegenüber der Gewerkschaft – und damit stand es nach Sitzen nun acht zu dreizehn. Bei der Wahl des Betriebsratsvorsitzenden gab es für den „Blickwinkel“ nichts zu erben: Cumhur Kir unterlag gegen Teichmann; und zog danach auch noch bei der Vize-Kür den Kürzeren gegen Bareiß.

Ein Neuer, zwei Aussteiger, eine Fusion: Weichenstellungen vor der Wahl 2022

Der „Blickwinkel“-Höhenflug war gestoppt – es folgte ein womöglich noch tieferer Einschnitt: Bianka Hessel und Kir verließen das Unternehmen. Sie einigten sich mit der Geschäftsführung auf Aufhebungsverträge. Über die finanziellen Details der Trennung ist nichts zu erfahren.

Der neue Betriebsratschef aber agierte fortan rhetorisch geschickter als sein bisweilen eher glückloser Vorgänger Ziegler und sandte ganz gezielt deeskalative Signale aus; Michael Teichmann erklärte öffentlich: Es bringe nichts, sich immerzu weiter Vorwürfe an den Kopf zu werfen, auch die Geschäftsführung solle sich zum „Fehlereingeständnis“ durchringen, dass früher „manches schlecht gelaufen“ sei.

Vor der 2022er-Wahl kam es zu einer radikalen Vereinfachung der 2018 noch reichlich unübersichtlichen Konstellation: Aus einst fünf Listen wurden zwei.

Die eine – mit 18 Köpfen am Start und Jochen Schymonski, einem alten Weggefährten von Hessel und Kir, an der Spitze – warb so um Stimmen: „Weil wir mit der IG Metall einen starken, kompetenten Partner an unserer Seite haben; weil wir durch die IG Metall einen Vergleich zu anderen Unternehmen und somit einen Maßstab haben.“

Die andere – die mit 54 Leuten ins Rennen ging – wurde angeführt von Teichmann. Dahinter auf Listenplatz 2: der vormalige Konkurrent Uwe Bareiß. Auf Platz 3: der vormalige Konkurrent Martin Föll. Auf der 4: der vormalige Konkurrent Stefan Ostermeier. Eine Megafusion quasi. Diese gewerkschaftsferne Liste verwies in ihrem Wahlflyer auf Erfolge wie die Einführung des Lebensarbeitszeitkontos nebst Sabbatical oder die Standort- und Beschäftigungssicherung bis Ende 2026.

Durch die Wahl 2022 sind die Machtverhältnisse im Betriebsrat nun geklärt: Teichmann sitzt nach diesem klaren Votum aus der Belegschaft fester im Sattel denn je und darf das Ergebnis als Bestätigung seines Kurses seit 2018 verstehen; das IG-Metall-nahe Team bleibt eine Opposition mit auch künftig absehbar bescheidenem Einfluss im Betrieb.

Die Zeiten, da es aussah, als gewinne die IG Metall immer mehr Einfluss bei Kärcher, sind vorbei: Bei der Betriebsratswahl diese Woche hat die gewerkschaftsnahe Gruppe ihr gutes Ergebnis von vor vier Jahren nicht halten können. Die Liste um Betriebsratschef Michael Teichmann landete einen klaren Sieg. Teichmann darf sich in seinem Kurs bestätigt fühlen,

Die Sitzverteilung: Der Blickwinkel schrumpft

1232 gültige Stimmen wurden abgegeben. Davon entfielen 856 – oder 69,5 Prozent

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