Rems-Murr-Kreis

"Blood and Honour": Verbotene Neonazi-Gruppe unter Anklage - einer der Beschuldigten kommt aus Fellbach

Blood and Honour Oi Skindhead Band Noie Werte
Recherche am Bildschirm: Blood & Honour. © Habermann

Die Generalstaatsanwaltschaft München hat dieser Tage beim Landgericht München I Anklage gegen elf Angeschuldigte erhoben, die in den Jahren 2016 bis 2018 das Ziel verfolgt haben sollen, die in Deutschland seit dem Jahr 2000 verbotene rechtsextreme Organisation „Blood & Honour“ fortzuführen. Unter den Angeschuldigten befindet sich auch ein in der Szene einschlägig bekannter Mann aus Fellbach – das hat die Generalstaatsanwaltschaft auf unsere Nachfrage hin bestätigt.

Die Anklage fußt auf Ermittlungen, die im Dezember 2018 in einer großen Razzia gipfelten: Damals durchsuchte die Polizei 15 Wohnungen oder Gebäude – acht in Bayern, drei in Thüringen, eines in Hessen, eines in Sachsen-Anhalt, zwei in Baden-Württemberg; einer der Schauplätze befand sich in Fellbach.

Neonazis mit Verwaltungsstruktur und Hetz-CDs

Zu den Angeschuldigten – keiner von ihnen sitzt in Untersuchungshaft – zählen der „Divisionschef Deutschland“ und drei „Sektionschefs“ aus den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen. Sie sollen zwischen 2016 und 2018 eine Verwaltungsstruktur der „Blood & Honour Division Deutschland“ nebst Sektionen in diversen Bundesländern aufgebaut, mit dem Vertrieb der Marke „Blood & Honour“ rechtsextremistisches Gedankengut und Weltbild verbreitet und Musik-CDs mit verbotenem Rechtsrock-Liedgut und Merchandising-Artikel mit verbotenen rechtsradikalen Symbolen verkauft haben.

Vier der Angeschuldigten sollen in Ungarn zudem einen CD-Sampler mit volksverhetzendem Liedgut produziert und nach Deutschland eingeführt haben. Daneben sollen die Angeschuldigten gemeinsam an Rechtsrockkonzerten teilgenommen haben. Tatvorwürfe: Verstoß gegen ein Vereinigungsverbot, Volksverhetzung, Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Nach unseren Informationen, zu denen sich die Generalstaatsanwaltschaft München aber nicht äußert, soll der nun mitangeklagte Fellbacher früher ein ehemaliger Bundestagskandidat der NPD und Kopf des – allerdings wohl eher winzigen – württembergischen Ablegers der „Weiße Wölfe Terrorcrew“ (WWT) gewesen sein, einer Organisation, die 2016 verboten wurde.

Schon seit Jahren hatte sich der Verdacht erhärtet, dass „Blood & Honour“ wieder aktiv sein könnte oder womöglich die Umtriebe auch nach dem Verbot nie ganz eingestellt hat. Ein verbreiteter Szene-Slogan lautet: „Trotz Verbot nicht tot!“

2017 berichtete die Thüringer Landesregierung von Konzerten, bei denen wieder vermehrt die Embleme von „Blood & Honour“ auftauchten, im selben Jahr griff die Bundespolizei ein Dutzend Neonazis an der deutsch-tschechischen Grenze auf – sie hatten ein Schießtraining im Nachbarland absolviert. Stephan Kramer, Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, erklärte danach: „Einzelne terroristische Aktionen, Anschläge und Gewalttaten“ müssten „in Betracht gezogen werden“.

Blood & Honour, Ian Stuart in Waiblingen, die Noien Werte und der NSU

Gründer von „Blood & Honour“ war in den 80er Jahren der Brite Ian Stuart. Sein Ziel: Neonazis vernetzen, um Musik zu vertreiben und Propaganda zu verbreiten. Auch ein bewaffneter Arm namens „Combat 18“ mit rechtsterroristischen Ambitionen formierte sich.

Vieles weist darauf hin, dass der Raum Stuttgart Anfang der 90er Jahre als ein Brückenkopf bei der Etablierung von Blood & Honour in der Bundesrepublik Deutschland diente; und der Rems-Murr-Kreis spielte auch damals schon eine wesentliche Rolle.

Ian Stuart war seinerzeit regelmäßig in Stuttgart im Szenetreff „Kolbstube“. Er schloss Bekanntschaft mit der 1987 gegründeten Rechtsrockgruppe „Noie Werte“, deren Mitglieder zum Teil im Rems-Murr-Kreis lebten oder noch leben. Die Noien Werte genossen ob ihrer Nähe zu Stuart Kultstatus und bereisten mit ihrem Ziehvater schon früh die neuen Bundesländer.

Im Juli 1993, auf einem Grillplatz bei der Waiblinger Wasserstubensiedlung, fand ein Konzert mit Ian Stuart statt – in der Begleitband spielte mindestens ein Musiker der Noien Werte mit. Auf der Bühne schrie Stuart „Fuck the Turks, fuck the Jews“ und „Nigger, Nigger, go, go, go“. Das Konzert wurde szenelegendär, weil es der letzte Auftritt in Stuarts Leben war; er starb kurz darauf bei einem Unfall.

1998 rechnete das Landeskriminalamt Thüringen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die später als Nationalsozialistischer Untergrund Morde, Anschläge und Banküberfälle begingen, „zum harten Kern der Blood&Honour-Bewegung“ in Jena. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte Jan W., Chef von Blood & Honour Sachsen – und ein Kumpel der Noien Werte. Der NSU verwendete später nach seinen ersten Morden zwei Lieder der Noien Werte als Soundtrack für ein Bekennervideo.

Die Generalstaatsanwaltschaft München hat dieser Tage beim Landgericht München I Anklage gegen elf Angeschuldigte erhoben, die in den Jahren 2016 bis 2018 das Ziel verfolgt haben sollen, die in Deutschland seit dem Jahr 2000 verbotene rechtsextreme Organisation „Blood & Honour“ fortzuführen. Unter den Angeschuldigten befindet sich auch ein in der Szene einschlägig bekannter Mann aus Fellbach – das hat die Generalstaatsanwaltschaft auf unsere Nachfrage hin bestätigt.

Die Anklage

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