Rems-Murr-Kreis

Bundestagswahl zum Staunen: Kaisersbach komisch, Tim-Luka Schwab stark

Rathaus Kaisersbach
Ein für den Wahlkreis Waiblingen außerordentlich unrepräsentatives Ergebnis hat es in Kaisersbach gegeben ... © Gabriel Habermann

Teilweise spektakuläre Ergebnisse hat diese Bundestagswahl im Rems-Murr-Kreis erbracht: zerschmetterte Fundamentalverlierer und himmelstürmerische Triumphatoren – eine Datenlese in fünf Thesen. In den Hauptrollen: die junge Garde der SPD, die Enttäuschten von CDU und AfD, Reinhold Maiers glückliche Erben von der FDP und ein Dorf namens Kaisersbach.  

These 1: Wahlen drohen für die CDU zum Dauer-Alptraum zu werden.

Bei der CDU scheinen manche den Knall noch immer nicht gehört zu haben. Robin Wenz von der Jungen Union Rems-Murr sprach am Sonntagabend von einem „klasse Ergebnis“ im Wahlkreis Waiblingen.

Ja, Christina Stumpp hat das Direktmandat gewonnen. Aber die 25,7 Prozent Zweitstimmen sind im Wahlkreis der schlechteste Wert in der Geschichte der Republik.

2013 waren es noch 45,6. Hier von fast 20 Prozentpunkten Verlust binnen acht Jahren zu reden, wäre rein formal zwar korrekt; aber das ganze Ausmaß des Debakels offenbart sich erst, wenn man’s klarer formuliert: Der CDU ist seit 2013 fast die Hälfte ihrer Wähler stiften gegangen.

Dieser Zerfallsprozess fügt sich ein in einen größeren Trend: Seit 2019 ist die Union bei acht von zehn deutschen Wahlen (Landtage, Bundestag, Europa) unter 30 Prozent gestrandet.

Vollends gruselig wird es, wenn man sich das Abstimmungsverhalten der 18- bis 24-Jährigen bei der Bundestagswahl anschaut (Quelle: Infratest dimap): Die CDU/CSU war mit 11 Prozent nur die vierte Kraft hinter Grünen (23), FDP (22) und SPD (14).

Die Junge Union hat für Christina Stumpp engagiert gekämpft: Respekt! Aber die JU-Leute sind ganz offensichtlich in ihrer Generation nicht im Geringsten mehrheitsfähig.

These 2: Die AfD hat im Rems-Murr-Kreis abgewirtschaftet.

Die AfD ist ein zerstrittener Haufen, nicht nur, aber auch im Rems-Murr-Kreis; davon zeugen diverse Austritte von Kreis- und Waiblinger Gemeinderäten, öffentlichkeitswirksam bekannt gemacht direkt vor der Wahl. In den Städten nehmen offenbar nur noch wenige die AfD als voll zurechnungsfähige politische Kraft ernst – bei der Bundestagswahl kam die Partei in Winnenden auf unter 9, in Waiblingen auf etwas über 8, in Weinstadt auf weniger als 7 und in Fellbach auf 6,6 Prozent. Nur in Schorndorf, wo die AfD-Stadtratsfraktion eine ungewöhnlich umtriebige und taktisch durchaus clevere Oppositionspolitik betreibt, glückte mit Ach und Krach ein zweistelliges Ergebnis: 10,0.

Der größte Erfolg gelang im kleinen Kaisersbach (14,8) – aber das ist so ziemlich der unrepräsentativste Ort im ganzen Wahlkreis Waiblingen: Dort hat die CDU (28,7) bestes Ergebnis geholt, während Grüne (9,4), SPD (16,9) und Linke (1,6) nirgendwo sonst so schlecht abgeschnitten haben.

Es gibt zwei weitere AfD-Hochburgen in unserer Gegend; Blick in den Nachbar-Wahlkreis Backnang/Gmünd: Zu ihm gehören 34 Kommunen von Abtsgmünd im Osten bis Kirchberg/Murr, 65 Kilometer weiter westlich. Innerhalb dieses gesamten Gebietes schlagen zwei direkt benachbarte Gemeinden im Norden des Rems-Murr-Kreises voll aus der Art: Die AfD hat in Großerlach 20,4 Prozent Zweitstimmen geholt und in Spiegelberg 19,2. Abgeschlagen auf Platz drei: Das nur etwa 1000 Seelen zählende Dörflein Täferrot bei Gmünd mit 17,0 Prozent AfD-Voten.

