Rems-Murr-Kreis

Blackout: Der Rems-Murr-Kreis ist für einen größeren Stromausfall nicht gerüstet

SymbolfotoBlackout
Bei einem größeren Stromausfall würde die Trinkwasserversorgung bald versiegen. © Gaby Schneider

Ist der Rems-Murr-Kreis für einen längeren Stromausfall gerüstet? Ist er vorbereitet auf einen sogenannten Blackout? Beklemmende Kurzantwort: nein. Die Langfassung ist noch gruseliger – sie handelt von fehlenden Satellitentelefonen, stockfinsteren Krisenstabsräumen und einer Trinkwasserversorgung, die, wie es auf Behördendeutsch heißt, „zeitnah“ zusammenbrechen würde.

Der komplette Kollaps: Eine Studie für den Bundestag

Lichter gehen aus, Ampeln erlöschen, Radios verstummen, Bildschirme werden schwarz, Alarmanlagen bleiben still, Aufzüge bleiben stecken, Parkhaustore bleiben zu, Trink- und Abwasserpumpen streiken, die Zapfsäulen an den Tankstellen machen schlapp, Klimaanlagen, Lüftungen, Heizungen geben den Geist auf, Bankomaten spucken kein Geld mehr aus, die Lebensmittel in Kühl- und Gefrierschränken verderben, die Supermärkte öffnen gleich gar nicht mehr, weil weder Kassen noch Lichter noch Türen funktionieren ... Stopp!

Alle Folgen aufzählen zu wollen, führte heillos zu weit – begnügen wir uns mit der Bilanz einer Studie, die vor Jahren das „Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag“ erarbeitet hat („Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften“ am „Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“): Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern.

Schneesturm und Kaspersky-Schock: Mahnende Beispiele

Wird schon nicht so schlimm kommen? Wie fragil unsere Sicherheit ist und wie naiv es wäre, das nicht wahrhaben zu wollen, hat das Hochwasser im Ahrtal offenbart.

Der Klimawandel aber wird uns künftig absehbar öfter mit extremen Wetterereignissen konfrontieren. Und Russlands Angriff auf die Ukraine sollte uns lehren, dass wir auch mit Krieg und Sabotage zu rechnen haben. Im Übrigen: Wird schon nichts passieren? Das hat noch nie gestimmt.

Schlaglicht eins, November 2005: Es schneit und schneit in Nordrhein-Westfalen, es hört einfach nicht auf. Der Schnee lastet nass und schwer auf den Stromleitungen, der Wind versetzt die sowieso schon ächzenden Stahlseile und Drähte auch noch in Schwingung – sie reißen. Masten knicken. 250.000 Menschen: von der Stromversorgung abgeschnitten; manche tagelang.

Schlaglicht zwei, Dezember 2019. In einem Vortrag beim Chaos Communication Congress deklinieren Cybersicherheitsexperten eine Dreiviertelstunde lang durch, wie einfach sie, wenn sie wollten, die IT eines deutschen Großkraftwerkes hacken, die Anlage herunterfahren und die regionale Stromversorgung lahmlegen könnten. Die Fülle der Möglichkeiten, um in das System einzudringen, sei „ehrfurchtgebietend“, erzählen die Referenten; sie kommen von der russischen Firma Kaspersky.

Ein Krisenstab im Mief der Finsternis

Kommende Woche beschäftigt sich ein Ausschuss des Kreistages Rems-Murr in öffentlicher Sitzung mit der Frage, wozu ein Blackout von 72 Stunden in der Landkreisverwaltung führen würde. Die Sitzungsvorlage lässt tief blicken.

Eine „umfassende staatliche Fürsorge“ könne dann „nicht mehr sichergestellt werden.“ Ob Kommunen, Unternehmen oder Zivilbevölkerung: Sie alle „müssen sich eigenverantwortlich auf derartige Ereignisse vorbereiten“. Der Krisenstab im Landratsamt jedenfalls wüsste nicht einmal, wo er sich treffen könnte.

Zwar gibt es spezielle „Stabsräume“ im Keller des Kreishauses am Waiblinger Alten Postplatz – aber abgesehen davon, dass „die technische Einrichtung veraltet“ ist, würden die Versammelten dort unten auch nichts sehen; und irgendwann vor Sauerstoffmangel ohnmächtig werden oder an ihrem eigenen Mief ersticken. Die Räume nämlich verfügen über „keine natürliche Belichtung und Belüftung“. Eine „längerfristige und zeitgemäße Stabsarbeit“ wäre „im Katastrophenfall hier nicht möglich“.

Die Einsamkeit der Satellitentelefone

Immerhin, am Alten Postplatz gibt es eine sogenannte Netzersatzanlage (NEA), um die Notversorgung wichtiger Verwaltungsbereiche für etwa zwei Wochen aufrechtzuerhalten; auch wenn „aktuell unklar“ ist, welche Bereiche im Haus überhaupt von dieser Anlage versorgt werden. Das will die Kreisverwaltung nun herausfinden, indem sie einen kompletten Stromausfall simuliert. Danach weiß man, wo die Lichter und Rechner dank NEA wieder angehen und wo sie ausbleiben.

Eine Frage ans baden-württembergische Innenministerium ergab: Bei einem großflächigeren Stromausfall würden die „öffentlichen Telefon- und Mobilfunknetze sowie die Internetzugänge in kurzer Zeit“ zusammenbrechen. Das Landratsamt „hält deshalb zwei mobile Satellitentelefone vor“, zur „Sicherstellung der Kommunikation“ mit anderen Behörden.

Der Haken: Im Ernstfall kann das Landratsamt dank seiner beiden Geräte dann zwar mit sich selber telefonieren – aber nicht mit den Rathäusern. Denn von den 31 Städten und Gemeinden im Kreis hat „nur eine Kommune derzeit ein Satellitentelefon“. Und nicht mal jede dritte verfügt über ein „IT-System mit Notstromversorgung“. Der Rest macht sofort Feierabend.

Ob Trink- oder Abwasser: Bei Blackout geht nicht mehr viel

Was passiert dann mit der Trinkwasserversorgung? Die könne, haben die Kommunen dem Landratsamt signalisiert, „ohne Stromversorgung in der Regel noch für rund einen Tag weiter gewährleistet werden“.

Und die Abwasserentsorgung? „Ist zum überwiegenden Teil nicht mit einer Notstromversorgung ausgestattet und würde zeitnah ausfallen.“

Bedingt blackoutbereit: Das wäre, was den Vorbereitungsstand der Verwaltungen an Rems und Murr betrifft, derzeit wohl noch geschmeichelt.

Immerhin, einen Trost enthält die Sitzungsvorlage: Die Freiwilligen Feuerwehren und THW-Ortsgruppen „verfügen teilweise über große Notstromaggregate“, mit denen „Lichtinseln eingerichtet werden können“.

Ist der Rems-Murr-Kreis für einen längeren Stromausfall gerüstet? Ist er vorbereitet auf einen sogenannten Blackout? Beklemmende Kurzantwort: nein. Die Langfassung ist noch gruseliger – sie handelt von fehlenden Satellitentelefonen, stockfinsteren Krisenstabsräumen und einer Trinkwasserversorgung, die, wie es auf Behördendeutsch heißt, „zeitnah“ zusammenbrechen würde.

Der komplette Kollaps: Eine Studie für den Bundestag

Lichter gehen aus, Ampeln erlöschen, Radios verstummen,

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