Rems-Murr-Kreis

Bundestagswahl, Kreis Waiblingen: Wahlpartys - nur die FDP frohlockt

Stephan Seiter FDP
Berlin wartet auf ihn: Stephan Seiter, FDP, mit Gattin Ute Seiter. © Benjamin Büttner

Gedämpfte Freude bei der SPD in Neustadt, müde Stimmung bei der CDU in Stetten, allenfalls halb überzeugende Versuche, das Ergebnis super zu finden, bei den Grünen in Winnenden – und richtig blendende Laune nur bei der FDP in Grunbach: Eindrücke von Wahlpartys im Rems-Murr-Kreis.

Flieger gebucht - vor 18 Uhr: Ahnungen

Es ist noch gar nicht 18 Uhr, da haben sie bei der CDU in der Stettener Glockenkelter die Ergebnis-Analyse schon mehr oder weniger eingetütet – am markantesten bringt es der Weinstädter Ulrich Witzlinger auf den Punkt, mit in schmerzliche Knitterfalten gelegter Stirn: Ganz freundlich sei die Frau neulich am Wahlstand gewesen, wohlwollend, auf die Schulter geklopft habe sie ihm gar – und dann habe sie gesagt: „Den Söder hätte ich gewählt. Aber Laschet?

Ganz ähnlich formuliert es der in vielen Abstimmungsschlachten gestählte Wahlkampfmanager Ingo Sombrutzki aus Schorndorf: Die „größte Hürde“ bei der Wählermobilisierung sei Laschet gewesen, alle hätten das an den Infoständen gespürt.

„In Demut“ werde er das Ergebnis hinnehmen, sagt Witzlinger, es klingt fast wie die katholische Beichtformel; sie geht weiter mit den Worten: „und Reue ...“

Er sei, sagt Urs Abelein, „ein bisschen aufgeregt“. Neben ihm beißen kleine Kinder genussvoll in Crêpes. Vor der Eingangstür ins Paul-Gerhardt-Haus, das evangelische Gemeindehaus in Neustadt, stehen zwei, die den Impfstatus kontrollieren und die Kontaktdaten aufschreiben – auf einen Pappendeckel. Hier bei der SPD fehlt alles Steife, Professionelle, hier helfen Freunde, trifft sich Familie, hier sind die jungen Leute vom CVJM, die ihrem Urs Abelein beim Wahlkampf die Flyer ausgetragen haben. Noch nie, sagt Roland Wied, altgedienter SPD-Mann aus dem Waiblinger Stadtrat, habe er in seinen ganzen Jahren Wahlkampf erlebt, dass so viele bereit waren, zu helfen.

17.45 Uhr, kurz vor der Prognose. Wahlparty der Grünen in der Alten Kelter in Winnenden – das Wort Party ist aber übertrieben, es herrscht eher verhaltene Stimmung. „Vor drei Monaten hätte ich noch gedacht, unter 20 Prozent wäre ein schlechtes Ergebnis“, sagt Daniel Beier, Vorsitzender des Winnender Ortsverbands. „Jetzt würde ich mich über 17 Prozent freuen. Unter 15 Prozent wäre enttäuschend.“ – „Ich höre erst mal auf zu spekulieren und warte ab“, sagt hingegen Kreisvorstand Georg Blum. Müßig, über den mutmaßlichen Sturz Annalena Baerbocks in der Wählergunst zu sprechen. Wurden durch die vom Fernsehen ständig präsentierten Umfrage-Ergebnisse zu große Erwartungen geweckt? Wird der Wähler dadurch zu sehr beeinflusst? Diese Fragen stellt sich nicht nur Blum. „Fast zweimal pro Woche wurden die Ergebnisse präsentiert – was wäre, wenn heute Bundestagswahl wäre. In den Talkshows wurden die Kandidaten dann mit diesen Ergebnissen konfrontiert und nach Gründen gefragt. Aber was soll man dazu schon sagen? Die Inhalte rückten dadurch leider in den Hintergrund.“ Es klingt fast schon nach Analyse einer Niederlage.

Sein Flieger nach Berlin startet am Montag früh um 6.10 Uhr: Stephan Seiter, FDP, hat zur Sicherheit schon mal gebucht, da um 9 Uhr am Montag nach der Wahl schon die erste Sitzung der Landesgruppe beginnt. Guter Dinge sitzt er im Grunbacher „Hirschen“: Er hat einen guten Landeslistenplatz, er steht auf 11. Das könnte klappen.

Zwei klatschen - nach 18 Uhr: Deutungsversuche

Bei der SPD läuft der Fernseher. Erste Prognose: SPD und CDU gleichauf – Urs Abelein ist erschreckend still. „Ich habe“, sagt er, „die letzte Nacht ganz schlecht geschlafen.“ Aber was jetzt machen mit so einem Ergebnis? Wird’s wieder eine Große Koalition? „Ich hoffe nicht“, sagt Abelein. „Kommt gar nicht infrage“, sagt Wied.

Bei den Grünen löst die 18-Uhr-Prognose – 15 Prozent – derweil kaum eine Regung aus in der Alten Kelter. Erst als der große Stimmenzuwachs der Grünen in Hamburg auf prognostizierte 22 Prozent angezeigt wird, verhaltener Jubel. „Na ja. Es sind Prognosen, auf die gebe ich erst einmal nichts. Da sind noch mehrere Prozentpunkte drin“, kommentiert die Grünen-Landtagsabgeordnete Petra Häffner. „15 Prozent auf Bundesebene ist aber nicht schlecht.“ Um 18.55 Uhr macht die Prognose für das Land die Runde: 17 Prozent für die Grünen. Häffner ist zufrieden: „Wir senden ein gutes Signal ins ganze Land hinaus.“

Die Waiblinger Wahlkreis-Kandidatin Anne Kowatsch ist weiterhin guter Dinge, obwohl erste Hochrechnungen für den Rems-Murr-Kreis die Runde machen, die darauf hindeuten, dass die CDU-Frau Christina Stumpp das Rennen als Direktkandidatin macht. „Christina Stumpp und Urs Abelein (SPD) haben keinen Listenplatz ihrer Parteien. Ich schon. Ich bin zwar auf Platz 26, aber warten wir’s ab, was beim Mandatsrechner rauskommt“, sagt Kowatsch hoffnungsvoll. In ihrer anschließenden Dankesrede sagt sie: „Im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl haben wir deutlich zugelegt auf plus/minus 15 Prozent.“

Die Liberalen feiern derweil ihren Kandidaten Stephan Seiter und dessen mutmaßlichen Einzug in den neuen Bundestag im Grunbacher „Hirschen“ schon lange bevor offiziell feststeht, ob er’s wirklich geschafft hat. Das Ergebnis der FDP in Baden-Württemberg legt nahe: Seiters Listenplatz 11 wird definitiv reichen. Jochen Haußmann, Kreischef der FDP und Landtagsabgeordneter, hat sowohl einen Blumenstrauß als auch einen erlesenen Wein bereits zur Hand. Es wird heiß und heißer im voll besetzten Nebenraum des „Hirschen“. Doris Betz flitzt hierhin und dahin, fotografiert und strahlt übers ganze Gesicht. Sie gehört dem Kern-Wahlkampfteam an, hat anstrengende Wochen hinter sich, was überhaupt nicht schlimm ist, wie sie berichtet, im Gegenteil: „Mir macht das einfach Spaß. Wir haben alle unser Bestes gegeben.

Die Stimmung bei der CDU, gegen 18.45 Uhr: nicht prickelnd, nicht zerschmettert, nicht schockstarr, nicht vital. Gleichstand bei der 18-Uhr-Prognose, Rückstand bei der ersten Hochrechnung: Sie lassen das alles über sich ergehen. Laschets Rede auf der Großleinwand: Er spricht von „sechzehn guten Jahren für Deutschland“, sein „erster Dank“ gilt „der Bundeskanzlerin“. Zwei Leute klatschen.

Und jetzt? Gegen später: Vieles bleibt unklar

Bei der SPD macht eine wichtige Frage die Runde: Kann man heute noch anstoßen? Wann ist klar, ob Urs Abelein das Direktmandat gewonnen hat? Juliane Sonntag, ebenfalls Waiblinger Stadträtin, hofft auf Sekt. Und darauf, sagt sie, dass Urs Abelein der nächste Hermann Scheer wird. Umwelttechnisches Fachwissen brächte er ja mit, so als Erneuerbare-Energien-Ingenieur.

Bald zeichnet sich ab: Es wird wohl nicht klappen. Abelein trägt’s mit Fassung: Gerade, sagt er, sei er ja unbezahlt freigestellt. Wenn das Direktmandat nicht an ihn geht, kehrt er halt wieder zurück ins Amt für Umweltschutz in Stuttgart. Da arbeite er gern. Das sei kein Problem. Aber was den Wahlkampf betrifft, sagt er, ganz egal, wie’s ausgeht, „ich bereue das nicht“.

Gefüllte Sektgläser machen bei den Grünen die Runde. Der Backnanger Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich ist jetzt auch in die Alte Kelter gekommen. Sein Fazit: „Nur wenn man etwas von den vorherigen Prognosen auf Basis der Wählerumfragen gehalten hat, könnte man jetzt enttäuscht sein. Die Wahrheit ist: Wir Grünen haben zugelegt und werden weiter zulegen.“ Die Wahrheit ist aber auch: Von Hochrechnung zu Hochrechnung rutschen die Grünen tiefer.

Auf Stephan Seiters Handy ploppt mittlerweile eine Nachricht nach der anderen auf, und irgendwann des Nachts, hofft er, wird es klingeln – vermutlich erst sehr früh am Morgen wird ihn die endgültige, offizielle Nachricht erreichen: Den Flug nach Berlin müssen Sie nicht stornieren.

An einem der FDP-Tische sitzen ganz Junge, unter ihnen Patrick Bertsch, 26. „Ich werde mich nicht drauf verlassen können, dass ich eine Rente bekomme“, sagt er – weshalb aus seiner Sicht die Aktienkultur im Land zu stärken sei. Das ist nur einer der Gründe, warum es ihn zu den Liberalen zieht: Bildung stärken bedeute, Chancen zu schaffen, und im Übrigen habe die FDP ein sehr gutes Programm, um dem Klimawandel zu begegnen, Stichwort CO2-Zertifikate. Dass Experten dieses Programm – und auch jene der anderen – nicht für ausreichend halten, hält er aus: Man solle erst mal die Dinge angehen und dann sehen, wie’s läuft.

Und die CDU? Immerhin, Christina Stumpp holt das Direktmandat. Aber sonst? „Ach“, seufzt Ulrich Witzlinger, „i woiß au net.“ Er sucht nach Worten: „Ach.“ Er sucht weiter: noch mal „ach“. So richtig fündig wird er nicht: „Was sollst du sagen.“ Vielleicht passe das Ergebnis ja: Die Republik total in Enthusiasmus und Aufbruchstimmung versetzt habe eben keine Partei.

Und nun? Die Koalitionsverhandlungen dürften sich hinziehen. Grün will nicht so recht mit Schwarz und Gelb, FDP-Lindner nicht mit Rot und Grün. Schwarz mit Rot aber, findet Familienrichter Witzlinger – das wäre, als würde ein geschiedenes Paar, das sich längst nichts mehr zu sagen hat, aus Langeweile noch mal in die Flitterwochen fahren. Wahlparty? Hängeparty.

Gedämpfte Freude bei der SPD in Neustadt, müde Stimmung bei der CDU in Stetten, allenfalls halb überzeugende Versuche, das Ergebnis super zu finden, bei den Grünen in Winnenden – und richtig blendende Laune nur bei der FDP in Grunbach: Eindrücke von Wahlpartys im Rems-Murr-Kreis.

Flieger gebucht - vor 18 Uhr: Ahnungen

Es ist noch gar nicht 18 Uhr, da haben sie bei der CDU in der Stettener Glockenkelter die Ergebnis-Analyse schon mehr oder weniger eingetütet – am markantesten

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