Rems-Murr-Kreis

Bombe in Fellbach gefunden: Polizei-Einsatz zwischen Hitze, Rauch und Happy-End

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Phosphorbombe, Esslinger Str., Fellbach, 19.07.2022.
Die Reste einer Phosphorbombe aus dem Zweiten Weltkrieg rauchten und stanken. Der Kampfmittelbeseitigungdienst war vor Ort. © Benjamin Beytekin
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Phosphorbombe, Esslinger Str., Fellbach, 19.07.2022.
Die Reste der Bombe, die jahrzehntelang unentdeckt in der Erde lag – wie so viele. © Benjamin Beytekin

Bombenfund in Fellbach: Selbst dem Polizeirevierleiter schoss kurz der Puls hoch, als ihn die Nachricht in der Mittagspause erreichte. Bauarbeiter waren beim Buddeln unter der Straße auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen, und das unscheinbar kleine, zerrissene Ungetüm fing eigentümlich an zu rauchen und zu stinken.

Polizei und Feuerwehr sperrten sofort großräumig das Gelände um die Bushaltestelle Esslinger Straße ab. Das muss sein, weil auf die Schnelle niemand sicher beurteilen kann, wie groß die Gefahr nun wirklich ist.

Es ist niemandem etwas passiert, und sollten die Bauarbeiter am Abend doch noch Kopfschmerzen spüren oder Übelkeit, sollten sie vorsichtshalber zum Arzt gehen, riet später Mathias Peterle vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Er hat es an manchen Tagen in Stuttgart mit zwei, drei Bombenfunden dieser Art zu tun.

In Fellbach gab’s einen „Spontanbombenfund“ dieser Art noch nie, oder wenn doch, dann ist es sehr lange her, berichtet Jan Kempe, der Chef des Fellbacher Polizeireviers. Ihm rinnt wie allen Umstehenden der Schweiß an diesem elend heißen Tag. Wer dann noch in Uniform oder sonstiger voller Montur am Ort des Geschehens auszuharren hat, muss ganz schön was aushalten. Von einer „außergewöhnlichen Situation“ spricht Feuerwehrkommandant Christian Köhler – nicht wegen der Hitze, sondern wegen der Bombe. Als alles Nötige veranlasst und klar ist, es besteht keine akute Gefahr, bleibt ihm und den anderen Feuerwehrleuten nichts übrig, als auf den Kampfmittelbeseitigungsdienst zu warten.

Bomben dieser Art wurden im Krieg zu Tausenden abgeworfen

Mathias Peterle und Alexander Geiselhart rücken im weißen Pick-up an, checken die Lage und geben allen Umstehenden fürs nächste Mal einen guten Rat mit auf den Weg: Eine Bombe dieser Art, die zu rauchen beginnt, sobald sie freiliegt und mit Sauerstoff in Kontakt kommt, entschärft man fürs Erste, indem man Erde draufwirft.

Der Mann hat Nerven. Wer solch ein grusliges Etwas noch nie zu Gesicht bekommen hat, nimmt eher Reißaus.

Phosphorbomben wie diese sind im Zweiten Weltkrieg zu Tausenden abgeworfen worden, erklärt Mathias Peterle später. Das Fellbacher Exemplar rauchte, sobald es mit Sauerstoff in Berührung kam, besonders heftig wegen der Hitze: Bei diesen Temperaturen zeigen sich Phosphorreste „reaktionsfreudiger“, erklärt der Experte. Im Winter kokelt eine solche Bombe, unverhofft und ungewollt von einem Bagger ans Tageslicht geholt, eher nur ganz leicht vor sich hin.

Gruslig und sehr bedrückend

Mit diesen Bomben setzten Angreifer damals ganze Städte in Brand. Erst flogen Sprengbomben, die Dächer abdeckten und Fenster zerfetzten. Hernach folgte mit den Phosporbomben Teil zwei des Zerstörungsfeldzugs.

Das schreibt sich jetzt so leicht dahin, wenn man das nie selbst erlebt hat. Gruslig ist das und sehr bedrückend, weil man plötzlich ein Zeugnis aus einem Krieg vor der Nase hat, der Jahrzehnte zurückliegt, während jetzt wieder ein Krieg in Europa tobt.

Ob in Fellbach nahe der Fundstelle noch weitere Bomben in der Erde liegen, könne man nicht ausschließen, sagt Mathias Peterle, zumal Fellbach im Krieg „einiges abgekriegt“ habe. Der Experte fragt als Erstes ab, ob eine Freigabe für die Baustelle vorlag. Ja, versichern die Umstehenden.

Bevor Baggerführer ihre Arbeit aufnehmen, sind Luftbildauswertungen nötig, erklärt Mathias Peterle. Man prüft anhand der alten Aufnahmen, ob an besagter Stelle Kampfhandlungen belegt sind, um sich auf zu erwartende Funde in der Baugrube entsprechend vorzubereiten. Dass dieser Check nichts ergibt und man dann dennoch eine Bombe findet, kommt natürlich trotzdem vor. Ob nahe des Fundorts weitere Bomben im Erdreich liegen, lässt sich nicht ausschließen, bestätigt Peterle.

Erde muss in den Sondermüll

Der Baggerfahrer, der diesen Arbeitstag in Fellbach wohl nicht so schnell vergessen wird, musste unterdessen am Dienstagnachmittag noch mal kurz ans Steuer auf Geheiß des Experten: Er drückte mit Hilfe der Baggerschaufel den Bombenmantel in Form, damit alles, was davon übrig geblieben war, ins Transportgefäß passte. Sobald eine bestimmte Menge an Bombenresten zusammengekommen ist, „und das geht relativ schnell“, so Peterle, wird das Material vernichtet. Die Erde, die an der Baustelle mit Phosphorresten in Berührung gekommen ist, muss nun in den Sondermüll.

Während es an der Baustelle um diverse weitere Details geht, darf die U-Bahn schon wieder durchfahren, die Sperrung ist bereits aufgehoben. Den alles entscheidenden Satz hatte Mathias Peterle eh schon gleich zu Beginn gesprochen: „Es kann nichts explodieren.“

Bombenfund in Fellbach: Selbst dem Polizeirevierleiter schoss kurz der Puls hoch, als ihn die Nachricht in der Mittagspause erreichte. Bauarbeiter waren beim Buddeln unter der Straße auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen, und das unscheinbar kleine, zerrissene Ungetüm fing eigentümlich an zu rauchen und zu stinken.

Polizei und Feuerwehr sperrten sofort großräumig das Gelände um die Bushaltestelle Esslinger Straße ab. Das muss sein, weil auf die Schnelle niemand sicher

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