Wahr ist aber auch: In Thüringen (24 Prozent) und Sachsen (24,6) ist die AfD die Nummer eins. Aus dem parteiinternen Machtkampf zwischen den eindeutig Radikalen und den sogenannten Moderaten gehen die Höcke-Truppen als glasklare Sieger hervor. Sie werden in der neuen AfD-Bundestagsfaktion den Ton angeben. Die eher Gemäßigten wie der Waiblinger MdB Jürgen Braun (Höcke „wird überschätzt“, pfiff er noch vor wenigen Tagen im dunklen Wald) werden sich eingliedern müssen; oder nicht mehr viel zu melden haben.

These 3: Bei der SPD hat sich das Personal der Zukunft gezeigt.

Urs Abelein, erst 30 Jahre alt, hat im Wahlkreis Waiblingen für die SPD einen außerordentlich glaubwürdigen, ökologisch engagierten Wahlkampf per Lastenfahrrad gemacht. Da er nicht über die SPD-Landesliste abgesichert war, kommt er nicht in den Bundestag. Aber ihm gehört die Zukunft.

Und im Wahlkreis Backnang/Gmünd trat für die Sozis eines der parteiübergreifend größten politischen Talente weit und breit an: Tim-Luka Schwab, 21 Jahre jung, finanziert sich Führerschein und Studium als Zeitungsausträger, Radkurier oder schwindelfreier Fensterputzer an Stuttgarter Hochhäusern, sitzt bereits seit 2019 im Gmünder Gemeinderat, organisiert Proteste gegen Rechtsextremisten, hat Fridays for Future Ostalbkreis mitgegründet, lässt sich durch Schmähungen nicht einschüchtern und treibt die Gmünder Polit-Honoratioren, die es als Majestätsbeleidigung empfinden, wenn so ein junger Kerle ihnen widerspricht, die Wände hoch.

Bei der Bundestagswahl sah sich Schwab in seinem strukturkonservativen Wahlkreis einer unschlagbaren Gegnerin gegenüber, der weithin geschätzten ehemaligen Europa-Abgeordneten Ingeborg Gräßle, CDU – und holte dennoch 24,4 Prozent Erststimmen. In Gmünd selber, wo man ihn am besten kennt, kam er gar auf 26,1.

Die baden-württembergische SPD aber in ihrem unergründlichen Ratschluss hat Schwab auf den 36. und allerletzten – sprich: einen völlig aussichtslosen – Platz der Landesliste gesetzt. Dahinter kommt nur noch die mondlose Ostälbler Nacht.

Lernt aus euren Fehlern, Alt-Genossen!

These 4: Jetzt noch stammlandiger – das Remstal ist FDP-Revier.

Wenn je ein Klischee gestimmt hat, dann dies: Das Remstal ist das Stammland der Liberalen, auf Reinhold-Maier-Geläuf sind sie Abräumer. FDP bundesweit: 11,5 Prozent – beachtlich. FDP in Baden-Württemberg: 15,3 Prozent – stark. FDP im Wahlkreis Waiblingen: 17,7 Prozent – bärenstark. FDP in Kernen: 19,9 Prozent ...

Bei den Erst- wie den Zweitstimmen belegt die FDP im Wahlkreis Waiblingen Platz drei: vor den Grünen!

These 5: Es ist halt keine Persönlichkeitswahl

Er hat sich in einem aussichtslosen Wahlkampf aufgerieben und ist untergegangen: der Waiblinger Luigi Pantisano, Die Linke. In Konstanz bei der OB-Wahl hat er im Herbst 2020 ein furioses Ding rausgehauen: über 45 Prozent. Unter Linken ist er seither bundesweit eine Legende. Aber beim Show-down am Bodensee wurde er als Charakterkopf wahrgenommen – nun beim Bundestagsrennen war er schlicht der von der Linken; und verkümmerte bei 2,6 Prozent.

Eine Bundestagswahl ist im Kern keine Persönlichkeits-, sondern eine Parteiwahl: Pantisano hat das auf die harte Tour gelernt.

Teilweise spektakuläre Ergebnisse hat diese Bundestagswahl im Rems-Murr-Kreis erbracht: zerschmetterte Fundamentalverlierer und himmelstürmerische Triumphatoren – eine Datenlese in fünf Thesen. In den Hauptrollen: die junge Garde der SPD, die Enttäuschten von CDU und AfD, Reinhold Maiers glückliche Erben von der FDP und ein Dorf namens Kaisersbach.  

These 1: Wahlen drohen für die CDU zum Dauer-Alptraum zu werden.

Bei der CDU scheinen manche den Knall noch immer

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper