Rems-Murr-Kreis

Chlordioxid-Missbrauch: Wie Eltern ihre Kinder mit CDL und MMS vergiften

Kindergarten
Chlordioxid-Lösung ist kein Wundermittel - es ist schädlich. Wenn es Kindern verabreicht wird, ist das ein Fall fürs Jugendamt. © pixabay (CC0 Public Domain)

Ein beiläufig klingender Satz, hinter dem ein Abgrund lauert: „In der Akutphase trinken sie es völlig bereitwillig.“ „Sie“ sind laut Verfasser ein, drei und fünf Jahre alt. „Es“ ist ein vermeintliches Wundermittel, mit dem Menschen erhebliche, bleibende Schäden riskieren. Für ihre eigene Gesundheit – und die ihrer Kinder.

Nicht nur, aber vor allem für Eltern dürfte der folgende Text schwer zu ertragen sein: Auf Telegram tauschen sich Menschen über die missbräuchliche Anwendung von Chlordioxid-Lösung (CDL) aus. Und darüber, wie sie das Mittel Kindern verabreichen. Teilweise schon ab dem Moment ihrer Geburt.

CDL und MMS: Was Sie darüber wissen müssen

Der Gefahrstoff, in dem ätzendes Chlordioxid-Gas gebunden ist, wird auch als "Miracle Mineral Supplement" (MMS) verkauft. In der Industrie wird Chlordioxid als Bleichmittel verwendet oder zur Desinfektion. In geringen Mengen hilft es bei der Trinkwasseraufbereitung.

Experten warnen: Wird es Menschen verabreicht, kann es zu erheblichen, bleibenden Schäden führen. Für gesundheitsfördernde Wirkungen gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise. Folgerichtig ist in Deutschland weder CDL noch MMS als Arzneimittel zugelassen.

Querdenker-Szene: Zweiter Frühling für Giftmischer

Das hält Menschen offenbar nicht davon ab, beides so zu verwenden, als handle es sich dabei um ein Medikament. Schon lange vor der Corona-Krise wurden CDL und MMS in der sogenannten „Alternativmedizin“ als Wundermittel gepriesen. Der Erste, der das tat, war der Ex-Scientologe Jim Humble in den USA.

Skrupellose Menschen verdienen bis heute damit Geld. Nicht bloß durch den Vertrieb, auch mit Büchern und Seminaren zum Thema. Sie versprechen, CDL und MMS könnten Krebs heilen, Autismus, könnten nahezu bei jeder Krankheit angewendet werden. Die mitunter fatalen gesundheitlichen Folgen für alle, die das glauben, füllen ihnen den Geldbeutel.

In der Corona-Krise erreichte der Missbrauch von CDL neue Dimensionen. Der Hauptgrund: In der Querdenker-Szene wird behauptet, man könne sich damit vor Covid-19 schützen oder die Krankheit damit behandeln. Auch hier gilt: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, die das untermauern.

Telegram: Wo Kindeswohlgefährdung dokumentiert wird

Auf Telegram gibt es eine ganze Reihe von Kanälen, in denen sich Menschen über die vermeintlich korrekte, pseudomedizinische Anwendung von CDL und MMS austauschen. Immer wieder melden sich dort Eltern zu Wort, die ihre Kinder damit behandeln wollen. Es geht um Dosierungsfragen, Anwendungsbereiche, die eigene Herstellung und Tricks, wie man den Nachwuchs dazu bekommt, den Gefahrstoff zu sich zu nehmen.

Eine Nutzerin fragt beispielsweise: „Kann ich das ganz sicher auch von Geburt an meinem Baby geben? Ich hatte daran gedacht, dass ich mit CDL das Wasser anreichere, welches ich dann zum Zubereiten der Babynahrung nehme.“ In der Regel melden sich dann andere Eltern zu Wort, die sie dazu ermutigen. Beispiel: „Bei Babys sollte die Anfangsdosis …“ – den Rest des Zitats werden wir an dieser Stelle nicht verbreiten.

