Rems-Murr-Kreis

Charly und die Kartoffelkäfer: Sammelt das "Äbira-Prodschegt"-Team schneller, als der Schädling frisst?

Charly und die Kartoffelkäfer
Blatt für Blatt sucht Charlotte „Charly“ Ulrich die Kartoffelpflanzen nach den eigentlich ja so hübschen, kugeligen, gelb-schwarz gestreiften Käfern und deren roten Larven ab. © Eckstein

Das hier ist nichts für zarte Gemüter. Und ein handgemachter Kartoffelanbau, so sehr bio, wie’s nur irgendwie geht, hat nichts, wirklich überhaupt nichts mit Romantik und heiler Welt zu tun. Ganz im Gegenteil. Morgens um sieben standen Charlotte „Charly“ Ulrich und zwei weitere Kolleginnen vom „Äbira-Prodschegt“ wieder mal auf dem Acker beim Schwaikheimer Grüß-Gott-Weg am Sportplatz vorbei zur Linde hoch und hackten das Unkraut, das nach dem ergiebigen Regen und wegen der kuschligen Temperaturen so überhandnahm. Drei Stunden lang. Doch diese pflanzlichen Plagegeister sind ja mal gar nichts im Vergleich zu den Kartoffelkäfern.


Die Käfer-Prämie: Ein Cent – für die Mädchen wird’s ein großes Eis langen

„Ohgottogottogott“, ruft „Äbira-Prodschegt“-Mitglied Kathrin Haller und lobt eine Prämie aus: Ein Cent pro Käfer oder Larve – die drei kleinen Mädels, die dem Team beim Absammeln helfen, können sich locker ein großes Eis verdienen. Wo kommen nur all die Tiere her? Man sieht doch nie irgendwo welche fliegen! Und auf dem Acker, den Lothar Maier, „Äbira-Prodschegt“-Chefagriculteur und Schwaikheimer Wengerter, für den Kartoffel-Versuch zur Verfügung gestellt hat, waren auch noch nie Kartoffeln gewachsen. Die Biester können also nicht aus der Erde gekommen sein.


Ein Kartoffelkäfer, sagt Charly Ulrich, die längst zur Nachtschattengewächs-Spezialistin geworden ist, hat pro Vermehrungsakt bis zu 400 Nachkommen. Die leuchtorangefarbenen Eier, die so ein bisschen an Kaviar erinnern, kleben an den Unterseiten der Kartoffelblätter. Zwei Generationen gibt’s mindestens pro Kartoffelsaison. Macht alles in allem – eine ruinierte Ernte, wenn nicht akribisch jedes Kartoffelblatt umgedreht und abgesucht wird. Das Problem sind die Larven. „Die fressen in zwei Tagen alles leer“, sagt Lothar Maier.

Da gibt's die gern erzählte Mär vom "Amikäfer"

Es ist eine nach wie vor gern erzählte, jedoch nicht wissenschaftlich belegbare Mär, dass die Kartoffelkäfer im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern via Flugzeug über deutschen Äckern abgeworfen wurden. Es heißt, dass es vorher den Schädling in Deutschland nicht gegeben habe und er quasi als Biowaffe zu uns kam. Das stimmt so definitiv nicht. Historiker kennen Belege für Käfer-Heimsuchungen beispielsweise in Mülheim am Rhein aus dem Jahr 1877. Und seitdem kam es immer wieder zu wahren Käfer-Plagen. Doch die Geschichte vom bösen Feind, der das Land mittels Insekt auszuhungern versucht, ist so gut, dass sie schon im Ersten Weltkrieg erzählt wurde. Damals sollten die Franzosen die Bösen gewesen sein. Und als dann um 1950 herum fast die Hälfte aller DDR-Kartoffelfelder vom Käfer befallen waren und keiner der Katastrophe mehr Herr werden konnte, nutzte die politische Führung das Unglück zu Propaganda-Zwecken und der Käfer bekam einen neuen Namen. Er hieß von da an „Amikäfer“.

Solche Ressentiments pflegt das „Äbira-Prodschegt“-Team nicht. Charly aber kämpft mit einer anderen Erkenntnis: Besonders befallen vom gefräßigen Untier sind die Reihen mit den exquisiten Bio-Kartoffeln. Die „rote Emmalie“ – ein Reinfall. „Total am ...“ – nun ja. Erst mickrig gewachsen, jetzt ein Larven-Opfer. „Das enttäuscht mich“, sagt Charly. Und der Gedanke, dass manche Sorte vielleicht wegen guter Gründe von den Profi-Landwirten gemieden wird, lässt sich einfach nicht mehr wegschieben. Bitter.


Lothar Maier aber ist zufrieden mit seinen Mädels und mit den Ackerfrüchten. Das meiste sei „schee worda“. Und wie er einen Grabungsversuch startet, holt er gleich eine Handvoll junger Kartoffeln raus. „Des kriaget mir na“, sagt er.

Keiner, der professionell Kartoffeln anpflanzt, kann das leisten

Währenddessen kommt von Kathrin Haller ein weiteres „Ohgottogottogott“. Eins ist klar: Niemand, der den Kartoffelanbau professionell betreibt, kann einen solchen Aufwand betreiben. Niemand, der seine Kartoffeln zu einem Preis verkaufen muss, den die Kunden – und seien’s die gutwilligsten, idealistischsten und biobegeistertsten – noch zu zahlen bereit sind, kann so viel Zeit, Kraft und Personal in einen Acker stecken. So was macht nur das „Äbira-Prodschegt“-Team.

