Rems-Murr-Kreis

Bundestagswahl: Dicke Luft bei Polit-Wanderung, vor allem zwischen AfD und Grünen

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Wählerwanderung in Schorndorf: Dass zwischen Jürgen Braun (AfD; auf dem Bild links) und Anne Kowatsch (Grüne, in Grün) die Luft gefährlich britzelt, ist nicht zu übersehen. © Gaby Schneider

„Wählerwanderung“, das war die Idee: Schicken wir, begleitet von Leserinnen und Lesern, den von der Linken mit der von der CDU, den von der AfD mit der von den Grünen und den von der FDP mit dem von der SPD auf Spaziergänge; mal sehen, was sie einander zu sagen – oder an den Kopf zu werfen – haben. Wir wollen vorab nicht zu viel verraten. Nur dies: Teilweise britzelt die Luft ...

Schuldfragen: CDU und Linke

Inhaltsarm sei dieser Wahlkampf, wachsweich? Von wegen. Ausgesprochen streitbar erleben unsere Zeitungsleser die Bundestagskandidierenden Christina Stumpp (CDU) und Luigi Pantisano (Die Linke) beim Wandern vom Wunnebad Richtung Schlosskirche Winnenden. Ein Graben tut sich bereits bei der Frage auf, bis wann Deutschland klimaneutral werden soll – CDU und Linke liegen satte zehn Jahre auseinander: Stumpp nennt 2045, Pantisano 2035.

Leser Tobias Krazich vermisst die entsprechenden „Maßnahmen“ und will wissen, ob dazu die Wissenschaft gehört wird. Bei Corona, bejaht Stumpp, sei die Wissenschaft auch einbezogen worden – aber Klimaneutralität bis 2035 halte sie einfach für unrealistisch. Menschen in Gemeinden wie Alfdorf bräuchten nun mal ihr Auto.

Nicht unbedingt, wenn der ÖPNV verbessert wird, meint Pantisano. „Die CDU hat seit 30 Jahren die FDP mit im Boot, sie hatte auch die SPD schon mit im Boot – und es passiert einfach nichts.“

„Sie wohnen in Stuttgart“, kontert Stumpp und fragt, ob Pantisano überhaupt schon mal in Alfdorf war.

Worauf dieser seine Waiblinger Vita und sein politisches Engagement dort seit Jugendtagen aufzählt.

Vom Wandern warm geredet, liefern sich die beiden einen saftigen Schlagabtausch. Luigi Pantisano will die Zahl der Autos reduzieren, Stumpp sieht davon die älteren Autofahrer in „Angst und Schrecken“ versetzt. Pantisano erwidert: Einen im Bau 50 000 Euro teuren Tiefgaragenplatz in einem Mehrfamilienhaus bezahlen auch Mieter mit, die gar kein Auto haben.

Damit sind die beiden beim bezahlbaren Wohnen in Zeiten, wo junge Familien keine Bleibe finden und Betagte teils alleine in großen Häusern leben. Das zu ändern, ist gar nicht so einfach, hadert Leser Hans-Ingo von Pollern: Stumpp habe mal vorgeschlagen, auf der Korber Höhe Supermärkte mit bezahlbaren Wohnungen aufzustocken – es habe „gleich ein Riesentheater in der Nachbarschaft“ gegeben. Pantisano will das nicht gelten lassen: Die Wohnungsnot sei „ein Versäumnis der CDU in den letzten 30 Jahren“, die Partei habe zu viel öffentlichen Wohnraum an Private verkauft.

Fazit: Dass CDU und Linke auf Bundesebene nicht miteinander koalieren, wussten wir schon vorher – dass auch auf lokaler Ebene kein Schulterschluss denkbar ist, dürfte jetzt auch glasklar sein.

Ampelt’s? SPD und FDP

Doch, sie diskutieren schon kontrovers – manchmal jedenfalls. Und die Standpunkte sind dann unerwartet. Zum Beispiel in dem Moment, in dem ein süßlich-würziger Duft am Schwaikheimer Bahnhof entlangstreicht. Was tun in Sachen Drogenpolitik? Wie umgehen mit dem Hasch? Prof. Dr. Stephan Seiter, FDP, ist fürs Legalisieren. Und Urs Abelein, der Mann der SPD? Strikt dagegen. Er wisse von so vielen psychischen Problemen durch Hasch, dauerhaften Schäden, Einstiegen in Drogenkarrieren. „Wir haben genügend Drogenprobleme. Da brauchen wir nicht noch eins.“

Stephan Seiter und Urs Abelein wandern um Schwaikheim. Gedacht war, dass Leserinnen und Leser mitspazieren. Klappt leider nur mäßig. Ingrid Kaesler-Goretzki ist dabei, von der Winnender SPD. Und Doris Betz, bekannt und engagiert in der FDP.

Seiter und Abelein können sich erkennbar leiden. „Schreiben Sie jetzt bloß keine Koalition herbei“, beschwört der FDP-Mann. Soll nicht passieren. Aber festzuhalten ist definitiv: Das sind ausgesprochen unterhaltsame eineinhalb Stunden mit einem so angeregten Meinungsaustausch, dass die Vorstellung, Abelein und Seiter würden gemeinsam im Bundestag um die gute Sache kämpfen, gar keine schlechte ist.

Wie kommt’s? „Wir haben doch das gleiche Ziel“, sagt Stephan Seiter. Beim Klimawandel und beim Insektenschutz jedenfalls. Vielleicht versuche man zwar, dieses Ziel auf jene oder die andere Weise zu erreichen. Aber doch sind sie sich einig: Die Agrarsubventionen müssten auf null. Und nur Nachhaltigkeit dürfe gefördert werden.

Und wie sollen Naturschutz und Wohnungsnot zusammengehen? Die Grenzen der Kommunen immer weiter wuchern zu lassen und innerorts jedes letzte Fleckchen Grün noch zuzubauen, das kann’s nicht sein. Was tun? Kreativität fordert der Liberale. Man müsse höher bauen und das dann begrünen. Wenn’s gut gemacht sei, fühle der Mensch sich wohl, die Stadt kühle im Sommer ab und das CO2 sei auch nicht das Problem. „Wir hatten“, sagt Urs Abelein, „in Waiblingen mal fast so ein Hochhaus“. Man hört, ihm tut’s weh, dass die Vision nie Wirklichkeit geworden ist.

Keine Bange, es gibt auch Unterschiede: Urs Abelein hätte gerne, dass die Kommunen selber bauen und die Wohnungen dann auch behalten. „Wohnraum darf nicht mehr Spekulationsobjekt sein.“ Stephan Seiter sagt: „Da fehlt das Geld.“ Und schlägt vor, jungen Leuten, die eine Wohnung kaufen wollen, die Grunderwerbssteuer zu erlassen.

Aber dann sagt Seiter: Damit sich nicht nur die Bestverdiener solch Eigentum leisten können, müsse man „g’scheite Einkommen hinkriegen“. Und da widerspricht SPD- Abelein natürlich nicht.

Keine Lügen bitte: Grüne und AfD

Spazieren mit Anne Kowatsch von den Grünen und AfD-Kandidat Jürgen Braun? Das Leserdutzend findet die kontroverse Konstellation gut! Kowatsch raunt: „Find ich weniger.“ Denn eigentlich haben die beiden einander nichts zu sagen; jedenfalls nichts Nettes. Braun hat schon früher erklärt, dass eine „totalitäre Ökodiktatur“ drohe, und bleibt dabei: „Die Gefahr“ bestehe, weil die Grünen das Klimathema „verabsolutieren“. Kowatsch antwortet: „Ich würde Sie bitten, keine Lügen zu verbreiten.“

„Klimawandel“, sagt Braun, „hat es immer gegeben“, mit dem Menschen habe das eher wenig zu tun, schon im Mittelalter sei es mal recht warm gewesen, da besiedelten die Wikinger dann Grönland. Kowatsch denkt gar nicht daran, sich bei ihrer Antwort in Details zu verlieren: Just seit Beginn der Industrialisierung steige die Temperatur rapide, die Übereinstimmung der Klimawissenschaftler sei bei dem Thema breit, die Fülle der Daten klar – „wir haben keine Zeit mehr, darüber zu debattieren.“

Leser fragen anders. Wir berufsmäßigen Reporter sind ja schon derart daran gewöhnt, dass wir von Politikern oft längliche Referate statt klarer Antworten erhalten, dass uns das schon kaum mehr auffällt. Nicht so die Spazierrunde. Wenn Braun zu lange über grüne Klimarettungspläne ätzt, bekommt er zu hören: Er solle nicht bloß sagen, „wogegen Sie sind – sagen Sie doch mal, was wir machen sollen.“ Na gut: Anstatt den Klimawandel stoppen zu wollen, sollten wir uns auf seine „Folgen einstellen“; Katastrophenschutz verbessern und „Deiche erhöhen“.

Unter den Spaziergängern ist auch Marcel Roca, Kreisvorsitzender der Partei „Die Partei“ – und „ich hab gleich meinen Kanzlerkandidaten mitgebracht“: den Bundestagsbewerber Friedrich Häfner. Gas-Wasser-Installateur Häfner diskutiert dann auch ein bisschen mit und sagt ernsthaft derart sturzvernünftige Sachen, dass man sich fast um ihn sorgt: Setzt es dafür ein Ausschlussverfahren? Immerhin kann er auch auf einen Coup der Partei verweisen: Sie sahen in Schorndorf, dass an einem Laternenmast unterm AfD-Plakat noch Platz frei war, und hängten eines der ihren drunter – es zeigt einen Pfeil nach oben und eine Frau, die sich an den Kopf fasst. Folge: Die AfD montierte ihr Werbeschild freiwillig wieder ab.

Jürgen Braun aber sammelt Pluspunkte bei den Moderaten, indem er sagt: „Ich bin gegen Rechtsextremismus“, und Björn Höcke „wird überschätzt“.

Publikumsfrage: Viele Leute wollen einfach „Butter aufs Brot schmieren und die Heizung bezahlen“ können – was tut ihr für die? Kowatsch will „mindestens zwölf Euro Mindestlohn“ und Online-Giganten dazu zwingen, dass sie endlich ordentlich Steuern zahlen. Braun will die Mehrwertsteuer senken, „mehr Marktwirtschaft“ und kostenlose Parkplätze, damit die Leute in der Innenstadt einkaufen statt bei Amazon.

Fazit: Für die grünen Ideen hat Braun vor allem Spott übrig; für die AfD-Positionen hegt Kowatsch spürbar Verachtung. Eine klärende Veranstaltung.

„Wählerwanderung“, das war die Idee: Schicken wir, begleitet von Leserinnen und Lesern, den von der Linken mit der von der CDU, den von der AfD mit der von den Grünen und den von der FDP mit dem von der SPD auf Spaziergänge; mal sehen, was sie einander zu sagen – oder an den Kopf zu werfen – haben. Wir wollen vorab nicht zu viel verraten. Nur dies: Teilweise britzelt die Luft ...

Schuldfragen: CDU und Linke

Inhaltsarm sei dieser Wahlkampf, wachsweich? Von wegen. Ausgesprochen

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