Andere empfehlen gar, den Kleinsten ruhig ein bisschen mehr zu geben. „Ich selbst habe drei Kinder und es ist besser, die täglichen Rationen […] zu erhöhen […] für den Fall, dass Nahrung oder Vitamine der Wirkung von […] CDL entgegenwirken, ist […] eine optimale Versorgung und Wirkung garantiert“, schreibt eine Nutzerin. „Und das bisschen mehr […] CDL, das man verbraucht, […] kostet fast nichts.“

Kindeswohlgefährdung? Ein Fall fürs Jugendamt

Eltern geben in diesen Telegram-Kanälen an, ihren Kindern CDL einzuflößen, ans Auge zu schmieren, ins Badewasser zu kippen. Längst beschäftigen sich in Deutschland auch Jugendämter mit derartigen Fällen. Wie sieht es im Rems-Murr-Kreis aus?

„Bei uns ist kein Fall einer Gesundheitsschädigung durch CDL bzw. MMS bekannt“, sagt eine Sprecherin des Landratsamts auf Nachfrage. „Begründete Verdachtsfälle, die als gewichtiger Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung gelten, können natürlich jederzeit dem Jugendamt gemeldet werden. Dieses steigt dann in eine Gefährdungseinschätzung ein.“

Giftnotruf: CDL-Fälle steigen auf niedrigem Niveau

Unsere Recherchen, aber auch aktuelle Berichte anderer Medien erwecken den Eindruck, die Fälle von Chlordioxid-Missbrauch würden zunehmen. „Diesen Eindruck haben wir auch“, sagt Dr. Uwe Stedtler, stellvertretender Leiter der Vergiftungs-Informations-Zentrale (VIZ) am Universitätsklinikum Freiburg. „Wobei sich das Ganze auf einem relativ niedrigen Niveau bewegt.“

Im Jahr melden sich über 30.000 Menschen bei der VIZ, die für Giftnotfälle in ganz Baden-Württemberg zuständig ist. Die stärksten Quartale für Anrufe wegen CDL seien das letzte Quartal 2021 (19 Fälle) und das erste Quartal 2022 (15 Fälle) gewesen. „Wir sehen da eine deutliche Welle“, so Dr. Stedtler. „Wir sehen, da ist was, und tatsächlich auch parallel laufend zu den Inzidenzen.“

Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen

Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Menschen CDL für einen Ersatz für die Corona-Impfung oder ein Covid-Heilmittel gehalten haben? Der Arzt sagt: „Das ist häufiger der Zusammenhang, von dem wir hören.“ Die VIZ rät in jedem Fall von einer Einnahme ab. Denn auch wenn bei der pseudomedizinischen Anwendung nur wenige Tropfen CDL mit Wasser vermischt eingenommen würden, sei das Mittel „erstaunlich stark magen-darm-reizend“.

„Wir haben eine ganze Reihe Berichte von Leuten, die das oft auch mehrfach nehmen und dann über Übelkeit, Erbrechen oder Magenschmerzen klagen“, sagt Dr. Stedtler. „Trotz geringer Dosierung.“  In der Regel handle es sich dabei um Erwachsene – denen je nach Ausprägung der Beschwerden ein Arztbesuch empfohlen werde.

Warnsignale: Wie CDL-Anhänger sich selbst belügen

Dringen solche Informationen nicht bis in die Telegram-Kanäle durch? Doch, auch in der Blase aus Impfgegnern und Querdenkern finden sich Hinweise auf die schädliche Wirkung von CDL und MMS. Und werden auf perfide Art und Weise beiseitegewischt.

Dass Experten Alarm schlagen, begründet man mit einer simplen Verschwörungserzählung: Die Pharmaindustrie wolle nicht, dass alle von der angeblichen Wirkung des Gefahrstoffs Wind bekommen. Und wenn die Kinder über Bauchschmerzen klagen oder man selbst kotzend über der Kloschüssel hängt, wird in den einschlägigen Kreisen eine vermeintliche Erklärung geliefert: Das ätzende Mittel löse nun mal Gifte aus dem Körper, das sei Teil des Heilungsprozesses.

Dass in Wahrheit CDL und MMS selbst das Gift sind – darauf kommt dort erstaunlicherweise kaum jemand.

Ein beiläufig klingender Satz, hinter dem ein Abgrund lauert: „In der Akutphase trinken sie es völlig bereitwillig.“ „Sie“ sind laut Verfasser ein, drei und fünf Jahre alt. „Es“ ist ein vermeintliches Wundermittel, mit dem Menschen erhebliche, bleibende Schäden riskieren. Für ihre eigene Gesundheit – und die ihrer Kinder.

Nicht nur, aber vor allem für Eltern dürfte der folgende Text schwer zu ertragen sein: Auf Telegram tauschen sich Menschen über die missbräuchliche Anwendung von

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper