Rems-Murr-Kreis

Bundestagswahl im Rems-Murr-Kreis: Klimawandel, Erderhitzung – tut endlich was!

Unwetter
An Extremwetter werden wir uns gewöhnen müssen. Aber warum spielt das im Wahlkampf kaum eine Rolle? © Gabriel Habermann

Dies ist nicht ein Thema im Bundestagswahlkampf, sondern das Thema – oder sollte es zumindest sein: der Klimawandel; die für Abermillionen Menschen zusehends existenzbedrohlich werdende Erderhitzung. Die Republik aber diskutiert, ob Scholz einschläfernd wirkt, warum Laschet an der falschen Stelle lacht und was Baerbock studiert hat – wir haben Sorgen ... Worum es wirklich geht, daran erinnerte eine von lokalen Klimabündnissen veranstaltete Podiumsdiskussion im Waiblinger Kulturhaus Schwanen.

Gefragt ist nun eine „historisch einmalige Fokussierung“

Zunächst: die Stimme der Wissenschaft. „Wir müssen nicht das Klima retten“, sagt Impulsredner Dr. Georg Kobiela. „Und auch nicht den Planeten.“ Denn beide kommen „super ohne uns aus. Es geht um Zivilisationserhaltung!“ Wenn wir es noch schaffen wollen, die Erhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, dann müssen wir in einer „nie da gewesenen Geschwindigkeit“ und „historisch einmaligen Fokussierung“ die „Priorisierung von Klimaschutz in allen Politikbereichen“ betreiben.

Hinter diese Wucht muss die folgende, vom Schorndorfer Wirtschaftsjournalisten Leonhard Fromm moderierte Debatte fast zwangsläufig zurückfallen. Immerhin, den akuten Handlungsbedarf bestreitet niemand auf dem Podium; ein Vertreter der AfD ist ja nicht dabei. Die Veranstalter haben keinen eingeladen, da von einer Partei, die immer noch am menschengemachten Klimawandel zweifelt, sowieso keine vernünftigen Wortbeiträge zu erwarten seien.

Keine Kurzstreckenflüge mehr? Oder keine Verbote?

Einige Statements im Schnelldurchlauf: Weniger Geld in den Straßenbau stecken, Radwege ausbauen, fordert Anne Kowatsch, Die Grünen. Das Rad werde unterschätzt – die Hälfte unserer Strecken, die wir zurücklegen, sind „unter fünf Kilometer“. Im Übrigen: Kurzstreckenflüge sollten „dauerhaft nicht mehr stattfinden“.

Wir sollten es uns unten im Süden der Republik nicht bequem machen nach dem Motto: Die Energiewende regeln die da oben für uns mit Offshore-Windrädern in der Nordsee. „Wir müssen in Waiblingen auf der Buocher Höhe endlich die Windkraftanlagen bauen!“

„Mehr Straßen bringen mehr Verkehr, weniger Straßen weniger Verkehr“, das sei weltweit vielfach belegt, sagt Luigi Pantisano, Linke, von Kopenhagen bis Madrid, von Oslo bis Paris. Er beschwört die „Stadt der kurzen Wege“, wo wir „Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Freizeit zusammenbringen“.

„Wir brauchen den Deckel für das CO2“, sagt Stephan Seiter, FDP: Wenn der Gesamtverbrauch budgetiert ist, führt das zu „Wettbewerb beim Zertifikatehandel“ und Sparsamkeit – denn wer emittieren will, muss teuer bezahlen, durchaus auch mal „300 Euro“ pro Tonne.

„Ich halte von Verboten persönlich nichts“, sagt Christina Stumpp, CDU – sie will „auf Forschung, auf Technologie setzen“ und auch beim Auto „alle Antriebsarten im Auge behalten“, anstatt nur auf batteriebetriebene E-Mobilität zu vertrauen.

Ärger ums Solardach – und was wird aus dem Nordostring?

Klage aus dem Publikum: Eine Bekannte wolle, ganz vorbildlich, eine Fotovoltaikanlage installieren – „seit einem halben Jahr“ warte sie auf die Genehmigung, „irgendwas an ihrem Dach machen zu dürfen“. Auf dem Podium besteht parteiübergreifend Einigkeit: So geht’s natürlich nicht. Bei der Fotovoltaik „Verfahren beschleunigen“, fordert wie alle Christina Stumpp, CDU – da fragt man sich doch glatt, warum in den vergangenen 16 Jahren das Gegenteil passiert ist. Öko-Veteranen, die Ende der 90er Jahre, in der Pionierzeit der Energiewende unter Rot-Grün, zackig Solardächer bauen durften, erzählen immer wieder, wie absurd das seither erschwert worden ist.

Eine Publikumsfrage darf in einer Veranstaltung, bei der Waiblingens SPD-Urgestein Klaus Riedel im Saal sitzt, nicht fehlen; natürlich will er wissen: Werden Sie sich dafür einsetzen, dass der vierspurige Nordostring übers Schmidener Feld – oberirdisch viele Hundert Millionen, unterirdisch 1,4 Milliarden teuer – endlich aus dem Bundesverkehrswegeplan gestrichen wird?

Natürlich, sagen Abelein, Kowatsch, Pantisano quasi gleichzeitig, als habe ein Chorleiter ihnen den Einsatz gewunken. Nein, sagt Stumpp. Seiter hingegen spricht „als Ökonom: Dieses Projekt wird eh nicht kommen“, es sei „zu teuer“.

Gemeinsamkeiten wie Unterschiede sind herausgearbeitet – es war erhellend. Was aber wirklich nachhallt, als alles vorbei ist, sind die Eingangsworte des jungen Waiblingers Jonathan Rößler, der zu Beginn des Abends im Namen der Veranstalter sprach.

Ein junger Mensch beschreibt die Sorge um die Zukunft

„Ich bin gestern 25 Jahre alt geworden.“ Bereits Jahre vor seiner Geburt, 1992, schwor die Welt bei einer Konferenz der Vereinten Nationen sich darauf ein, die CO2-Emissionen zu senken – seither sind sie „um 58 Prozent gestiegen. Je mehr wir über den Klimawandel wissen und die tödlichen Folgen, desto mehr emittieren wir.“

2046 werde er seinen 50. Geburtstag feiern – in einer Welt, in der Dürre und Waldbrände, Überschwemmungen und Flutkatastrophen „Normalität“ und Millionen von Menschen auf der Flucht sein werden, weil die Bedingungen in ihren Heimatländern kein Leben mehr ermöglichen.

Die Erwärmung, unter der die Welt schon heute leidet, wurde ausgelöst von den Emissionen „unserer Eltern und Großeltern“ – die ganze Wucht der Erhitzung, werden „unsere Kinder und Kindeskinder“ durchleiden. „Aufhalten“ lasse sich das nicht mehr; aber noch sei Zeit, die Folgen „zu lindern“.

Dies ist nicht ein Thema im Bundestagswahlkampf, sondern das Thema – oder sollte es zumindest sein: der Klimawandel; die für Abermillionen Menschen zusehends existenzbedrohlich werdende Erderhitzung. Die Republik aber diskutiert, ob Scholz einschläfernd wirkt, warum Laschet an der falschen Stelle lacht und was Baerbock studiert hat – wir haben Sorgen ... Worum es wirklich geht, daran erinnerte eine von lokalen Klimabündnissen veranstaltete Podiumsdiskussion im Waiblinger Kulturhaus

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