Rems-Murr-Kreis

Bischofswahl: Waiblinger Pfarrerin Antje Fetzer widerspricht Christian Gehring (CDU)

Pfarrerin Antje Fetzer
Bei seiner Kritik an der Bischofswahl habe Christian Gehring (CDU) Entscheidendes verkannt, sagt die Waiblinger Pfarrerin Antje Fetzer. © Gabriel Habermann

Als „verantwortungslos“ hat Christian Gehring (CDU) die evangelische Landessynode bezeichnet, weil sie dem Bischofsbewerber des pietistischen Gesprächskreises „Lebendige Gemeinde“, Gottfried Heinzmann, die nötige Zweidrittelmehrheit verweigerte. Darauf antwortet heute Dr. Antje Fetzer. Die Waiblinger Pfarrerin ist Mitglied der Synode, gehört dem liberalen Gesprächskreis „Offene Kirche“ an und nennt Gehrings Darstellung "tendenziös". Er verkenne die "weise" Logik des Wahlverfahrens.

"Mir blieb buchstäblich die Spucke weg"

Als ich den Artikel von Christian Gehring las, ist mir buchstäblich die Spucke weggeblieben. Der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, der die innere Logik des Synodalgeschehens besser kennen müsste als viele andere, macht sich zum Sprachrohr einer landeskirchlichen Gruppe, deren Kandidat bei der Bischofswahl in der vergangenen Woche gegen die Hoffnungen seiner Unterstützer nicht gewählt wurde.

Die Frustration derer, die ihren Kandidaten als Landesbischof zu sehen hofften, ist sehr verständlich. Allein: Das rhetorische Instrumentarium und die tendenziöse Darstellung der Ereignisse in Gehrings Artikel rufen nach einer Gegendarstellung.

Kein Flügel allein kann den Bischof küren - das ist weise

Zunächst die Rhetorik: Nein, die evangelische Landessynode ist kein Konklave wie bei der Papstwahl. Es steigt kein Rauch auf, wenn eine Person gewählt wurde. Die geistlichen Insignien fehlen, und dies hat einen guten Grund: Wir sind Protestanten und darauf bedacht, weltliches Geschehen nicht zu überhöhen. Die evangelische Landessynode ist bei der Bischofswahl eine schlichte Wahlversammlung.

Das Ziel dieser Wahlversammlung ist es, eine Kandidatin, einen Kandidaten zu wählen, die oder der die Zweidrittelmehrheit erreicht. Dies ist ein sehr hohes Quorum. Diese hohe Hürde gibt dem Wahlverfahren eine innere Dramatik, denn unsere Landeskirche ist tatsächlich von sehr verschiedenen Frömmigkeitstraditionen geprägt, und das Quorum gewährleistet, dass nicht eine Tradition allein den Bischof küren kann. Das ist weise und schwierig zugleich.

Wenn Herr Gehring nun von der Zerstrittenheit und Machtbesessenheit der Synode spricht, dann scheint mir darin eine Verkennung der Prozessdynamik zu liegen. Ich möchte deshalb die Dynamik der Bischofswahl aus meiner Sicht, der Sicht einer beteiligten Landessynodalen, erläutern.

Vier Parteien, pardon, "Gesprächskreise"

Das jetzt gültige Wahlverfahren fordert eine Zweidrittelmehrheit, lässt aber gleichzeitig drei Kandidaten zu. Man sieht, dass sich hier bereits logisch ein Patt anbahnt. Denn die Kandidat/-innen werden nicht von einer überparteilichen Findungskommission vorgeschlagen, die allen vier Gesprächskreisen gleich nahe stünde, sondern auf Vorschlag der Gesprächskreise nominiert. Das württembergische Bischofswahlverfahren setzt also stark auf die Identifikation der Gesprächskreise mit bestimmten Kandidaten.

Alle vier Gesprächskreise haben sich im Vorfeld zu einer/m der drei Kandidat/-innen bekannt. Offene Kirche: Dr. Viola Schrenk; Evangelium und Kirche: Ernst-Wilhelm Gohl; Lebendige Gemeinde und Kirche für morgen: Gottfried Heinzmann.

Das Spannende an der Wahl war deshalb für mich: Wer kann unter diesen Voraussetzungen zwei Drittel der Synodalen hinter sich vereinigen?

Gehrings Irrtum führt die Zweidrittel-Logik ad absurdum

Herr Gehring setzt offensichtlich voraus, dass der letzte verbleibende Kandidat der ersten Wahlrunde ein Anrecht darauf gehabt hätte, gewählt zu werden. Seine Formulierung, Gottfried Heinzmann sei die Wahl „verwehrt“ worden, ist kaum anders zu deuten. Doch so würde der oben beschriebene Sinn hinter dem Zweidrittel-Quorum ad absurdum geführt. Denn faktisch würde dann eine einfache Mehrheit zur Wahl des Bischofs genügen – und alle anderen müssten sich fügen. Das wäre aus meiner Sicht zutiefst undemokratisch.

Nach dem Scheitern des vierten Wahlgangs musste sich die Synode am Freitag neu sortieren. Das geschah dann nicht mehr entlang der Linien der Gesprächskreise, sondern entlang der Inhalte. Dass es am Samstag doch noch zur Wahl des neuen Bischofs kam, ist entgegen der Einschätzung von Herrn Gehring genau dem geschuldet, dass Synodale sich bewegt haben.

Viel wird jetzt darüber geschrieben, dass mit Ernst-Wilhelm Gohl ausgerechnet der Kandidat mit der anfangs geringsten Stimmenzahl nochmals kandidiert hat.

Wenig wird gesagt, dass er der Kandidat mit der größten inhaltlichen Schnittmenge mit anderen Gesprächskreisen war.

Warum Ernst-Wilhelm Gohl gewonnen hat

Im Rückblick ist es Ernst-Wilhelm Gohl, dem Kandidaten der mittleren Position, gelungen, im letzten Wahlgang zusätzlich zu den eigenen Unterstützern vormalige Wähler der Lebendigen Gemeinde, von Kirche für morgen und der Offenen Kirche auf sich zu vereinigen. Das war ein Prozess, der zwei Tage gedauert und alle Seiten Kraft und Mut gekostet hat.

Unter dem Strich muss ich sagen: In einer Demokratie treten Kandidat/-innen gegeneinander an und ringen um Mehrheiten. Ein Zweidrittel-Quorum ist ein sehr dickes Brett. Wer ähnliche Auseinandersetzungen in Zukunft scheut, muss sich wohl oder übel dafür einsetzen, das Wahlrecht zu ändern.

Nach zwei Jahren Corona und vier Wochen Ukraine-Krieg ist es mir ein besonderes Anliegen, dass verschiedene Meinungen ausgetauscht werden und um die beste Lösung gerungen werden kann. Es gibt aktuell sehr viele Einflüsse, die die öffentliche Auseinandersetzung zum Erliegen bringen. Meines Erachtens ist es unsere Stärke als Protestanten, dass wir Unterschiede sichtbar machen und in der offen geführten Auseinandersetzung nach Antworten suchen. Dafür stehe ich ein.

Unbenommen stehen wir alle unter Gottes großem Himmel und brauchen für unser Handeln seine Orientierung und sein Geleit.

Als „verantwortungslos“ hat Christian Gehring (CDU) die evangelische Landessynode bezeichnet, weil sie dem Bischofsbewerber des pietistischen Gesprächskreises „Lebendige Gemeinde“, Gottfried Heinzmann, die nötige Zweidrittelmehrheit verweigerte. Darauf antwortet heute Dr. Antje Fetzer. Die Waiblinger Pfarrerin ist Mitglied der Synode, gehört dem liberalen Gesprächskreis „Offene Kirche“ an und nennt Gehrings Darstellung "tendenziös". Er verkenne die "weise" Logik des Wahlverfahrens.

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