Kathrin Haller und Charly Ulrich tragen ihre Käfersammeleimer zu jenem großen blauen mit Deckel, der am Straßenrand steht. Aus dem kann kein Käfer hinaus in die Lüfte und zur nächsten Kartoffelpflanze starten. Keine Larve schafft es, wieder rüber auf den Acker zu krabbeln. Was Charly nach diesem Einsatz mit dem blauen Eimer und seinem Inhalt macht? Darüber breiten wir hier den gnädigen Mantel des Schweigens.


Der unermüdliche Nistkastenbauer

Der Kartoffelkäfer, den Charly Ulrich und ihre Mädels vom „Äbira-Prodschegt“ mit so viel Mühe aus ihrem Acker sammeln, damit die Ernte nicht zunichte sein wird, hat in Europa keine natürlichen Feinde. Da gibt’s kein anderes Insekt, das zum Beispiel als Parasit die Larven nutzt und damit schwächt und dezimiert, kein Vogel will den Käfer picken.

Andere ungeliebte Gäste in Feld und Flur dagegen werden auf ganz natürliche Weise in Schach gehalten – solange das Gleichgewicht stimmt.

Doch leider ist es halt so: Solange wir leben, wie wir leben, braucht die Natur Hilfe, da lässt sich nicht dran rütteln. Und diese Hilfe können wieder nur wir, die Übeltäter, leisten. Keinesfalls hilft’s der Natur, wenn dabei alle auf alle anderen verweisen: Die da oben, da drüben oder anderswo sollen’s richten? Dann wird das nichts. Zum Glück gibt’s auch Menschen wie Georg Bläsi.

Georg Bläsi wohnt in Breech, einem ganz kleinen Nest bei Lorch, das jenseits der Rems-Murr-Kreis-Grenzen liegt. Da er aber bis in den Rems-Murr-Kreis hinein, nämlich schon bis Plüderhausen, aktiv ist, soll diese Lokalzeitungs-Grenzüberschreitung ausnahmsweise erlaubt sein.

Weit über 400 Nistkästen im Remstal aufgehängt

Georg Bläsi hat schon als Bub gern geschreinert. Damals baute er sich Lastautos. Heute sind’s Nistkästen. Schon weit über 400 hat er aufgehängt – seine Frau hat aufgehört zu zählen. Das macht er, weil, sagt er, „die Vögel bei uns keinen Unterschlupf mehr finden“. Er verteilt sie im weiten Kreis um sein Heimatdorf herum und noch viel weiter bis ins hiesige Remstal rein. Alles in Absprache mit seinem Landratsamt in Göppingen, und auch die Pflege, Wartung und Reinigung seiner Kästen vergisst er nicht. Immer im Herbst geht und fährt er Strecke um Strecke ab und klettert auf die Leiter, um alte Nester und den Dreck wegzuputzen. Wenn’s ganz hoch droben ist, bei Eulenkästen zum Beispiel, dann braucht er seine Hebebühne. Zum Glück ist er fahrzeug- und werkzeugtechnisch bestens ausgerüstet.

Die runden Nisthöhlen macht er aus Naturholz: Ein Stück Stamm abgesägt – er nennt’s ‘nen „Hurgl“, – die Bandsäge angesetzt und im Kreis entlang der Hurgl-Silhouette gefahren. Zwei bis drei Nisthöhlen kann er so aus einem Holz sägen. Eine hat sogar noch die Rindenhülle. Die Höhlen bekommen dann noch ein wetterfestes Dach, natürlich einen Boden, Spechtschutz am Einflugloch und eine Polsterung an der Aufhängung, damit der tragende Ast am Baum nicht wundscheuert.

Georg Bläsi macht auch eckige Nistkästen: für Wasseramseln zum Beispiel. Er macht Halbhöhlen für Rotkehlchen und Rotschwänzchen, Kästen mit Vorzimmer für Eulen und Käuzchen und Kästen mit Räuberschutz. Die Fledermäuse vergisst er übrigens auch nicht.

Georg Bläsi macht das alles ehrenamtlich und mit unvorstellbar viel Engagement. Er geht in Kindergärten, berät Gartenbesitzer. Und er würde auch gerne noch über Plüderhausen hinaus in Richtung Schorndorf seine Nistkästen aufhängen. Aber: Das Ganze macht Mühe. Es wird, um’s ganz offen zu sagen, sogar ganz schön viel. Und drum fragt Georg Bläsi: Gibt’s da vielleicht hier oder dort im schönen Remstal jemanden, der mitmachen würde? Den Vögeln zuliebe!

Würde jemand mitmachen? Will jemand einen Nistkasten?

Georg Bläsi sucht Helferinnen und Helfer, die mit ihm zusammen Nistkästen aufhängen und pflegen. Wer nur einen Nistkasten für den eigenen Garten haben möchte, kann bei Georg Bläsi einen bekommen – gegen eine kleine Unkostenbeteiligung. Kontakt nur über Telefon 0 71 72/69 76

Das hier ist nichts für zarte Gemüter. Und ein handgemachter Kartoffelanbau, so sehr bio, wie’s nur irgendwie geht, hat nichts, wirklich überhaupt nichts mit Romantik und heiler Welt zu tun. Ganz im Gegenteil. Morgens um sieben standen Charlotte „Charly“ Ulrich und zwei weitere Kolleginnen vom „Äbira-Prodschegt“ wieder mal auf dem Acker beim Schwaikheimer Grüß-Gott-Weg am Sportplatz vorbei zur Linde hoch und hackten das Unkraut, das nach dem ergiebigen Regen und wegen der kuschligen

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